Begehbares CDU-Wahlprogramm in Berlin Symbolik mit dem Vorschlaghammer

Die CDU präsentiert ihr Programm diesmal nicht als Broschüre, sondern als begehbares Erlebnis im alten Kaufhaus Jandorf in Mitte. Es soll für Start-up-mäßige Aufbruchstimmung stehen.

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Das Wahlprogramm der CDU ist stickig. Bei Familie ist die Luft schon dünn, bei Zukunft stockt der Atem, bei "Yourope" ist der Sauerstoff dann ganz weg. Und alldieweil sieht man keine Welt, der Bezug nach Draußen fehlt. Denn die Fenster sind verklebt. Mit schwarz-rot-gelber Folie.

Das Wahlprogramm der CDU ist dieses Mal keine Broschüre, sondern ein ganzes Gebäude. Es ist ins ehemalige "Kaufhaus Jandorf" in Berlin-Mitte eingezogen, einem alten Jugendstil-Warenhaus, erbaut 1904, vis-à-vis des sattgrünen Weinbergsparks, einen Block nördlich vom Café "St. Oberholz", dem Inbegriff dessen, was so gerne unter "Digitaler Bohème" abgeheftet wird.

Das Gaga-Hashtag

Wenn eine Partei - statt wie sonst mit klapprigem Sonnenschirm und Kugelschreibern vor den Supermärkten zu stehen - nun ganz radikal ein ganzes Haus für den Wahlkampf reklamiert, auf Politik als Vergnügungsparcours mit twitterbarem Gaga-Hashtag setzt, will sie weg vom abstrakten Ideengebäude, sich sichtbar verorten. Teil der Nachbarschaft sein. Hier also: gegenüber vom neuen Co-Workingspace und jener einen Eisdiele, ewig die einzige weit und breit, vom Optiker, der da seit 1894 residiert, und dem Neubau, der nun ein jahrelang leerstehendes Eckhaus ersetzt, als Nachhut der Gentrifizierung im Kiez.

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Kaufhaus Jandorf: Ba-Damm-Ba-Damm der Lautsprecher

Allerdings steckt hinter dem Fassadenputz jenes Hauses, das sich die CDU als Metapher fürs Markenimage gewählt hat, mehr als die Start-up-mäßige Aufbruchstimmung, die beim keyword "Berlin Mitte" sofort im Raum steht. Denn die ist im Jandorf eh nicht zu übersehen. Wäre es ein Stillleben, hieße es: "Schwarz gekleidete Typen mit weißen Sneakern und Frauen mit armlangen Tattoos vor bröckelndem Beton". Drumherum kaputte Fenstersimse, Löcher wie Akne auf Wänden, olles Vinyl in Stäbchenparkettoptik, im ersten Stock eine inszeniert improvisierte Bar mit Wellblechfront, Weinkisten aus Holz und nackten Glühbirnen.

Und mitten im zentralen Lichthof, zwischen zwei raumfüllenden Multimediawänden, auf denen in zackigen Kurven die Erfolgsstatistiken seit 2005 blinken und Kaufkraftzahlen aufflackern über Menschen, die ihr Leben in Edamer, Weinbrandflaschen und Damenpumps vermessen, hängt es von der Decke: samtrot, zwei Stockwerke hoch, pulsierend im Ba-Damm-Ba-Damm der Lautsprecher. Ein Herz, das auf den Fotos von Merkels Wahlkampferöffnung eher nach Horrorkrake aussah. Symbolik à la Vorschlaghammer.

Reste dessen, was alles nicht geklappt hat

Dabei sind es gerade die subtilen Details jenes Hauses, die mehr über die Ortswahl der CDU erzählen. Da ist zum einen die ganz alte Geschichte. Die von der Filiale der Berliner Kaufhauskette von Adolf Jandorf, der 1904 jenes Warenhaus bauen ließ, drei Jahre vor seinem KaDeWe. Es stammt damit aus einer Zeit, als die Angestelltenschicht groß wurde. "Geistig obdachlos" nannte sie der Philosoph, Soziologe und Kritiker Siegfried Kracauer, weil sie eine neue Kultur der Zerstreuung für sich erfanden, in Kinos, in Gasthäusern und im Bummeln-Gehen. Und so klettern draußen an der Jandorf-Fassade steinerne Bienen, um allen den Fleiß der Kollegen drinnen zu zeigen.

Und dann wäre da noch die neuere Geschichte, die kurz nach dem Mauerfall begann. Als der Frankfurter Hotelier IJ Schultz 1993 das Haus der Treuhand abkaufte, den Hausmeister vom "Modeinstut der DDR" mit übernahm, das hier zuvor jahrelang residierte. Keiner der vielen Pläne ging auf, mit denen Schultz seit 1998, als der letzte Mieter, eine Bank, aus dem Erdgeschoss ausgezogen war, das Ding wiederzubeleben versuchte, damals, als alles nördlich des Rosenthaler Platzes noch Brache war und Phantasie-Immobilienpreise undenkbar. Nicht der Mode-Design-Kreativen-Tempel, nicht das Bürohaus, nicht das Konferenzgebäude, nicht die Idee, oben Lofts zu gestalten, unten Restaurants, Läden zu eröffnen. Was kommt und geht, sind Design-Weihnachtsmärkte, Marken-Events, die Fashion Week, oft steht's leer.

Die Aufbruchspuren drinnen sind die Reste dessen, was alles nicht geklappt hat. Die alten Säulen: abgeklopft; die kostbaren dunklen Holzschaukästen: rausgerissen; das Kino hinten: weg; das riesige kubistisch anmutende Wandbild: als sei es nie dagewesen.

Denn eben weil es in Mitte kaum ein Gebäude gibt, das so authentisch das im Werden begriffene Berlin der Neunziger konserviert wie das Jandorf, bedeutet dies eben auch: Es ist im Damals stecken geblieben.

Lust an Zerstreuung

Das Wahlkampfhaus der CDU ist damit entweder Ausdruck des Wollens, aber Im-Ungefähren-Hängen-Bleibens. Eines Modells, bei dem erst einmal die ganze Substanz entfernt wird. Um dann den entkernten, wesenslosen Rest als Aufbruchstimmung zu verkaufen.

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Oder das Jandorf steht da als Magnet für all die "geistig Obdachlosen", die "die Reize des Lebens seiner Wirklichkeit" vorziehen, wie Siegfried Kracauer es einst über die Angestelltenkultur formulierte, denen nicht an den "Wurzeln echter Kultur" und damit an "der Kritik an den Zuständen" gelegen ist. Sondern die nur auf Zerstreuung aus sind. Mit einem origamihaften Lageplan, Touchscreen-Games, einer Pappkartonburg, einem Roboter, der Grüße aufschreibt. Das Wahlprogramm als unterhaltsames Warenhaus.

Oben im ersten Stock hat sich irgendwann doch jemand erbarmt. Er hat ein einziges der vielen Fenster weit geöffnet. Endlich Sauerstoff. Und ein bisschen Perspektive ins Grün.



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