Castorfs "Vaterland" Hitler meets Kennedy

Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Eine Antwort versucht der Berliner Chaos-Regisseur Frank Castorf in seiner Inszenierung von "Vaterland", einem Krimi im Nazideutschland der Sechziger. Am Ende lacht das Publikum über den Holocaust.

Von Matthias Heine


Szene aus "Vaterland" am Hamburger Schauspielhaus
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Szene aus "Vaterland" am Hamburger Schauspielhaus

Eines der vergilbten Etiketten, die Frank Castorf immer wieder angepappt werden, ist das des "Klassikerzertrümmerers“. Dabei bevorzugte er in den neunziger Jahren oft - wie er es selber nennt - "trivialitätsgesättigte“ Szenarien wie den Boulevardklassiker "Pension Schöller“ oder die sozialistische Heiligenlegende "Golden fließt der Stahl“.

Es war also mit dem Schönsten zu rechnen, als er jetzt im Hamburger Schauspielhaus "Vaterland“ dramatisierte, einen Thriller, in dem der Engländer Robert Harris ein Deutschland zeichnet, das den Krieg gewonnen hat.

1964, kurz vor Hitlers 75. Geburtstag und dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Kennedy, ermittelt der Polizist Xaver März (Stephan Bissmeier) in einem Mordfall und kommt dabei dem Holocaust auf die Spur.

Die Story gibt Anlässe zu bösartigen Vergleichen zwischen dem Alltagsleben preußischer Diktaturen: Im Nazireich ist, wie in der DDR, kein größeres Glück vorstellbar, als "Reisekader“ zu sein. Und im Volksempfänger spricht der US-Präsident vom friedlichen Wettstreit der Systeme. Die Welt hätte sich wohl auch mit einem siegreichen Deutschland zur gemütlichen Koexistenz durchgerungen, über dessen von Albert Speer gebauter Hauptstadt "Germania“ (Bühne: Peter Schubert) sich die Gasschwaden noch nicht ganz verzogen haben.

Zu guter Letzt ist "Vaterland“ natürlich auch eine erneute Gelegenheit, die Schauspieler in der dekorativen schwarzen Kluft des Bösen zwischen boulevardesk klappernden Türen und klingelnden Telefonen hin und her rennen zu lassen. Wie Castorf einst mit unnachahmlicher Chuzpe zugab: "Ne deutsche Uniform sieht man doch immer gern.“

Diesmal nicht. Es ist als lähmten die ganzen kriminalistischen Details Castorfs Fantasie. Zu sehen ist nur der flüchtige Rohbau einer Inszenierung, den Spitzenschauspieler wie Josef Ostendorf, Jean-Pierre Cornu und Silvia Rieger verputzen sollen. Das ganze Gebäude hat zwar mit fast vier Stunden gigantomanische Albert-Speer-Dimensionen - aber es tönt auch so hohl wie das Echo in dessen geplanter 250 Meter hoher deutscher Siegeshalle.

Weil ihm die angestrebte Glätte nicht glückt, wirken die von Castorf eingebauten Brüche wie Fortsetzungen des vorherigen Ungeschicks - nicht wie dessen Konterkarierung. Fast eine halbe Stunde lässt er aus den Protokollen einer Konferenz zitieren, in der Nazigrößen und "Allianz“-Vertreter die Versicherungsschäden der Reichsprogromnacht 1938 diskutieren. Ein fürchterliches Dokument zwischen Grauen und Komik. Aber das Publikum johlt, lacht und applaudiert nur höhnisch, weil ihm alles zu lange dauert. Das war vielleicht das Widerlichste an dieser Aufführung: Sie gab einem gutbürgerlichen Pöbel die Gelegenheit, angesichts des Holocaust zu feixen.

Termine: 22. 4., 2., 4. und 23. 5., Karten: 040 24 87 13 oder www.schauspielhaus.de



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