Charles-Manson-Ausstellung Blumenkinder des Bösen

Als die Hippie-Kultur zum Gewaltrausch wurde: Die Schreckenstaten der Sekte um Charles Manson nimmt eine Hamburger Ausstellung zum Anlass für eine Betrachtung der wichtigsten Bruchstelle des 20. Jahrhunderts. Ein verstörender Ausflug in die gesellschaftlichen Extreme der sechziger Jahre.

Von Constantin Alexander


Er hielt sich einen Harem, zwang Menschen, Drogen zu nehmen, und ist für zahlreiche Morde und andere Verbrechen verantwortlich - der Sektenanführer Charles Manson gilt in den USA als das pure Böse. Die Kunsthalle Hamburg widmet ihm und der Manson Family ab Freitag mit "Man Son 1969 - Vom Schrecken der Situation" eine eigene Ausstellung.

Manson dient dabei zwar als Aufhänger - viele der Kunstwerke beziehen sich auf ihn als Person oder auf die mit ihm assoziierten Verbrechen - doch vielmehr ist es der Schrecken an sich, das die Kuratoren Franck Barth und Dirck Möllmann durch ihn dargestellen wollten.

Für die Macher personifiziert Manson, oder auch "Man Son - der Menschensohn", wie er sich selbst nennt, einen der signifikantesten Übergange des 20. Jahrhunderts: von der hoffnungsvollen Hippie-Romantik zu den Gewaltausbrüchen der Studentenproteste und der sich radikalisierenden Linken in den Folgejahren. Die Sechziger als Jahrzehnt der Extreme: Die Beatles, die Mondlandung und Woodstock auf der einen, die Hells Angels, der Vietnam-Krieg und Charles Manson auf der anderen, der dunklen Seite.

35 Künstler wurden dazu eingeladen, ihren Blick auf die Schrecken der Revolution darzustellen. Hinzu kommen noch die Arbeiten zahlreicher Künstler aus der Sammlung der Kunsthalle. Gemälde, Plastiken, Installationen, Videoinstallationen und Geräuschkulissen - nahezu jede Form der bildenden Kunst ist auf dieser Ausstellung zu sehen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen jedoch die Gemälde "Christus als Schmerzensmann" von Meister Francke aus dem Jahre 1435, George Grosz' "John, der Frauenmörder" von 1918 und John Colemans "Portrait of Charles Manson" von 1988. Während Franckes und Grosz Bilder das Leid, den Tod und die Gewalt stilisieren, überträgt Colemans Porträt diese Themen direkt auf Charles Manson und erzählt dessen Geschichte vom straffälligen Jugendlichen hin zum Sektenanführer in einer comicähnlichen Anordnung.

Während dieses epochenübergreifende Zusammenführen der Motive durchaus Sinn ergibt, wirkt die thematische Klammerung durch die Symbolfigur Manson an anderer Stelle ein wenig willkürlich. So ist sie auch im Falle der Ölgemälde von Till Gerhard zwar durchaus passend - gerade durch sein Bild "Wächter der Natur" von 2004 wird die Perversion der friedlich-alternativen Hippie-Kultur durch die Manson Family treffend und in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit dargestellt. Bei Lutz Dammbecks "Umerziehung der Umerzogenen" von 2007/2009 ist der Bezugsbogen aber dann doch reichlich überspannt. Dammbeck lässt in seiner Installation einen computergesteuerten Greifarm Metallkästchen ordnen, die wiederum von Springmäusen chaotisch umgestürzt werden.

Auch Bruce Naumans Geräuschinstallation "Anthro/Socio. Rinde Spinning" eignet sich sicherlich weniger dazu, den Schrecken und das Böse darzustellen als Astrid Prolls grandiose Fotoreihe "Hans und Grete", in denen die RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin als verliebtes, unbeschwertes Liebespärchen zu sehen sind.

Die Ausstellung schafft es dennoch, eine überaus verstörende Stimmung zu erzeugen. Während Erklärungen über konkrete Taten und Biografien von Verbrechern wie Charles Manson wohl bewusst ausgelassen wurden, helfen viele der gezeigten Werke, den Ausbruch der Gewalt um 1968 in einen gesellschaftlich-historischen Kontext setzen zu können.

Am verstörendsten ist dabei die Installation "Caida libre/Freier Fall" von Teresa Margolles: Direkt am Eingang der Ausstellung lässt Margolles Fett, angeblich von einem ermordeten Menschen, aus einer Kanne tropfen. Jeder Tropfen soll dabei einen Mord symbolisieren, der nicht gesühnt wird. Ein Hinweis auf die Verbrechen der Manson Family und an alle anderen Mörder, die Entsetzen in die Welt bringen. Und an die Ohnmacht, mit der wir Menschen dem Bösen in der Welt oftmals begegnen.


"Man Son 1969 - Vom Schrecken der Situation". Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart , Galerie der Gegenwart, bis zum 26. April



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