Castorf-Premiere in München Der Macho als Ziegenbock

Der Berliner Regisseur Frank Castorf inszeniert am Münchner Residenztheater Molières "Don Juan" als Grabgesang auf den männlichen Verführer.

Matthias Horn

Der Münchner Don Juan ist ein doppelter Stenz. Zwei Schauspieler, der schmale, knabenhafte, blondhaarige Franz Pätzold und der breitbeinige, kernige, fast kahlgeschorene Aurel Manthei spielen gleichzeitig, miteinander und nebeneinander den Mann, der das suchende Umherschweifen und den Schoß der Frauen liebt. Pätzold trägt manchmal eine blaue John-Lennon-Brille und eine blonde Strubbelperücke und stolziert sehr häufig mit einem selbstgefälligen Lächeln über Nachtklub-Treppen und durch Frauengemächer. Manthei setzt dagegen auf einen eher schurkischen Charme hinter den verspiegelten Gläsern einer Pilotenbrille, den groben Schädel versteckt er oft unter schulterlangen braunen Perückensträhnen.

Ein bisschen wie Clowns sehen die Darsteller aus, die im Bayerischen Staatsschauspiel den Titelhelden in Jean-Baptiste Molières "Don Juan" spielen - sie sind aber, das ist der Clou und auch die Schwäche von Frank Castorfs Inszenierung der 350 Jahre alten Komödie, absolut unlustige Gesellen.

Nackt stehen die beiden Helden in einem großen hölzernen Waschzuber einmal inmitten einer Bauernhof-Kulisse, die der Bühnenbildner Aleksandar Denic auf seine rotierende Bühne gebaut hat. Mit Küssen und Umarmungen setzen die nackten Männer einer weitgehend bekleideten jungen Bauersfrau namens Charlotte (Nora Buzalka) zu. Aus einem Dusch-Eimer stürzt Wasser auf das Trio, man tauscht kokette Schmeicheleien und eher grobianische Zärtlichkeiten aus. Man sieht sofort: Die beiden Männer verrichten hier (Anbagger-)Dienstleistung, die Frau ist ihnen zögerlich zu Willen; mit Spaß aber hat dieses Liebesspiel nicht zu tun. Aus einem Verschlag gleich nebenan werden bald drei Ziegenböcke auf die Bühne entlassen. Sie haben mächtige Hörner und stürzen sich auf jedes frische Grünzeug, das man ihnen hinhält - und für wen wohl stehen die lieben Tiere hier stellvertretend?

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Die Lust ist harte Arbeit im Jagdgebiet des Don Juan. Man sieht den verdoppelten Helden in München an einer mit Kerzenleuchtern erhellten Festtafel und unter der Neonreklame eines 24 Stunden geöffneten Schummer-Etablissements herumlungern. Don Juans alter Vater, der von Jürgen Stössinger als greisenhafter Ankläger gespielt wird, tapert zornig durch den Salon. Wirklich zu ängstigen scheinen den Verführer Don Juan allerdings nur die Frauen. Vor der kraftvoll auftrumpfenden Dona Elvira der Schauspielerin Bibiana Beglau und der stolz ihre Tanzkunststücke vorführenden Maturine der Darstellerin Farah O'Bryant wirken die beiden Don-Juan-Buben wie schüchterne Pennäler. Noch mehr als die Schönheit der Frauenkörper macht ihnen deren unaufhörlicher Verfall zu schaffen. Zum Leiden dieser Männer ohne Nerven passt es, dass aus den Lautsprecherboxen trauriger Bluesrock tropft.

Was ist bloß mit dem Regisseur Frank Castorf los, den viele bisher für den letzten stolzen Macho unter den Theatermachern hielten? Castorf ist berühmt für großen, verwirrenden Krawall, für das Verschränken von mehr oder weniger bekannten Theaterstoffen mit klugen Fremdtexten, für seine Kunst, Schauspielerinnen und Schauspieler zu fabelhaften Sprach- und Leibesexzessen zu animieren. In seinem Münchner "Don Juan" aber herrscht rund vier Stunden lang nicht Partystimmung, sondern die Melancholie einer Begräbnisfeier. Möglicherweise ist es nicht nur die Verführungskraft des exemplarischen Abenteurer-Mannes Don Juan, die hier verabschiedet und betrauert wird. In einem schön breitbeinigen Interview in der "Süddeutschen Zeitung" hat Castorf am Premierentag bekannt, dass er natürlich im Theater stets von sich selbst erzähle, also auch in diesem "Don Juan": "Das ist mein Leben", verkündet der mit amourösen Wirrungen bekanntermaßen vertraute Regisseur da. "Da geht es nicht um Moral, sondern um das, was man macht."

Frank Castorf
DPA

Frank Castorf

In das Stück von Molière hat Castorf diesmal eher wenig Fremdtext eingebaut, ein bisschen Alexander Puschkin, vor allem aber ein paar markante Sentenzen von Blaise Pascal und Heiner Müller. Es sind echte Zitat-Gassenhauer, die auch viele Menschen kennen dürften, die nicht mit dem Werk der beiden vertraut sind. Von Müller, der zeitlebens das hohe Lied des Verrats gesungen hat, wird die Losung rezitiert: "Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand." Von Pascal, dem bekanntermaßen gebrechlichen Großaphoristiker, steht schon im Programmheft der berühmte Merksatz, "dass alles Unglück der Menschen aus einer Sache herrührt: sich nicht ruhig in einem Zimmer aufhalten zu können". Auf der Bühne wird diese Weisheit dahingehend variiert, dass es nur Langeweile und Zerstreuungsgier seien, die den Menschen (also auch Don Juan) aus seinem warmen friedlichen Zuhause jagten und Anlass seien für Spielsucht, Krieg und die Wonnen und Mühen der Geschlechterliebe.

Die Überraschung des Münchner "Don Juan" besteht darin, dass er tatsächlich von der Heimweh-Sehnsucht eines der ewigen Triebarbeit müden Männerhelden zu erzählen scheint, von zwei schwermütigen Geilomaten. Erschöpft, rettungslos ausgepowert wirken die Helden, bevor sie sich vor einem erstaunlich begeisterten Premierenpublikum zum Schlussapplaus verneigen - aber wie realistisch ist Don Juans Hoffnung, endlich mal Ruhe zu finden an einem irgendwie heimatlichen Rückzugsort? Vielleicht kommt es darauf gar nicht an. "Der Donjuanismus ist eine Kunst", hat die schlaue Julia Kristeva einmal behauptet. An diesem Abend war er leider nur ein Handwerk.


"Don Juan". München, Bayerisches Staatsschauspiel (Residenztheater), nächste Vorstellungen am 7., 13. und 18.7., residenztheater.de



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Coonooton 30.06.2018
1. Absurdes Theater
Ein Impotenter macht den Grabgesang und die Trauergemeinde ist rein weiblich. Da warte ich weiter auf Godot in Sansibar.
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