Friedenspreisträgerin Carolin Emcke Der Anti-Dylan

Selbstgefällig, pathetisch, verurteilend: Carolin Emcke wird für ihre Rede in der Paulskirche kritisiert. Frontenbildung ist so alltäglich geworden, dass sie selbst da mitschwingt, wo es um Versöhnung geht.

Carolin Emcke
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Carolin Emcke

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Das Wort "Moral" klingt für viele Leute wie etwas Schlechtes, und da geht der Spaß schon los. In einer Zeit, in der die Kombination aus "gut" und "Mensch" als Beleidigung gilt, wird Moral häufig in den Varianten "Keule" oder "Predigt" präsentiert, so als hätten wir nicht alle eine eigene Einteilung in Dinge, die wir okay oder nicht okay finden, die sich immer dann äußert, wenn wir reden oder schimpfen, einkaufen oder klauen, in der Schlange warten oder alle vor uns umschubsen, also in ungefähr siebentausend kleinen Entscheidungen an jedem einzelnen Tag.

Carolin Emcke hat in der Paulskirche eine Rede gehalten, weil sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich Leute über die Verleihung eines Friedenspreises fetzen. An den Reaktionen auf Emckes Rede lässt sich je nach dem, wie man es sieht, entweder eine tiefe Verunsicherung, ein Redebedürfnis oder auch ein Zuhörbedürfnis feststellen - oder auch alles zusammen.

Als Preisträgerin hat Carolin Emcke den Anti-Dylan gegeben: Anders als Bob Dylan, der zur allgemeinen Belustigung auf seinen Preis zu scheißen scheint, hat sie ihren angenommen, ernst genommen und eine Rede gehalten, wie sich das gehört. Für manche viel zu sehr, wie sich das gehört. Nichts an ihrer Rede war so cool, wie viele jetzt Bob Dylan finden, weil Coolness eine Unberührtheit voraussetzt, die Emcke weder hat noch haben will, wenn sie darüber spricht, was es heißt, Teil einer Gesellschaft zu sein. Als Angehörige einer sogenannten Minderheit, als politischer Mensch, als Mensch überhaupt. Politischer Ernst ist selten lässig.

Emcke wird als moralische Streberin dargestellt

Neben viel Wohlwollen und Dankbarkeit erfährt die Rede auch einige Kritik und Missgunst, die im Großen und Ganzen darin besteht, einerseits zuzugeben, dass Emcke theoretisch mit allem recht habe, aber wenig Neues erzähle und sich in selbstgefälligem Pathos so ganz wohlfühle auf ihrer Kanzel. Das ist ein ziemlich eigenwilliger Widerspruch, wenn man bedenkt, was sie gesagt hat. Auf Tagesspiegel.de hieß es, Emcke wolle in "erster Linie verurteilen, nicht verstehen". Frontenbildung ist so alltäglich geworden, dass sie selbst in einer Rede mitgehört wird, in der es heißt: "Verschiedenheit ist kein Grund für Ausgrenzung. Ähnlichkeit keine Voraussetzung für Grundrechte. Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden." Eigentlich eine sehr entspannende Aussage, aber offenbar zu suspekt. Eine Rede, die für grundlegende Rechte plädiert, wird missverstanden als eine, die spalten will. What a time to be alive.

Schon im Juni, als bekannt gegeben wurde, dass Carolin Emcke den Friedenspreis bekommt, machte sich "Welt"-Redakteurin Hannah Lühmann darüber lustig, dass das ja wohl keine besonders originelle Wahl sei, weil Emcke ja eh in allem recht habe und man gar nicht gegen sie sein könne, was eine streitbare Behauptung ist, da es nicht um Winnie Puuh geht, sondern um eine Autorin, die sehr wohl Gegenwind erfährt und nun von Teilen des Feuilletons als eine Art moralische Streberin dargestellt wird.

Fühlen sich wirklich alle frei? Auch die Dragqueens?

"Spontan einleuchtend und wenig kontrovers", nennt auch Adam Soboczynski in der "Zeit" Emckes Überlegungen in ihrem Buch "Gegen den Hass" - zunächst. Dann aber stellt er fest, dass Emcke mit ihrer Arbeit nicht nur "arrivierte Meinungselite" sei, sondern ärgerlich redundant, ihre Aussagen selbstverständlich und pathetisch. Preaching to the converted nennt Richard Kämmerlings das Genre ihrer Rede in der "Welt", und sein Kollege Thomas Schmid findet Emckes Thesen "zweifellos sympathisch", zugleich aber: "ärgerlich" und "unterkomplex". "Jeder mit Einsicht begabte Mensch könnte fast jeden ihrer Sätze unterschreiben", und spätestens da muss man sagen: offenbar nicht.

Offensichtlich sind die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten wie Respekt vor anderen und die Kenntnisnahme ihrer Individualität trotz Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen nämlich gar keine Standardwerte, auf die man sich verlassen kann. Sonst würde Carolin Emcke nicht so viel Verwirrung und Provokation auslösen. Schmid schreibt über Emcke, "das Volk, das sie führt, fühlt sich längst frei". Sicher? Auch die Dragqueens?

Die "Spring doch!"-Rufe von Schmölln mögen nicht passiert sein. Aber alle haben sie sich gut vorstellen können. Nicht, weil wir eine so brutale Fantasie haben, sondern weil vermeintliche Selbstverständlichkeiten nicht mehr so sicher sind, wie man vor einer Weile noch dachte. Es mag für manche anstrengend sein, sie in voller Länge ausbuchstabiert zu hören, aber es wird noch viel anstrengender, wenn wir sie nicht mehr hören.

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insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
emmaz 25.10.2016
1. Wieder ein Lichtblick
Wie fast immer empfinde ich Erleichterung beim Lesen von Frau Stokowskis Artikeln und ihrer darin zum Ausdruck kommenden Denkweise.
klausbacker 25.10.2016
2. Preis völlig verfehlt.
Diese arrogante Rede beweist, dass Caroline E. die falsche Preisträgerin ist.
spon-facebook-10000315790 25.10.2016
3. Mao lebt
Naja, thank you, Maggie, Ahem Räusper, dachte werde aufgeklärt, war immer so links, cool, nun bin ich rechts, da die Welt verdreht ist, undurchschaubar, der Text (Kolumne) bestätigt den Meinungskampf, um die Hoheit der reinen Wahrheitslehre, der Moralapostel der Demokratie, die elitären Vordenker, die dünne Soße im Feuilleton, diese übersättigte So-Wohl-Als-Auch Mitte Gerede. Das Volker Weidermann Geflüster. Mit Maxim Biller Chili. Diese Hohepriester der Sprache. Trinkt noch ein Haselnuss Latte, esst ein Joghurt mit Blaubeeren, kauft eine Prada Tasche, Anti Aging Creme, und dann frei von der Leber weg. Der alte Spruch: Papier ist geduldig, nun heißt Docs schweigen ja, eine Wucht zieht über uns hinweg, ein Info Tsunami, und man bemüht sich aufzuklären, glaubt, hab ein paar Scheine gemacht, nun kann ich denken, armer Heidegger, armer Nietzsche, sie würden zur Pistole greifen, diese Scheingefecht, der Krieg ist ja weit weg, das zu Ende-Denken ist out, alle reden durcheinander, eigentlich könnte man chinesische Wandzeitungen lesen.
TOKH1 25.10.2016
4. bin nicht immer...
Ihrer Meinung, aber diesmal sehr gut getroffen, Ihr Artikel. Genau darum geht es. Wir sind als Menschen verschieden, und dürfen es auch sein, weil es nun einmal einfach so ist. Nichts ist beständiger, als die Veränderung ( frei nach Fritz Riemann: Grundformen der Angst ).
giftzwerg 25.10.2016
5. Schmid nicht verstanden
"Offensichtlich sind die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten wie Respekt vor anderen und die Kenntnisnahme ihrer Individualität trotz Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen nämlich gar keine Standardwerte, auf die man sich verlassen kann. Sonst würde Carolin Emcke nicht so viel Verwirrung und Provokation auslösen. Schmid schreibt über Emcke, "das Volk, das sie führt, fühlt sich längst frei". Sicher? Auch die Dragqueens?" Ich habe zuerst Ihren Artikel gelesen, Fr. Stokowski und dann den von Hr. Schmid und mir scheint, dass Sie seinen Artikel nicht verstanden haben. Sie werfen Hr. Schmid etwas vor, was er selbst anerkennt. Er ist sich nämlich sehr wohl bewusst, dass Minderheiten in DE noch immer diskriminiert werden: "Nicht zuletzt weil sie homosexuell ist, hat Carolin Emcke ein genaues Gespür für das Drama der Schutzlosigkeit, das jeder erfahren kann, der wie auch immer „anders“ ist, ob in Syrien, in Clausnitz oder in Berlin." "In ihrer effektvoll vorgetragenen Rede hat Carolin Emcke eindringlich für etwas plädiert, was zumindest in einer liberalen Bürgergesellschaft selbstverständlich sein sollte, es aber selbst dort noch lange nicht ist" Schmid bezog sich in seinen Zeilen auf einen bestimmten Teil der Bevölkerung, der in der Paulskirche repräsentiert war, nicht auf das Gros der deutschen Gesellschaft. Das ist Ihnen in Ihrem Eifer aber wohl entgangen. Folglich empfinde ich Ihre dieswöchige Kolumne als minderoptimal, da auf falschen Annahmen basierend, freundlich formuliert.
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