Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fotograf Gregory Crewdson: Schön schaurig

Ein Interview von

Fotograf Gregory Crewdson: Schön schaurig Fotos
Gregory Crewdson/ Courtesy Gagosian Gallery

Fotos fast wie Gemälde: Der Fotograf Gregory Crewdson zeigt Menschen, die im Alltag ihren Gedanken nachhängen. Ein Blick in seelische Abgründe.

Zur Person
  • Daniel Karp
    Gregory Crewdson entstammt der New Yorker Punkrock-Szene, was, zumindest ästhetisch, in krassem Gegensatz zu seiner Arbeit als Fotograf steht. Mit ungewöhnlich hohem Aufwand und extrem detailversessen inszeniert der Sohn eines Psychoanalytikers seine Aufnahmen, die immer wieder die Brüche in der amerikanischen Gesellschaft thematisieren. Oft erinnern die assoziativen und bedrückend wirkenden Fotografien des 53-Jährigen an Filmszenen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre neueste Arbeit Cathedral of the Pines haben Sie in dem abgeschiedenen Ort Becket in Massachusetts fotografiert. Was ist das Thema der Reihe?

Crewdson: Cathedral of the Pines beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur und seiner Suche nach einem Zuhause, sowohl im Haus als auch draußen. Ich frage auch nach dem psychologischen Unterschied zwischen drinnen und draußen. Für mich war das ein sehr nostalgisches Thema, deshalb habe ich die Cathedral in Becket aufgenommen. Ich habe in diesem Ort viel Zeit verbracht, schon als kleiner Junge, weil meine Familie dort ein Ferienhaus besaß. Nach meiner Zeit in New York bin ich wieder in diese Gegend zurückgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Die Werke erinnern an Malerei aus dem 19. Jahrhundert - die Figuren halten inne und sinnieren, wirken einsam und distanziert. Die Natur um sie herum erscheint künstlich. Warum?

Crewdson: Ich habe vor einigen Jahren eine Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York gesehen, die mich sehr inspiriert hat, sie hieß "Rooms with a View". Darin ging es um das Verhältnis von innenliegenden Räumen und äußerem Gelände. Die Figuren fühlten sich mit der Natur verbunden, waren aber von ihr entfremdet. Es war interessant zu sehen, wie die Künstler in diesen Bildern das Tageslicht dargestellt haben. Ich bekam eine Vorstellung davon, wie das Licht in Cathedral of the Pines wirken müsste.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt das Licht in Ihren Bildern?

Crewdson: Es ist im Grunde der wichtigste Faktor bei den Aufnahmen. Mit kleinen Nuancen des Lichteinfalls versuche ich die seelischen und emotionalen Aspekte der Geschichten zu zeigen. Das Licht erzählt die Geschichten. Unterstützt werde ich dabei von einem großen Team von Beleuchtern und Kameraassistenten. So muss ich mich nicht mehr mit den technischen Aspekten der Aufnahmen beschäftigen, sondern funktioniere mehr als Regisseur.

SPIEGEL ONLINE: Eine Hausfrau am Spülbecken, Vater und Tochter vor dem Fernseher - Sie zeigen Menschen in Alltagssituationen. Warum wirken die Momente so schicksalhaft, die Menschen oft betrübt?

Crewdson: Das kann ich gar nicht so genau sagen, denn diese Wirkung beabsichtige ich nicht, wenn ich die Bilder entwerfe. Ich möchte, dass meine Figuren psychische Momente durchleben, kurz bevor oder nachdem sie körperlich aktiv waren. Es sind Momente der Reflexion, wenn sich der Mensch in Gedanken verliert.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen Häuser, Wälder, Flüsse - starke Symbole, die für die Psyche des Menschen stehen können. Welche Rolle spielt das Unbewusste in Cathedral of the Pines?

Crewdson: Das Unbewusste ist als Thema in allen meinen Bildern präsent. In Cathedral of the Pines habe ich noch mehr als in meinen früheren Serien auf eine offenkundige Erzählung der Situationen verzichtet. Die Bilder sind dadurch subtil und ruhig geworden. Sie drehen sich fast ausschließlich um das innere Erleben.

SPIEGEL ONLINE: Man vermutet einen inneren Abgrund der Figuren. Ist das Offensichtliche in den Bildern nur eine Fassade?

Crewdson: Jeder von uns birgt in sich eine Welt von Geheimnissen.

Anzeige

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
alsterherr 14.03.2016
Sehr schöne Bilder, die in ihrer beklemmenden sozialen Abstraktheit an Hopper erinnern.
2. sinnlos, nutzlos
vogel50 14.03.2016
Brauchen wir wirklich Bilder die trostlose depressive Menschen zeigen, die andere Menschen auch noch depressiv machen?
3. sinnlos, nutzlos
vogel50 14.03.2016
Brauchen wir wirklich Bilder die trostlose depressive Menschen zeigen, die andere Menschen auch noch depressiv machen?
4. super
peter_freiburg 14.03.2016
Finde die Aufnahmen sehr gelungen. Tolle Lichtführung. Bild 10 mit dem Supermarkt ist grandios!
5. sinnlos, nutzlos, aber trotzdem schön anzusehen
kalim.karemi 14.03.2016
Zitat von vogel50Brauchen wir wirklich Bilder die trostlose depressive Menschen zeigen, die andere Menschen auch noch depressiv machen?
immerhin scheinen diese Fotos, Sie in gewisser Weise zu berühren, auch wenn sie nur die eigene Depressivität hervorbringen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: