Casting-Show im ZDF Der Güte-Siegel

Sängerstreit, die Fünfte: Als letzter Sender hat nun auch das ZDF eine Casting-Show ins Rennen geschickt. Heraus kam die Erkenntnis, dass bessere Stimmen noch lange keine gute Sendung machen - und dass Jurymitglied Ralph Siegel die einmalige Chance vertat, Sympathiepunkte zu sammeln.

Von Wiebke Brauer


ZDF-Jury Oli P., Jule Neigel, Stephanie Tücking, Ralph Siegel: Was an Unterhaltungswert bleibt, sind die Bewerter
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ZDF-Jury Oli P., Jule Neigel, Stephanie Tücking, Ralph Siegel: Was an Unterhaltungswert bleibt, sind die Bewerter

Hier im Zweiten sieht man's besser. Die Casting-Show an sich lebt nur von der Jury. Präziser gesagt, von einem Ekelpaket inmitten einer verbrämenden Jury. Denn die ZDF-Talentsuche "Die deutsche Stimme 2003" ist kaum mehr als ein Konglomerat aus allen vorhergehenden Casting-Shows, in der alle Talente gleich begabt sind. Was als Unterhaltungswert bleibt, sind die Bewerter. Der allererste seiner Gattung war Detlef D! Soost, Beisitzer und peinigender Choreograph der Initial-Sendung "Popstars". Dann folgte Dieter Bohlen, der sich dank "Deutschland sucht den Superstar" zum selbigen hochwütete. Hugo Egon Balder ätzte sich durch "Star Search" auf Sat.1, Herr der harschenWorte, wenn es darum ging, Comedians zu bewerten, und schmieriger Freund der Frauen, sobald es galt, Möchtegern-Models zu begutachten. Und Ralph Siegel, Jury-Grande der "Deutschen Stimme 2003"? Er kam, schlief und verlor die Chance, Sympathiewerte im Volk und Quote für den Sender zu gewinnen. Der Siegel ist nämlich nicht so lustig wie der Dieter, kann nicht tanzen wie der D! und zu nett war er auch noch. Neun Kandidaten hatte er zu bewerten, die er zuvor zusammen mit Ex-"Formel 1"-Moderatorin Stephanie Tücking, dem Rock-Relikt Jule Neigel und dem Seriensänger Oli P. aus 12.000 Bewerbern herausgefiltert hatte. Das Prinzip der Sendung, die von dem farblosen Kai Böcking (ebenfalls Ex-"Formel 1") und der bemüht kumpelhaften Andrea Kiewel (Ex-"Fernsehgarten") moderiert wurde: Man nehme als Grundgerüst "Deutschland sucht den Superstar", zeige Einspielfilme wie in "Star Search" , um die Kandidaten vorzustellen, und eine Akademie, auf welcher die verbleibenden Anwärter in Gesang, Tanz und Styling geschult werden. Ach ja, auch für den prominenten Ehrendozenten, den DJ Bobo in der "Fame Academy" auf RTL2 verkörpert, gab es keinen Kopierschutz. Das ZDF bot Studienrat-Rocker Heinz Rudolf Kunze auf, zu dessen Erscheinen sein Hit "Dein ist mein ganzes Herz" eingespielt wurde. Da war die Redaktion wohl von der Angst umgetrieben, das vermeintlich jugendliche Publikum könne ihn gar nicht mehr kennen.
ZDF-Kandidaten: Alle gleich gut, alle irgendwie normal
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ZDF-Kandidaten: Alle gleich gut, alle irgendwie normal

Leider ließen die bis zum Überdruss bekannten Prinzipien der Show (Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDF) dem Zuschauer somit genug Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen. Plötzlich vermisste man die gewohnte Werbepause oder überlegte, ob der sonore Off-Sprecher der Einspielfilme ansonsten für die Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" arbeitete. Auch sonst gemahnte das öffentlich-rechtliche Casting-Spektakel an fossile Elemente des Fernsehens. ZDF-Hitparadengemäß wurden die Kandidaten angekündigt: "Und hier kommt unsere Startnummer sieben!", auch ein "Schnelldurchlauf" à la "Grand Prix"durfte nicht fehlen. (Böcking: "Als kleine Gedankenstütze"). Zu allem Übel wurde während jedes Kandidaten-Vortrages ein dicker Balken mit dem Hinweis "Live gesungen!" eingeblendet. Das hatte man sich fast schon gedacht. Die einzige und allein deswegen angenehme Differenz: Man singt deutsch beim ZDF. War dann aber auch egal, denn Abwechslung boten die Casting-Mitstreiter auf Grund ihres gleichmäßig verteilten Talents kaum: Alle waren gleich gut, trafen zumeist alle Töne und sahen irgendwie normal aus. Ausnahmen: Der als Model arbeitende Andreas aus Augsburg, der mit zittriger Stimme Echts "Weinst Du" vortrug, und Boris, Vater zweier Kinder, Lutschervertreter von Beruf und mit exotischem Rockabilly-Look versehen. Und siehe: Ausgerechnet diese beiden wurden von Ralph Siegel nicht belobhudelt. Dafür ließ der ungekrönte Schlagerkönig und ewige "Grand Prix"-Verlierer ansonsten keine Möglichkeit aus, um gutmütige Worte zu finden, wenn er aus seiner Lethargie erwachte. Er fand alles toll, wunderbar, war angetan. Kein Hohn, kein Spott, kein Spaß. Stattdessen fädelte er ganz raffiniert seine musikalischen Erfolge ein. So bedachte er Kandidatin Juliane ("Hier ist unsere Nummer acht") mit dem fragwürdigen Kompliment: "Da seh ich Nicole, da seh' ich Yvonne Catterfield, und du bist genau dazwischen". Für die Hamburger Sängerin Sina hatte er zwar keinen Erfolg mehr, neben die er sie hätte stellen können, fand aber dafür mal wieder bestätigt, dass die von ihr gesungene Katja-Ebstein-Nummer "Theater", eine Siegel-Komposition, noch immer nichts von seiner Aktualität eingebüßt habe. Ein echter Siegel überdauert eben jede Mode-Erscheinung, selbst wenn er als Casting-Juror ausnahmsweise einmal Teil einer solchen ist.Der Rest der Jury bot erwartungsgemäß wenig Überraschungen. Oli P. brachte ein jugendliches "Das ist Bombe" oder "Ich hab dich lieb, hau rein" heraus, Tücking wagte ein kritisches "Am Anfang hast du falsch gesungen" und Jule Neigel frönte am liebsten der Dankbarkeit der vier Sängerknaben, denen sie Komplimente ausgesprochen hatte. Aber schließlich hatte ja auch das Publikum - per TED - zu entscheiden, wer in der Show weiter kommt. Und so wählte man schließlich Sebastian aus Prerow hinaus, obwohl er genauso gut sang und genauso durchschnittlich aussah wie die anderen. "Tagessiegerin" wurde mit 35 Prozent Zuschauerzuspruch besagte Juliane: blond, zierlich und mit 18 Jahren das "Küken" der Kandidatenriege. Sie und die anderen Verbleibenden werden am kommenden Donnerstag wieder auf der Bühne stehen, wenn es wieder heißt: Hier ist unsere Deutsche Stimme 2003. Guten Abend.



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