SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. Januar 2015, 17:13 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Die ungeheure Freiheit des Denkens

Eine Kolumne von

Aus den Bildern der ermordeten Karikaturisten von "Charlie Hebdo" spricht die Lust, sich nichts und niemandem zu unterwerfen. Das ist die Bestimmung des Menschen, für manche ein Fluch: frei zu sein. Frei auch und gerade von Religion.

Religionen sind gefährlich. Sie fördern die Verblendung. Sie fördern den Fanatismus. Sie haben einen Hang zur Übererfüllung, das ist ihr Wesen.

Religionen schaffen Ordnung: Sie sind wie ein Labyrinth, in dem sich die Menschen freiwillig verlieren, nur um sich mit großer Geste wieder herausführen zu lassen.

Religionen reduzieren, vereinfachen, verdummen die Welt, weil sie so oft von Gut und Böse reden, bis sich noch das schlauste Kind fürchtet, und weil sie so tun, als hätten sie Antworten auf die komplizierten Fragen der Menschen.

Religionen spalten. Sie setzen sich selbst ins Recht und über andere. Sie teilen die Welt, davon erzählt die Bibel im Alten Testament sehr ausführlich, in die, die herrschen, und die, die beherrscht werden.

Der Gott der drei Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam, ist deshalb in vielem auch ein grausamer, ein zynischer, ein launischer, ein menschenverachtender Gott, ein Gott der Angst und der Rache.

Und es sagt viel über die Menschen, dass sie sich so einen Gott ausdenken konnten. Es sagt aber auch viel über die Menschen, dass sie so einen Gott überlebt haben.

Die Realität ist Normalität. Die Realität ist Desinteresse. Und das ist schon fast beruhigend.

Alle sind lächerlich

Nicht alle Christen wollen Abtreibungsärzte ermorden. Nicht alle Muslime wollen Karikaturisten erschießen. Weniger als die Hälfte der fünf Millionen französischen Muslime ist überhaupt in irgendeiner Weise an Religion interessiert.

Die Menschen, das muss man ihnen lassen, neigen zum Ausgleich. Zum Alltag. Zum Überleben.

Natürlich sind manche Religionen gefährlicher als andere, das hängt auch mit dem Ort und der Zeit zusammen, mit dem ökonomischen, sozialen, politischen Druck und der Angst, die aus Veränderungen entsteht: Religionen sind das Kerosin, das man in Flammenherde schüttet, damit sie explodieren.

Religionen muss man deshalb immer bekämpfen, das war die Überzeugung von Cabu, von Wolinski, von Charb und all den anderen Zeichnern von "Charlie Hebdo", man muss sie zeigen als das, was sie sind: lächerlich.

Juden, Christen, Moslems: alle lächerlich. Das war die Haltung von "Charlie Hebdo", die in der langen Tradition des französischen aufklärerischen, antiklerikalen, laizistischen Denkens steht und auf Seite des Lachens.

"Charlie Hebdo" war damit nie speziell gegen den Islam - aber nach dem Mord an dem holländischen Filmregisseur Theo van Gogh, nach dem Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen, war klar, wo der Platz der Redaktion war.

Auf einmal weltberühmt

An einem Morgen im Februar 2006, das zeigt der eindrucksvolle und kämpferische Film "C'est dur d'être aimé par des cons", setzten sie sich deshalb zusammen, Cabu im bunt karierten Hemd und wie immer bestens gelaunt und vor sich hin kichernd, Wolinksi, der Mondäne, dessen Traurigkeit durch seinen Humor hindurch schien, und all die anderen.

Sie setzten sich zusammen, sie zeichneten und amüsierten sich und versuchten, den richtigen, den treffenden Ton zu finden, der nicht verletzt.

"Das ist das erste Mal, dass ich Mohammed lachen sehe", sagte Wolinski zu einer Zeichnung von Cabu.

"Wie wäre es damit", sagte Cabu und zeichnete einen Mohammed, der sich entsetzt die Augen zu hält, "und wie wäre es mit diesem Satz: Es ist hart, von Arschlöchern geliebt zu werden."

Allgemeine Erheiterung.

"Oder so: Mohammed ist überforderte von den Fundamentalisten."

Das war es. Das war die Titelzeile. Das war der Skandal.

Als "Charlie Hebdo" am 9. Februar 2006 erschien, war das kleine Blatt auf einmal weltberühmt. Präsident Jacques Chirac schimpfte, dass sie die umstrittenen dänischen Karikaturen abdruckten. Muslime verklagten das Magazin.

Es war eine Koalition der Konservativen und der Freiheitsfeinde: "Charlie Hebdo" war immer links, sehr links, der Herausgeber Stéphane Charbonnier wählte bis zuletzt die Kommunisten.

Das entscheidende Kriterium ist der Einzelne

Es war eine Koalition der Macht und der Ordnung, wie sie auch Michel Houellebecq in seinem neuen Roman "Unterwerfung" beschreibt: Katholiken konvertieren lieber. Es sind die autoritären Strukturen, die in der Religion angelegt sind.

Den Prozess gewann "Charlie Hebdo". Und sie machten weiter, obwohl im November 2011 ihre Redaktionsräume bei einem Brandanschlag verwüstet wurden.

Mohammed etwa als Coverboy von "Charia Hebdo" mit dem Spruch: "100 Peitschenhiebe für jeden, der nicht vor Lachen stirbt."

Oder Mohammed 2012 mit hängenden Hoden und nackten Hintern, in dem ein gelber Stern steckt.

Oder Mohammed 2013 im Rollstuhl, der von einem Rabbi geschoben wird.

Oder Mohammed 2014, der von einem IS-Kämpfer geköpft wird.

Es ist eine ungeheure Freiheit des Denkens, die aus diesen Bildern spricht, eine Lust daran, sich nichts vorschreiben zu lassen, sich nichts und niemandem zu unterwerfen - weil das gerade das Wesen des Menschen ist, seine Bestimmung, für manche ein Fluch: frei zu sein.

Nicht alle halten das aus.

Aber Religion, diese "mittelalterliche Form der Unvernunft", wie es Salman Rushdie nach dem Anschlag formulierte, muss mit "Kritik, Satire und, ja, mutiger Respektlosigkeit" konfrontiert werden.

Rushdie sieht im Herzen des Islam eine "tödliche Mutation" - aber auch das "christliche Abendland" ist nichts weiter als eine Fiktion, es existierte nie und existiert heute nicht außer für die Leute, die an Dresdner Stollen glauben und Dresdner Ressentiments verkaufen.

Was real ist, das ist dagegen die westliche liberale Gesellschaft, mit ihren Rechten und ihren Gesetzen: Und diese Gesellschaft beruht nicht darauf, was jemand glaubt oder nicht oder wo jemand herkommt oder ob er hier geboren ist - nicht das Volk ist das entscheidende Kriterium, sondern der Einzelne.

Das Erbe von "Charlie Hebdo"

Und deshalb braucht es auch nicht weniger multikulturelle Gesellschaft, was auch immer das sein soll, schon das Wort ist schief, als positiver wie als negativer Begriff: sondern mehr.

Es braucht mehr Anerkennung für die gesellschaftliche, vielschichtige, verworrene, globalisierte und bleibende, von mir aus multikulturelle Realität, die man auch mit noch so viel vitriolischem Adventszauber nicht wegsingen kann.

Es braucht das Erbe der Ermordeten von "Charlie Hebdo", die für Umweltschutz, für gleiche Rechte für alle, für Toleranz waren und gegen Rassismus, Hass, Religion und einen Kapitalismus, der sich selbst zur heiligen Wahrheit erklärt.

Eine Schlüsselfigur von "Charlie Hebdo" war deshalb auch Bernard Maris, ein Ökonom, der die Ökonomie als Scheinwissenschaft entlarvte, ein Berater der französischen Zentralbank, der im praktizierten Kapitalismus ein Hauptproblem unserer Zeit sah.

Regelmäßig schrieb er seine Kolumne "Oncle Bernard", in der aktuellen Ausgabe von "Charlie Hebdo" hatte er gleich drei Texte: über die absurde Vorstellung, dass ausgerechnet Frankreich den Klimaschutz vorantreiben könnte, über den neuen Houellebecq, den er ein Meisterwerk nannte, und über die Religion und das Böse.

"Wenn man davon spricht, dass die Religion das Böse verhindert, spricht man eigentlich davon, dass die Polizei das Böse verhindert", schrieb er. "Nur ein paar Tage ohne Polizei zeigen, dass die Furcht vor Gott nicht viel Böses verhindert."

Auch Bernard Maris starb am Mittwoch in Paris, in der Rue Nicolas Appert Nummer 10.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH