Getötete "Charlie Hebdo"-Karikaturisten Vier spitze Federn

Vier der bekanntesten Cartoonisten Frankreichs kamen bei dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" ums Leben: Cabu, Tignous, Charb und Wolinski. Die Künstler hinterlassen ein Werk, das weit über Mohammed-Karikaturen hinausgeht.

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Cartoonist Cabu: Aus seinem Element gerissen
AFP

Cartoonist Cabu: Aus seinem Element gerissen


Es gibt ein Foto vom Mai 2008, auf dem die Karikaturisten Cabu, Tignous und Wolinski gemeinsam auf dem roten Teppich in Cannes scherzend zu sehen sind. Ein bisschen wie aus ihrem Element gerissen wirken die älteren Herren des Satiremagazin "Charlie Hebdo" dort im Frack, doch der Grund ihres Besuchs in Cannes entsprach genau ihrem Metier.

Karikaturisten Cabu, Tignous und Wolinski in Cannes
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Karikaturisten Cabu, Tignous und Wolinski in Cannes

Anlass war Daniel Lecontes Dokumentarfilm über die Morddrohungen, die auf die Mohammed-Karikaturen gefolgt waren. Wenn man so will der ultimative Ritterschlag einer gelungenen Provokation.

Als Provokateure fühlten sich die Zeichner in ihrem Element, oft ein wenig plump, sehr oft latent sexistisch und manchmal am Rande des Rassismus. Doch immer scharfzüngig mittendrin in der gesellschaftlichen Diskussion - und vor allem ohne Respekt oder gar Angst vor Einrichtungen jedweder Couleur.

Nicht nur Muslime waren Ziel des Spotts

Die politische Karikatur ist eine Institution in Frankreich, nicht zu vergleichen mit "Eulenspiegel" oder "Titanic" in Deutschland. Im Land, in dem die "Bandes Dessinées" schon lange fester Bestandteil der Kulturszene sind, werden auch die täglichen Zeichnungen in den Tageszeitungen oder eben Satiremagazine wie "Charlie Hebdo" als Gesellschaftskommentare wahr- und ernst genommen (lesen Sie hier die Reportage von den Solidaritätskundgebungen in Paris).

In guter französischer Tradition war die Karikatur in "Charlie Hebdo" keineswegs nur auf Muslime beschränkt (lesen Sie hier weitere Hintergründe zu "Charlie Hebdo"). Das linksliberale Magazin nahm auch die katholische Kirche oft und gern auf die Schippe und verstand sich insgesamt als antiklerikal.

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Allen voran der 76-jährige Jean Cabut, genannt Cabu, der aus seiner politischen Agenda nie einen Hehl machte und sie mit spitzer Feder vorantrieb. Mit seinen Comicfiguren wuchsen Generationen von Franzosen auf. Seit den Sechzigerjahren gab das neu entstandene Satire Magazin "Hara-Kiri" ihm und anderen Karikaturisten einen Rahmen, um sich auszutoben.

Cabu bezog in seinen Werken verstärkt politische Haltung und schuf mit "Le Grande Duduche" und "Mon Beauf" zwei der bekanntesten Comicstrips Frankreichs. Seine Fähigkeit zum satirischen Blick auf die Gesellschaft zeigte sich besonders in "Mon Beauf", der Karikatur eines französischen Mackers. Die Zeichnungen trafen so punktgenau die chauvinistischen Seiten der Grande Nation, dass "Beauf" mittlerweile fest in den Sprachgebrauch der Franzosen eingegangen ist. Cabu war nicht nur für seine spitzen politischen Cartoons bekannt, er engagierte sich auch aktiv als Antimilitarist.

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Ebenso wie Cabu, begann auch der Doyen des Magazins, Georges Wolinski, seine Karriere als Zeichner beim Wochenmagazin "Hara-Kiri". Seine Strips unter dem Titel "Monsieur", auch sie Kommentare zur französischen Gegenwartsgesellschaft, machten ihn später bei "Charlie Hebdo" berühmt.

"Le Monde" nannte den 68er liebevoll einen Erotomanen und Pessimisten, doch auch sein Oeuvre erstreckte sich weit in die Sphären der politischen Satire. Erst im vergangenen Herbst hatte der 80-jährige Wolinski mit "Le Village des femmes" seine erste Graphic Novel veröffentlicht. Wie angesehen seine Kunst in Frankreich war, zeigt, dass er ausgerechnet von Jacques Chirac, oft selbst im Fokus der Satire, den Orden der Légion d'honneur verliehen bekam.

AP/dpa

Stéphane Charbonnier, oder Charb, war als Chefredakteur von "Charlie Hebdo" schon mehrfach Ziel von Drohungen und Angriffen. Seitdem er die Mohammed-Karikaturen verantwortete, stand der 47-jährige unter Personenschutz. Als jüngster der vier war er im Fokus der Kontroverse. Und obgleich er auch in der französischen Linken nicht unumstritten war, stand sein Name doch wie kaum ein anderer für das - manchmal auch störrische - Beharren auf dem Prinzip der Meinungsfreiheit. Aus einem Interview mit "Le Monde", das er nach den Morddrohung gab, stammt sein zapatistisches Zitat: "Ich würde lieber stehend sterben, als auf den Knien zu leben."

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Der vielleicht idealistischste unter den Künstlern war Bernard Verlhac, der unter dem Künstlernamen Tignous zeichnete. Der 57-Jährige veröffentliche seine Karikaturen auch in "Marianne" und "Fluide Glacial", er hat zahlreiche eigene Bücher publiziert, darunter "Cinq ans sous Sarkozy", seine satirische Abrechnung mit dem ehemaligen Präsidenten der Republik. Er war Mitglied bei der Organisation "Cartooning for Peace". Seine Einstellung beschrieb Tignous so: "Wenn ich wüsste, dass jede Zeichnung von mir eine Entführung oder einen Mord verhindert, eine Landmine entfernt, dann würde ich nicht mehr schlafen und nur noch zeichnen."

Es wird schwer sein, die Lücke zu schließen, die diese vier Künstler hinterlassen haben. Es wäre unverzeihlich, ihre Leben auf eine einzelne Karikatur und die furchtbare Reaktion darauf zu reduzieren.



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