Casting-Finale bei Stefan Raab LMAA - und ab ins Bett

Carl hat Pippi in den Augen, Jochen findet alles "Hammer!" und Stefan ist elektrisiert von all der Geilheit. Und trotzdem: Bei Raabs Casting-Finale SSDSDSSWEMUGABRTLAD waren die Juroren zu nett und die Show zu öde - man sollte Bohlen holen.

Von Christoph Cadenbach


Nein, Tote waren am Ende nicht zu beklagen. Eingangs der Show, das heißt am späten Donnerstagabend gegen 23.16 Uhr, hatte Co-Moderatorin Johanna Klum noch vollmundig eine "musikalische Schlacht" angekündigt. Doch SSDSDSSWEMUGABRTLAD, die alternative Casting-Show von Stefan Raab, verhielt sich zum persiflierten RTL-Vorbild "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) wie eine Selbsthilfegruppe zum Bootcamp. Kein Krawall, keine Beschimpfungen, noch nicht einmal hysterisch kollabierende Kandidaten, sondern lauter Nettigkeiten – und damit einschläfernde Langeweile.

Jurymitglied Jochen Schmidt vom Musikriesen Universal zum Beispiel fand alle vier Finalisten "Hammer!" oder gleich "Hammer! Hammer! Hammer!" Und auch Stefan Raab, eigentlich der verbale Grobmotoriker unter den Abendunterhaltern, hüllte seine Schützlinge in rosarote Watteberge. Der Metzgersohn war ganz "elektrisiert von der Geilheit" im Kölner Fernsehstudio. Einziger Lichtblick unter den Juroren blieb der Musiker und Produzent Carl Carlton, ein heiterer Haudegen.

Carlton ist der Vater von Max Buskohl. Buskohl stieg im vergangenen Jahr freiwillig und völlig zu Recht bei der RTL-Castingshow DSDS aus. Raab wollte ihn in seine ProSieben-Sendung einladen, doch RTL untersagte den Auftritt. Raab rief daraufhin seine eigene Casting-Show ins Leben und bat Carlton in die Jury. Der kryptische Name der Show bedeutet übrigens "Stefan sucht den Superstar, der singen soll was er möchte und gerne auch bei RTL auftreten darf" und spielt auf Raabs TV-Total-Aktion "Freiheit für Max Buskohl" an.

Carlton, ehemals Gitarrist in Udo Lindenbergs Panikorchester, sah mit seinem Wuschelhaar und den kajalumrundeten Augen nicht nur aus wie eine Mischung aus Rod Stewart und Captain Jack Sparrow. Nein, er sprach auch so und sagte lustige Dinge wie "Ich hab Pippi in den Augen" - vor lauter Freude versteht sich. Das Grundproblem der Möchtegern-Unterhaltungssendung blieb aber trotz allen metaphorischen Urins bestehen: Wenn allen alles gefällt, geht die Spannung flugs flöten, vor allem werktags um kurz vor Mitternacht.

Da wünschte man sich, so traurig das scheint, eine Lederhaut wie Dieter Bohlen herbei, der die Kandidaten mal so richtig vor den Kameras scharfrichtet. Denn außer dem schlechten Benehmen fehlte der Show mit dem endlos langen Namen nichts, was die Mutter des Casting-Horrors, DSDS, nicht auch hat: etwa das genretypische Hinauszögern der Entscheidungen ("Wer gewonnen hat, erfahren sie nach der Werbung") und die ständig wiederholte Gewinnspielerei - nur alles ein wenig unaufgeregter.

Die teilnehmenden Künstler hätten das ganze Trara um Telefonabstimmung und Jurybewertung allerdings nicht nötig gehabt. Vier Musiker, die im Gegensatz zu ihren RTL-Pendants den Namen wirklich verdient haben, traten bei Raab gegeneinander an. Der traurig-schrullige Balladenmann Gregor spielte auf seiner Akustikgitarre selbst komponierte Lieder, mit denen er sich vor alternden Volksbarden wie Westernhagen oder Grönemeyer nicht verstecken muss.

Countryboy Mario faszinierte allein schon durch seine Größe. Dass dieser Grizzly von einem Mann erst 20 Jahre alt sein soll, lenkte denn auch gute fünf Minuten von der Trägheit der Show ab. Mit viel Testosteron unter dem Cowboyhut schmetterte er zwei Westernsongs auf das Parkett, die erstaunlicherweise gar nicht peinlich klangen. Traurige Ironie oder geschickte Sendeplanung: Der Pfundskerl aus dem Allgäu flog als erster raus, durfte aber zum Ende noch sein selbst geschriebenes Lied "Don’t feel sorry for me" intonieren.

Keine Popstarmarionetten, sondern ernsthafte Musiker

Und dann war da noch die rockige Steffi, Typ Zigaretten-Selbstdreherin mit Bastian-Schweinsteiger-Frisur. Ein Blick auf ihre Homepage beweist, dass - im Gegensatz zur RTL-Casting-Show - zumindest beim Online-Auftritt der Kandidaten keine PR-Strategen ihre Finger im Spiel hatten. Auf einem Sternenhimmel-Hintergrund wirbt die 31-Jährige nicht etwa für Pepsi oder ProSieben, sondern für "Löwenzahn Floristik" und das Brillenstudio "Charly's".

Verdient gewonnen hat am Ende die erst 18-jährige Stefanie. Das Indie-Girl aus der Schweiz sang im Finale die Motown-mäßige Nummer "My Man Is A Mean Man", angelehnt an den Supremes-Hit "He's My Man".

Stefan Raab muss man zu Gute halten, dass er sich wieder als Klaus Allofs des Musikbusiness entpuppt hat. Er spürt Talente wie Max Mutzke oder jetzt Stefanie und Gregor auf und züchtet aus ihnen keine Popstarmarionetten, sondern fördert sie als ernsthafte Musiker. Bei SSDSDSSWEMUGABRTLAD geht das sogar ganz ohne medialen Flankenschutz der Boulevardpresse, die einzige Cross-Promotion besorgt Raab lieber in seinen eigenen Produktionen.

Doch trotz aller Lorbeeren, bei SSDS… denkt man spätestens nach der vierten Werbeunterbrechung LMAA, ich will ins Bett! Oder man wünscht sich so ein hibbeliges Show-Äffchen wie Mark Medlock, den letzten DSDS-Gewinner. Dann hätte man wenigstens etwas zu Lachen.

Die vier Lieder der Finalisten dauern gerade einmal 15 Minuten. Die kann man sich anhören, wenn man will. Zweieinhalb Stunden Show-Sumpf am späten Donnerstagabend drum herum zu bauen und dann auch noch auf unterhaltenden Trash zu verzichten, ist einfach zu lang – und zu öde.



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