Anschläge auf Zeitungsredaktionen "Wer bringt mir diesen Kopf?"

Das Blutbad in der Redaktion von "Charlie Hebdo" ist von beispielloser Brutalität. Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Angriffe auf Zeitungshäuser, Karikaturen waren mitnichten der einzige Auslöser.

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Paris - Zwölf Menschen wurden bei dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" ermordet. (Hintergründe zur Geschichte des Magazins lesen Sie hier) Gerade war die neue Ausgabe des Blattes erschienen, einmal mehr war sie einem provokanten Thema gewidmet: dem neuen Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq, der darin die Machtübernahme durch einen muslimischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 beschreibt.

In den Mittagsstunden desselben Tages fielen die Schüsse.

Es war nicht der erste Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo", aber es war der verheerendste, der jemals auf eine Redaktion verübt wurde.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert, wo und wann Zeitungsmacher zum Ziel von Anschlägen wurden.

Brandanschlag auf "Charlie Hebdo" 2011

Das Bürogebäude von "Charlie Hebdo" 2011 nach dem Brandanschlag
DPA

Das Bürogebäude von "Charlie Hebdo" 2011 nach dem Brandanschlag

Bereits am 2. November 2011 wurden die Redaktionsgebäude von "Charlie Hebdo" am Boulevard Davout in Paris Ziel eines Anschlages. In der Nacht waren die Räume von einem Molotow-Cocktail verwüstet worden, verletzt wurde niemand. Am gleichen Tag hatte das Magazin ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien herausgebracht und hatte sich dazu in "Scharia Hebdo" umbenannt. Als Chefredakteur war "Mohammed" genannt worden.

Drohungen gegen die Redaktion und einzelne Journalisten und Karikaturisten waren bei "Charlie Hebdo" schon zuvor eingegangen. Nur wenige Monate nach dem Anschlag nahm die französische Polizei einen Mann fest, der zur Ermordung des Chefs der Zeitschrift aufgerufen haben soll. Der Festgenommene hatte auf einer Islamisten-Webseite nach der Veröffentlichung der Karikaturen unter anderem geschrieben: "Wer bringt mir diesen Kopf, das bringt das Fass zum Überlaufen." Der Chef des Blattes solle überwacht und geköpft werden, hieß es weiter.

Polizei vereitelt Anschlag auf "Jyllands-Posten"

Das Redaktionsgebäude des "Jyllands-Posten" auf einem Archivbild von 2009
DPA

Das Redaktionsgebäude des "Jyllands-Posten" auf einem Archivbild von 2009

Die Terroristen wollten "so viele Leute wie möglich töten": Nur knapp hat die dänische und schwedische Polizei im Dezember 2010 einen Anschlag auf die Hauptstadt-Redaktion der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" verhindert. Mehrere Männer wurden festgenommen. Nach Informationen der PET und Säpo wollten sie das Pressezentrum am Kopenhagener Rathausplatz angreifen, in der neben der konservativen Tageszeitung "Jyllands-Posten auch die liberale "Politiken" ihren Sitz hat. Ermittler stellten bei den Männern, die schon länger von den Geheimdiensten observiert worden waren, Maschinenpistolen und weiße Plastikriemen sicher, die zum Fesseln von Hand- und Fußgelenken benutzt werden können. Der Anschlag soll unmittelbar bevorgestanden haben.

Auch beim "Jyllands-Posten" gingen schon seit etlichen Jahren Drohungen ein. Die Zeitung hatte im September 2005 Mohammed-Zeichnungen publiziert, unter anderem von dem weltweit bekannten Karikaturisten Kurt Westergaard. Die Veröffentlichung hatte in der gesamten islamischen Welt zu blutigen Protesten mit mindestens 150 Toten geführt. Aus Solidarität mit Westergaard und "Jyllands-Posten" hatten andere skandinavische Zeitungen die von vielen Muslimen als blasphemisch empfundenen Karikaturen nachgedruckt.

Westergaard selbst ist seitdem ein Ziel von Angriffen geworden. Im Januar 2010 etwa drang ein Mann mit einer Axt in sein Wohnhaus ein, Westergaard konnte sich mit seiner Enkelin noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Bereits 2008 hatten die dänischen Behörden Mordpläne gegen ihn aufgedeckt. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen. Im Mai 2011 verurteilte ein Kopenhagener Gericht einen Tschetschenen zu zwölf Jahren Haft. Er soll geplant haben, eine Briefbombe an die Redaktion des "Jyllands-Posten" zu schicken. Der Anschlag misslang jedoch ebenfalls.

Mann schießt in Redaktionräumen des "Libération" um sich

Polizeibeamte vor dem Gebäude des "Libération" nach den Schüssen
AP

Polizeibeamte vor dem Gebäude des "Libération" nach den Schüssen

Die Angriffe auf "Charlie Hebdo" sind nicht die einzigen, die in den vergangenen Jahren auf Institutionen der französischen Presse verübt wurden. Im November 2013 etwa eröffnete ein Unbekannter im Eingangsbereich der Redaktion der linksliberalen Tageszeitung "Libération" das Feuer. Er schoss offenbar wahllos um sich und verletzte einen Fotografen schwer. Kurz darauf wurde bekannt, dass der Täter erst wenige Tage zuvor beim Pariser Nachrichtensender BFMTVF aufgetaucht war und dort ein Gewehr herausgeholt und Drohungen gegen Journalisten ausgestoßen hatte. Alle wichtigen Medienhäuser in der französischen Hauptstadt wurden nach dem Zwischenfall unter Polizeischutz gestellt.

Anschlag auf türkische Redaktion von "Zaman" in Köln

Die Redaktionsräume der türkischen Tageszeitung "Zaman" (Archivbild von 2012)
DPA

Die Redaktionsräume der türkischen Tageszeitung "Zaman" (Archivbild von 2012)

In Deutschland hat es im Februar 2012 einen Vorfall gegeben, bei dem die Kölner Büroräume der türkischen Zeitung "Zaman" angegriffen wurden. Den Ermittlungen zufolge hatten Täter nachts einen Molotow-Cocktail ins Erdgeschoss der Redaktion geworfen. Zwei junge Männer wurden wenig später festgenommen. Die Polizei vermutete bei ihnen eine politische Motivation für die Tat. Demnach fiel der Anschlag mit dem 13. Jahrestag der Verhaftung des Führers der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, zusammen. Die konservative Zeitung "Zaman" hat in Deutschland eine tägliche Auflage von etwa 28.000 Stück. Sie ist eine der größten türkischsprachigen Zeitungen.

Eta verübt Autobombenanschlag auf baskischen TV-Sender

Zerstörte Fenster, brennende Autos: Mutmaßliche Terroristen der Untergrundorganisation Eta sollen im Januar 2009 einen Autobombenanschlag auf den baskischen Rundfunk EITB verübt haben. Bei der Explosion des 100 Kilogramm schweren Sprengsatzes wurde ein Mensch leicht verletzt, berichtete der "Tagesspiegel" in Berufung auf Behörden. Mit je fünf öffentlichen Fernseh- und Hörfunksendern ist EITB die größte Rundfunkanstalt des Baskenlandes. In dem Gebäude in der nordspanischen Industriestadt Bilbao hatten den Angaben zufolge weitere Medien wie die Zeitungen "El Mundo" und "Deia" sowie der private TV-Sender Antena 3 ihren Redaktionssitz.

RAF-Anschlag auf Springer-Verlagshaus

Das Springer-Verlagshaus in Hamburg nach dem Bombenanschlag
AP

Das Springer-Verlagshaus in Hamburg nach dem Bombenanschlag

Im Mai 1972 verübte die RAF einen Anschlag auf das Springer-Verlagshaus in Hamburg. Innerhalb weniger Minuten explodierten zwei Vier-Kilo-Rohrbomben in dem Gebäude. 36 Menschen wurden dabei verletzt, zwei davon schwer. Nur durch Zufall blieb ein Blutbad damals aus. Die Terroristen hatten insgesamt sechs Bomben in dem Gebäude versteckt, vier explodierten jedoch nicht beziehungsweise konnten rechtzeitig entschärft werden. Die folgenreiche Aktion traf jedoch nicht die Chefetage oder Redakteure, sondern einfache Arbeiter wie Setzer oder Korrektoren.

Mitarbeit: Almut Cieschinger

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
kaimaster 08.01.2015
1. Was ist der Sinn dieser Karikaturen?
Die Karikaturen sollten ja dazu dienen, die Menschen dazu zu zubewegen, sich kritisch gegenüber der Gesellschaft und politischer Ausrichtung zu stellen. Sie sollten den Menschen helfen, sich weiter politisch zu entwickeln. Diese Karikaturen über Mohammed und co. haben Menschen wie mich als Nicht-Muslime mal zu lachen gebracht, die ohnehin kritisch der Vorgehensweise einigen islamischen Staaten gegenüberstehen, aber den eigentlichen intoleranten und westenfeindlichen islamischen Extremisten haben diese Karikaturen nicht geholfen, sondern ihre Ehre und Würde noch mehr verletzt. Man zeichnete irgendwas und das kostete schon Hunderte von Menschenleben auf Demos, dann sollte man sich schon mal fragen, ob man alles richtig getan hat. Wenn man diese Überlegung bei seiner Umsetzung der Meinungsfreiheit und Pressefreiheit nicht berücksichtigt, dann werden noch mehr Muslimen zu Extremisten, die vorher nie waren. Man glaubte den Kulturunterschied zu kennen und behauptete solidarisch und tolerant zu sein, jedoch ist man nicht mal dazu fähig die grundlegendste der Menschenrechte zu respektieren, so dass der Konflikt zwischen Islamischer Welt und der Westen immer weiter eskaliert.
werwirddennwohl 08.01.2015
2. ...
Zitat von kaimasterDie Karikaturen sollten ja dazu dienen, die Menschen dazu zu zubewegen, sich kritisch gegenüber der Gesellschaft und politischer Ausrichtung zu stellen. Sie sollten den Menschen helfen, sich weiter politisch zu entwickeln. Diese Karikaturen über Mohammed und co. haben Menschen wie mich als Nicht-Muslime mal zu lachen gebracht, die ohnehin kritisch der Vorgehensweise einigen islamischen Staaten gegenüberstehen, aber den eigentlichen intoleranten und westenfeindlichen islamischen Extremisten haben diese Karikaturen nicht geholfen, sondern ihre Ehre und Würde noch mehr verletzt. Man zeichnete irgendwas und das kostete schon Hunderte von Menschenleben auf Demos, dann sollte man sich schon mal fragen, ob man alles richtig getan hat. Wenn man diese Überlegung bei seiner Umsetzung der Meinungsfreiheit und Pressefreiheit nicht berücksichtigt, dann werden noch mehr Muslimen zu Extremisten, die vorher nie waren. Man glaubte den Kulturunterschied zu kennen und behauptete solidarisch und tolerant zu sein, jedoch ist man nicht mal dazu fähig die grundlegendste der Menschenrechte zu respektieren, so dass der Konflikt zwischen Islamischer Welt und der Westen immer weiter eskaliert.
Ihre Ansicht des vorauseilenden Gehorsams ist das Ende jeglicher Meinungsfreiheit. Wer etwas nicht sehen will soll nicht hingucken. Die tumben Claqeure brauchen doch nur einen Anlaß, so nichtig er auch ist. Es geht nicht um Befindlichkeiten, es geht um etwas ganz selbstverständliches - Freiheit -. Religion, egasl welche beinhaltet Intoleranz, Ausgrenzung und Hetze gegen Andere. Sich dem zu unterwerfen um seine "Ruhe" zu haben ist zutiefst falsch.
tobiash 08.01.2015
3. Falsch!
Die Karikaturen dienen genau dazu, wozu sie nach Meinung der Autoren dienen sollen. Das steht einzig und allein im Ermessen des Autors. Selbst wenn sie zu nichts dienen, dürfen sie veröffentlicht werden. Gerade das ist die Pressefreiheit, und die ist in unserer Kultur sehr fest verankert. Leider steht nicht in jeder Kultur die Pressefreiheit über anderen Rechten. So ist im Islam z.B. sowohl der Gott Allah als auch der Prophet Mohammed unantastbar und beide dürfen nicht beleidigt werden. Werden sie es doch, dann steht dem gläubigen Muslim jedes Mittel zur Verfügung, um diese Beleidigung zu sühnen, so auch Mord. Auch wenn es gemäßigte Muslime gibt, die diese Thesen nicht öffentlich vertreten: So ist es, auch wenn es niemand hören möchte!
oidahund 08.01.2015
4.
Satire darf (fast) alles. - Karrikaturen müssen möglich sein ohne, dass der Zeichner Angst um seine Gesuundheit oder gar sein Leben haben muss. Das gilt besonders im ideologischen Bereich - egal ob christliche Kiirchen, muslime Glaubensgemeinschaften, linke oder rechte politische Ideologien oder auch die bürgerlich liberale (liberal ungleich FDP!) Welt. Wem eine Karrikatur stört kann mit einer eigenen Zeichnung oder Glosse darauf antworten. @3 Ihre These über die gemäßigten Muslime ist verallgemeinernd und somit Blödsinn! - Es gibt viele Glaubensrichtungen im Islam, die das nicht so sehen. Das reicht von einem Schmunzeln über ein "musss das sein" bis hin zu einem "wer Gott beleidigt den wird Gott und nicht der Mensch strafen" ...... ich kenne genau diese Reaktionnen von befreundeten Muslimen. Und alle diejenigen sind jetzt auch zu tiefst entsetzt!
neanderspezi 08.01.2015
5. Die Karikatur ist das Medium zur Prüfung von Erkenntnisfähigkeit
Karikatur, Satire, Witz und Ironie haben stets das Ziel, einem Empfänger der pointierten Botschaft, der dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht wird, den Spiegel seiner Intoleranz, seines unterschwelligen Hasses, seiner Ungebildetheit, seiner religiösen Verbohrtheit, seiner selbst gewählten Isoliertheit und letztendlich seiner psychopathischen Natur entgegenzuhalten. Es sind unzweifelhaft kranke Menschen, Soziopathen im Kokon ihres närrischen und unduldsamen Weltbilds gefangen, die diesen Spiegel als unerträglich empfinden und gewaltsam zu zertrümmern trachten, längst nicht mehr fähig, die Botschaft zu eigener Erkenntnis anzuwenden oder daraus gar eine Lehre zu ziehen. Ihr ganz persönlicher Feind wird sehr schnell der Hersteller dieser sie bloßstellenden Botschaft, was offensichtlich für Karikaturisten und Satiriker ein besonderes Gefährdungspotential darstellt und aus diesem Grund die lernfähige und einsichtsvolle Gesellschaft, die diese Darstellungsform als konzentrierte und erhellende Botschaft goutiert zu bedeutsamen Schutzmaßnahmen für ihre den Durchschnittssermon durchbrechende und unterhaltsame Lehrmeister anregen müsste.
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