Castingshow "Ich kann Kanzler": Die Bundes-Bambis

Von Matthias Matussek

In der ZDF-Castingshow "Ich kann Kanzler" wurden thematisch heiße Eisen wie Bildung und Krippenversorgung diskutiert. Die waren so mehrheitsfähig wie Schokoladenpudding. Das Spektakel fand vor einer Jury statt, die aus gütiger Verständnis-Schmunzelei kaum herauskam.

Eigentlich war das Format nur logisch: nach all den "Ich-kann-Model, -Showstar, -Eltern"-Shows, nach all den Simulationswettbewerben nun das politische Karaoke: Ich kann Kanzler. Wer hat Überzeugung am besten drauf? Das Gekicher der Unterhaltungsbranche springt über ins Politische, und das Politische löst sich erstmal auf in Geschmacksfragen, also im Unernst.

Andere Länder sind da übrigens schon weiter. In Italien verteilt der Premier Ämter an die Showstars seiner TV-Sendungen, und in Argentinien hängen Doubles aus dem Präsidentschaftswahlkampf mit einem echten Ex-Premier, Carlos Menem, in einem Big-Brother-Container ab.

Jetzt schlägt das ZDF mehrere Fliegen mit einer Klappe. Es hat nun endlich eine Castingshow. Es schmeißt sich an die Jungen ran. Es gibt den Menschen draußen im Lande das versöhnliche Gefühl, dass Günther Jauch ihnen nicht überlegen ist, worin wohl zum großen Teil sein Erfolg beruht.

Die Jury beim ZDF bestand aus Henning Scherf, der den großväterlichen politischen Veteranen gab, dem genannten Günther Jauch - Rolle: Normalo - sowie Anke Engelke, die mal Göre, mal die Mutti der Jugendherberge gab, in die sich der alte Bonner Parlamentssaal für die ersten Castings verwandelt hatte.

Verpatzte Selbstgänger

Zu den Kandidaten lässt sich sagen, dass sie sich alle - in verschiedenen Nuancen - für Abschaffung der Studiengebühren und für Bildung als "Investition in die Zukunft" aussprachen. Einige allerdings waren derart leidlich vorbereitet, dass sie selbst diesen Selbstgänger verpatzten.

Etwa der Boxer, der sich Politik mit mehr "Wums!" wünschte. Oder diese Nervensäge, die mit einer mehrfarbigen Torte anmarschiert kam, die dem Abschneiden der Parteien der letzten Wahl nachgebildet war. Die Sitzverteilungs-Torte! Tatsächlich umgesetzt!

Er wünschte sich, dass die Politiker nicht so abgehoben sprechen, und beklagte, dass sich die Parteien zu ähnlich sind und gleichzeitig so weit entfernt haben, dass sie nicht mehr miteinander reden. Oder umgekehrt. Das waren dann Momente, wo man sich ein paar Tritte von DSDS-Inquisitor Dieter Bohlen gewünscht hätte, doch Jauch wiegte den Kopf und meinte - "also meine Stimme hat er".

Während Engelke, die oft ihren "Bauch" sprechen ließ, nach einer bedeutungsschweren Pause, meint: "Also, ich seh' ihn nicht als Kanzler." Pluspunkt, Anke.

Ambivalente Anke

Allerdings musste sie ihn gleich wieder abgeben, als die nächste Kandidatin den durchaus erwägenswerten Vorschlag machte, den Fraktionszwang aufzuheben und die Abgeordneten wie im amerikanischen Kongress nicht über Listen, sondern direkt vom Volk wählen zu lassen. Engelke sagte verwirrt: "Da verliert man doch dann den Überblick."

Dann verlor sie ihn tatsächlich. Einer anderen Kandidatin warf sie im gleichen Atemzug vor, zu viele visionäre Ziele zu haben und wahrscheinlich zu viele Kompromisse einzugehen.

Die zwölf, die für Freitagabend übrig blieben und schließlich vor Publikum in einer Showarena auftraten, waren dann durch die Bank sympathische junge Leute und in der Lage, drei zusammenhängende Sätze zu sagen, wenn auch bisweilen nervöse und repetitive, schließlich mussten sie wiederholen, was sie bereits beim Casting hervorgebracht hatten.

Bildung, Krippenerziehung, Eingliederung.

Eine junge Türkin war darunter, die glaubhaft für Eingliederung warb, und eine junge Alleinerziehende mit vier Kindern, die vehement ihren Kampf für Eltern-Kind-Kompetenzzentren vertrat. Beide waren monothematische Zielflieger, aber beide hatten Energie und Charme und tatsächlich so etwas wie Charisma.

Einer fiel aus der Reihe: ein junger CSU-Geschäftsführer aus Inzell, Inhaber zweier Autohäuser, der für ein vereinfachtes Steuersystem warb, damit sich "Leistung wieder lohnt". Er gab sich so kantig, dass ein neoliberaler Eishauch durch den bunten Saal fegte. Er wurde rausgewählt. Zwei Autohäuser! Allerdings Opel!

In mehreren Testrunden wurde "politisches Wissen" befragt: Wie hoch ist das Kindergeld bei den ersten beiden Kindern? Wer ist der zweite Mann im Staat? Was spielte Konrad Adenauer am liebsten? Und zwischendurch immer wieder hinreißende Einspieler aus den Tagen, als Politik noch cholerisch vorgetragen werden durfte (Herbert Wehner!) und auf andere Weise "Spaß" machte.

Unbestrittener Überflieger des Abends war Jacob Schrot, 18 Jahre alt, gefühlte 80 Ehrenämter, der auch die Endrunde durch den routinierten Diskussionsleiter Peter Frey (Thema: Schülerstreik) elegant hinter sich brachte. Er warb darüber hinaus für eine gerechtere Gesellschaft und begann seine einminütige stump-speech mit den Worten: "Unser Vaterland ist stark." Mit 18.

Vielleicht war diese bedenkenlose patriotische Grundüberzeugung das Erstaunliche an diesem Abend, denn all die Kids waren auf die eine oder andere Art "stolz auf das Erreichte" - klingt längst nicht mehr nach 68. Warum auch? Sie haben ja recht.

Ein Wort noch zu Moderator Steffen Seibert: Er hat dieses Format mit erstaunlicher Sicherheit gemeistert. Er fand tröstende Worte für die Verlierer, fasste die Positionen der Diskutanten präzise zusammen, oft genauer als diese selber, und empfiehlt sich ab sofort für größere Aufgaben - es müssen keine Kochshows sein.

Was lernt unser politischer Prozess von diesem Abend?

Ein Comedy-Star sollte Comedy machen.

Ein Quizonkel sollte Quizfragen stellen.

Ein Ex-Politiker sollte Ex-Politik betreiben.

Und eine politische Castingshow ist kein Bambi-Zoo aus Augenaufschlägen, Muttisound und idealistischen Phrasen. Sie sollte nicht die Intelligenz beleidigen - in Kanada, wo ein ähnliches Format lief, ging das doch auch.

Sie sollte sich an dem Niveau messen lassen, auf dem - sagen wir - die Debattierclubs englischer College-Schüler diskutieren: schnell, unterhaltsam, intelligent. Mit einer unbarmherzigen Jury, die ihre Themen kennt, statt sie zu fühlen.

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insgesamt 94 Beiträge
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1. erbärmlich
Ingeboorg 20.06.2009
Verblödung überall!
2. Steffen Seibert: Ich kann Moderator!
MonaM 20.06.2009
Zitat von sysopZDF-Castingshow "Ich kann Kanzler"
Was hat man sich denn erwartet? Mehr als die Vorstellung einer Jugendtheatergruppe konnte das Ganze doch nicht sein. Der Abend brachte eine andere Erkenntnis: Matthias Matussek ist zuzustimmen, was den Moderator Steffen Seibert angeht. "Er hat dieses Format mit erstaunlicher Sicherheit gemeistert. Er fand tröstende Worte für die Verlierer, fasste die Positionen der Diskutanten präzise zusammen, oft genauer als diese selber, und empfiehlt sich ab sofort für größere Aufgaben - es müssen keine Kochshows sein." (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,631537,00.html) Ich kann ihm nur beipflichten.
3. Hape Kerkeling hat einstmals auf solch Geseich die einzig richtige Antwort gegeben:
BardinoNino 20.06.2009
Huuuuuuuurrrrrrz!
4. Oh mann
Cienne 20.06.2009
Politische Diskussionsrunden - total ok aber sowas? oh mann :(
5. Broder
fred2007 20.06.2009
Zitat von sysopIn der ZDF-Castingshow "Ich kann Kanzler" wurden thematisch heiße Eisen wie Bildung und Krippenversorgung diskutiert. Die waren so mehrheitsfähig wie Schokoladenpudding. Das Spektakel fand vor einer Jury statt, die aus gütiger Verständnis-Schmunzelei kaum herauskam. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,631537,00.html
Ich hätte mir gewünscht, Broder hätte den Kommentar zu diesem Debakel verfasst - seine Einschätzung, wie weit unser aller Held Geert Wilders bei dieser grauenvollen Show gekommen wäre, hätte mich brennend interessiert...
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