Centre Pompidou in Metz "Whaooo-Effekt" aus Waldshut

Strohhüte erregen ja eher selten die Gemüter. Dieser hier schon: Das neue Centre Pompidou im französischen Metz verzaubert mit einem weltweit einzigartigen Dach. Ohne deutsche Abenteuerlust sähe die imposante Filiale des berühmten Pariser Prachtbaus allerdings ziemlich alt aus.

Aus Metz berichtet


Jean de Gastines ist kein Mann wortgewaltiger Erklärungen. Aber jetzt, da er im Rohbau des Museumsbaus von Metz die Treppe hochstapft, lässt er einen Moment lang Emotionen zu: "Phantastisch", nennt er das Gefühl sein Haus zu begehen, die realisierten Bauabschnitte zu erklären. Fast sechs Jahre hat es gedauert, von der ersten Kopfgeburt mit seinem japanischen Kollegen Shigeru Ban, zu den Entwürfen und schließlich dem Wettbewerb für das "Centre Pompidou-Metz" - der künftigen Filiale des renommierten Pariser Museums. "Ich kenne jeden Zentimeter", sagt der Architekt und zeigt mit seinen Handwerkerhänden auf pfiffige Details.

Der Neubau gehört - wie auch der im Bau befindliche Ableger des Louvre in Lens - zum Konzept, die Kunstschätze der Hauptstadt zu dezentralisieren: Wechselnde Ausstellungen aus dem Fundus der hauptstädtischen Sammlungen sollen, bei eigener Programmhoheit, die Randregionen der Republik kulturell aufwerten. Für Metz, im Vierländereck zwischen Luxemburg, Belgien und Deutschland, bietet sich mit der Museumszweigstelle die Chance, zur grenzüberschreitenden Kunstmetropole von elf Millionen Europäern zu werden.

Das künftige Wahrzeichen, von Kommune und Regionalverband mitfinanziert, spielt bei diesen Plänen eine Hauptrolle. Im Herzen der Stadt setzt der phantasievolle Zeltbau den Akzent innerhalb eines umgestalteten Stadtviertels mit Büro- und Wohngebäuden, eingebettet in Vegetation. Das Erdgeschoss mit der offenen Fassade schafft den unverstellten Brückenschlag zum neugestalteten Bahnhofsvorplatz. "Genial", sagt der Architekt erfreut, "die Entfernung vom Zug zum Centre Pompidou-Metz wird gerade mal zwei Gehminuten betragen."

Trotz des Namens - architektonisch gibt es keine Verwandtschaft zum Pariser Mutterhaus. Statt grell-bunter, nach außen gekehrter Maschinerie und Technik, die in Paris die futuristische Visitenkarte des Mutterhauses am Place Beaubourg charakterisiert, nimmt sich die Filiale in Metz ganz zurück; hier ist alles neutral, weiß, matt, vorherrschend sind natürliche Materialien. "Wir wollten eine Öffnung zur Stadt, wir wollen den Besucher anziehen, ohne Bruch zum städtischen Umfeld. Ein Gebäude von menschlichen Dimensionen, keine Maschine."

Die Grundfläche beträgt rund 11.500 Quadratmeter, die Hälfte davon Ausstellungsfläche, die andere Hälfte beansprucht von Logistik, Werkstätten und Verwaltung. Wie in Paris bildet das offene "Forum" die Drehscheibe zum Aufgang, dem multifunktionellen Auditorium, einem Amphitheater und dem sogenannten "Hauptschiff": Der gewaltige lichte Raum, wie eine Kathedrale, erreicht bis zu 21 Meter Höhe. Damit wird es möglich, Kunstwerke und Installationen von ungewöhnlicher Größe zu zeigen - etwa Pablo Picassos berühmten Bühnenvorhang "Parade", der wegen seiner Maße von 10 mal 16 Metern in Paris noch nie gezeigt werden konnte.

Idee vom Flohmarkt

Über dem Erdgeschoss liegen, auf drei Etagen übereinander gestapelt, die Ausstellungsräume, sternförmig angeordnete Röhren, überstülpt von einer spitzen Dachkonstruktion. "Die Idee des Daches stammt von einem chinesischen Strohhut, den Shigeru Ban auf einem Flohmarkt fand", erzählt der Franzose.

Die Galerien, rechteckige Caissons, jeweils 84 Meter lang, 14 Meter breit und 5 Meter hoch, enden jeweils in zwei großflächigen Verglasungen. Hier tritt ein, was De Gastines zu Recht als "Whaooo-Effekt" beschreibt: Die Fensterfronten, ausgerichtet etwa auf die Kathedrale von Metz, bilden den perfekten Rahmen für die Wahrzeichen der Stadt, eine optische Verbindung zwischen dem modernen Baukörper und dem kulturellen Erbe.

Der Franzose, der bislang Weinkellereien, Thermalbäder und Krankenhäuser plante, setzt trotz solcher visueller Einfälle auf praxisnahe Nutzbarkeit: Große Tore für die Anlieferung von Kunstwerken, ein üppig dimensionierter Lastenfahrstuhl, eine im Boden verlegte Klimatisierung und modulare Unterteilungsvielfalt der Galerien in 50 Varianten: "Flexibilität war für uns Gebot Nummer Eins".

Drei Baustoffe bestimmen das Objekt: Beton für die drei Galerien, das Nebengebäude für die Logistik, Lager und Verwaltung; dasselbe Material diente für mehr als 400 Betonpfeiler, die nötig waren, um den weichen Untergrund zu stabilisieren. Aus Metall ist der Turm im Zentrum des sternförmigen Grundrisses. Mit Treppen und Aufzügen verbindet er die drei übereinander geschobenen Ausstellungshallen. Überragt wird er von einer Metallspitze von 77 Metern - ein augenzwinkernder Verweis an das Pariser Centre Pompidou, das 1977 eröffnet wurde.

Know-how aus Deutschland

Holz dominiert die weltweit einmalige Dachkonstruktion, ein Gebälk aus laminierter Fichte, überzogen von einer Teflon beschichteten Glasfaserfolie. Diese transparente 8500 Quadratmeter-Haut, die tagsüber 15 Prozent des Lichtes durchlässt, wird nachts als matt leuchtender Konus strahlen - gezeichnet vom Geflecht des darunter liegenden Holzflechtwerks.

In der platten ebenen Aufsicht stellt das Muster perfekte Sechsecke dar, doch in der Mitte angehoben, verschieben sich die Formen - so etwa wie bei einer Häkeltischdecke - zu einer Vielzahl komplexer geometrischer Flächen. "Das Balkenwerk orientiert sich in der Horizontalen, Vertikalen und in der Drehung", sagt De Gastines. "Das ist unglaublich schwer zu berechnen und sehr kompliziert zu bauen. Kein französisches Unternehmen hat sich an dieses Abenteuer gewagt, allein die deutsche Spezialfirma Amann war dazu bereit."

Deshalb schaffen nun Zimmerleute aus der Nähe von Waldshut auf der filigranen Dachkonstruktion, süddeutsche Wortfetzen mischen sich mit dem Lärm von Sägen, Fräsen, Bohrern. Das Balkengeflecht wird am Boden vormontiert, von Kränen angehoben und mit Hydraulik in die rechte Position geschoben. Am Boden fußt der Hut in vier soliden Bündeln aus wetterbeständigem Lärchenholz, deren organisches Geäst wie mächtige Tulpensträuße wirken.

Halbfertige Achterbahn

Hat das Architekten-Duo Zugeständnisse gemacht? Nur selten, sagt De Gastines, der die Arbeit mit seinem "genialen Kollegen" Shigeru Ban als symbiotisches Zusammenwirken ("Wir mögen sogar dasselbe Essen") beschreibt. Allerdings musste das Restaurant, anders als geplant, vom Dachgeschoss in den ersten Stock umziehen - die Sicherheitsauflagen in 21 Meter Höhe wären zu kostspielig geworden.

Es geht nach Plan - sogar künstlerisch. Der künftige Direktor Laurent Le Bon zeigt bis zum 4. Oktober die Ausstellung "Constellation" und gibt damit einen Vorgeschmack auf die programmatische Arbeit des künftigen Centre Pompidou. Der Parcours, zusammengestellt aus Werken des Pariser Mutterhauses, zeigt Plastiken und Installationen in städtischer Umgebung.

Jean Tinguelys kreischende Maschinerie "Die Hölle - ein kleiner Anfang" (1984) ist in der "Salle de la Chope", der ehemaligen Bahnhofsbrasserie aufgebaut; der Lichtkonus von Anthony McCall (1973) wabert durch das Schiff der Église Saint-Pierre-aux-Nonnains; Anish Kapoors überdimensionierte konkave Fiberglasschüssel "Ohne Titel" (2008) erzeugt in der ehemaligen protestantischen Kapelle Église des Trinitaires verblüffende optische Täuschungen.

Während die Honoratioren der Stadt und die Bürger fünf Tage lang die letzte Etappe der Bauarbeiten feierten, sieht sich auch De Gastines, ein Jahr vor dem Abschluss der Arbeiten, schon fast am Ziel. Zwar erscheint die Baustelle, überragt von Kränen und Tragegerüsten, noch eher wie eine halbfertige Achterbahn, doch für den Architekten werden die Ideen, Skizzen und Blaupausen endlich sicht- und greifbare Realität.

"Natürlich, das stimmt", meint der Franzose beim Blick vom dritten Stock des Museums auf die Silhouette von Metz, "das Gefühl ist schon wirklich überwältigend."



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