Castingshows in der Krise Keiner will sie singen hör'n

Die Inflation der Casting-Shows auf deutschen Fernsehkanälen scheint allmählich Wirkung zu zeigen. Die Quoten der Vorsing-Formate sinken, die öffentlich-rechtlichen Sender punkten auch beim jungen Publikum mit alten Schlachtrössern.


"Superstar"-Kandidaten: Sinkende Quoten
RTL

"Superstar"-Kandidaten: Sinkende Quoten

So richtig reißen sie's nicht mehr, die Casting-Programmangebote der Privatsender. Noch vor anderthalb Jahren versammelte die erste Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" (RTL) am Samstagabend mehr als 10 Millionen Zuschauer vor den Glotzen, die öffentlich-rechtliche Unterhaltungskonkurrenz war chancenlos. Inzwischen, nach einer beispiellosen Inflation der Vorsing-Formate, sieht die Quotenlage anders aus.

Am vergangenen Samstag wollten Karl Moik 6,5 Millionen dabei zusehen, wie er im "Musikantenstadl" über unsere Freunde aus Südeuropa herzieht und Heile-Welt-Gesänge ansagt. Thomas Gottschalks rebellionsfrei-gerontokratische Rockshow "50 Jahre Rock'n Roll" sahen 5,7 Millionen. Bei den 14- bis 49-Jährigen hatte die Sendung einen fürs ZDF sensationellen Marktanteil von rund 27 Prozent.

Das "Star-Duell" bei RTL dagegen, dessen Hauptanziehungspunkt darin zu bestehen scheint, Verona Feldbusch dabei zuzusehen, wie sie vertragsbrüchig in Sing-Streik tritt, erreichte gerade mal 2,5 Millionen. Und auf Sat.1 zuckelte "Star Search" als Schlusslicht hinter den übrigen Musikangeboten her - mit 1,6 Millionen Zuschauern. Dabei war die erste Staffel der Casting-Variante des Berliner Senders im vergangenen Sommer noch recht erfolgreich gelaufen. Das Publikum, so scheint es, hat aber keine allzu große Lust mehr darauf, immer neuen Gesichtern beim falsch Singen zuhören zu müssen - selbst dann nicht, wenn sie die Gesichter schon aus einer Soap oder aus Spinatwerbespots kennen.

Gottschalk und ergraute Rocker schlagen Kai Pflaume

Bei RTL hält man das Format "Star Duell" trotzdem für "ausbaufähig". Die Quoten sind es in jedem Fall. Die auf sechs Teile angelegte Reihe werde keinesfalls gekürzt, sagte ein Sprecher des Senders. Und auch bei Sat.1 hat man "Star Search" noch nicht aufgegeben, auch wenn es "Castingshows allgemein schwer" hätten. "Aber wir haben jetzt schon großen Zuspruch bei den jungen weiblichen Zuschauern. Und im Gegensatz zu anderen Castingshows wird unser Format nicht allein bestimmt vom Auftreten der Kandidaten, sondern vom Zusammenspiel zwischen Moderator Kai Pflaume und der Jury, ein starkes Element der Show."

Wenn Gottschalk und ergraute Rocker Kai Pflaume und den sexy Popnachwuchs schlagen, helfen wohl auch den privaten Programmplanern nur noch Durchhalteparolen.

Erster "Superstar" Klaws: Direkt auf Platz eins
AP

Erster "Superstar" Klaws: Direkt auf Platz eins

Dass das Konzept "Hübsche Menschen singen, mehr oder minder Prominente sagen, ob sie das gut machen oder schlecht" nicht ewig tragen würde, hätte mit etwas Weitsicht eigentlich vorhergesagt werden können. Irgendwann hat keiner mehr Lust, sein Herz und seine Telefongebühren täglich einem neuen Kandidaten zu schenken.

Inzwischen gibt es eine ganze Liste von mäßig erfolgreich gelaufenen Formaten. Die ZDF-Show "Deutschlands Stimme 2003" wird dieses Jahr nicht neu aufgelegt, "Fame Academy" bei RTL-II lief auch nicht besonders. Und obwohl ProSieben die Neuauflage von "Popstars" als Erfolg verbuchte, war das Zuschauerinteresse eher durchschnittlich. Die im gleichen Sender soeben zu Ende gegangene "Comeback Show" war ein quotenmäßiger Reinfall.

Auch der Plattenindustrie bringen die Retortenprodukte aus den Fernsehstudios nicht mehr so viel ein, wie anfangs. Und das nicht nur, weil sie sich die Gewinne mit den TV-Sendern teilen muss: Die Single-CD mit allen "Deutschland sucht den Superstar"-Kandidaten der zweiten Staffel schaffte es nur auf Platz acht der Charts, der von Dieter Bohlen produzierte Song "This Is My Life" von Gewinnerin Elli startete auf Platz drei. Ihr Vorgänger Alexander Klaws hatte mit seiner ersten Single noch auf Platz eins einsteigen können.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.