Castorfs Marquise von O. Und plötzlich war sie schwanger

Der Chef der Berliner Volksbühne bastelt weiter an der Wiederauferstehung seines Hauses. Jetzt inszeniert er Kleists immer noch merkwürdige Novelle "Die Marquise von O." - mit Kathrin Angerer in der Titelrolle.

Thomas Aurin

Die Fachwelt war entsetzt, und man kann es ihr nicht verdenken: Als Heinrich von Kleist 1808 seine Novelle "Die Marquise von O." veröffentlichte, muss er gewusst haben, wie skandalträchtig diese Geschichte ist. Selbst gut 200 Jahre und mehrere sexuelle Revolutionen später weiß man zunächst nicht, was man davon halten soll: Die verwitwete Marquise von O. wird bei der Eroberung ihrer Heimatstadt von mehreren russischen Soldaten überfallen, ein russischer Offizier rettet sie gerade noch rechtzeitig, und sie fällt in Ohnmacht.

Als sie Wochen später feststellt, dass sie schwanger ist, wird sie angesichts des Skandals von ihrer Familie verstoßen und entschließt sich, den Kindsvater per Zeitungsanzeige zu suchen, um ihn zu heiraten und so die Fassade bürgerlichen Anstands wieder zu errichten. Es stellt sich heraus, dass ausgerechnet ihr Retter, der edle russische Offizier, sie während ihrer Ohnmacht vergewaltigt hat. Nach einer langen, komplizierten Phase der Annäherung werden die beiden am Ende doch noch ein Paar.

Natürlich lässt sich mit dieser Geschichte viel über bürgerliche (Doppel-)Moral und weibliches wie männliches Selbstverständnis aussagen; das ist es wohl auch, was den Berliner Volksbühnenchef und Regisseur Frank Castorf an der Novelle interessiert, die er jetzt auf die Bühne bringt.

"Merkwürdig, subtil, dramatisch"

Kathrin Angerer, seit 1993 immer wieder eine seiner gefeierten Protagonistinnen, spielt die Titelrolle. "Ich hab das gelesen und dachte zuerst hm, jaa, okay. Es ist merkwürdig, subtil, dramatisch", sagt Angerer mit ihrer leicht berlinernden Intonation, die immer ein klein wenig schnoddrig wirkt. "Also bis zur Auflösung zieht es sich." Nach mehrmaligem Lesen habe sie erst gemerkt, "wie absurd und auch komisch diese abstruse Geschichte ist".

Dass Kleist bis zum Happy End so viele Schleifen eingebaut hat, gibt dem Leser Zeit, dem Autor und der Protagonistin auf ihrem Schlingerweg zwischen den Extremen zu folgen: Der Offizier erscheint zuerst als "Engel", dann, als klar wird, dass er der Täter war, als "Teufel", und aus dieser Position muss er sich wieder zurück in den Status eines würdigen Ehemanns kämpfen.

Marc Hosemann spielt diesen Offizier; Sylvester Groth und Ilse Ritter, die beide erstmals unter Castorfs Regie auftreten, sind die strengen, hartherzigen Eltern der Marquise, die die schwangere Tochter verstoßen. "Die Reaktion der Marquise auf diesen Moment hat etwas sehr Modernes, Emanzipatorisches", sagt Angerer. "Kleist beschreibt es so, dass die Frau dadurch 'mit sich selbst bekanntgemacht' wird und sich 'wie an ihrer eigenen Hand' aus ihrem Schicksal heraushebt." Ihr Selbstbewusstsein wachse, "in dem Moment, wo sie allein ist, ist sie viel klarer als in der bürgerlichen Kleinfamilie, wo sie von ihrem eifersüchtigen Vater fremdbestimmt wird".

Es gebe diesmal für Castorf-Verhältnisse wenig Fremdtexte, berichtet die Volksbühnen-Schauspielerin, die sich 2009 von dem Haus emanzipierte und ihren festen Vertrag kündigte. Auch die Überlegung, einen direkten Bezug zu den Vergewaltigungen deutscher Frauen durch russische Soldaten bei Kriegsende herzustellen, habe man verworfen. "Ich konnte das nicht zusammenbringen, das hätte etwas Aufgesetztes, Ambitioniertes gehabt. Die Marquise ist eben keine kriegstraumatisierte Frau", sagt Angerer. "Hier geht es um etwas anderes: Letzten Endes ist es eine Familien- und eine Liebesgeschichte, wenn auch eine rätselhafte, geheimnisvolle."


Die Marquise von O. Premiere am 17.2. in der Berliner Volksbühne. Auch am 18. und 24.2., Tel. 030/24 06 57 77.



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