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Jubiläumsausgabe von "Charlie Hebdo": Gott im Terror-Outfit

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Jubiläumsausgabe von "Charlie Hebdo": Die Verfechter der Republik Fotos
DPA/ Charlie Hebdo

Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satireblatts erscheint "Charlie Hebdo" als Doppelnummer. Die Jubiläumsausgabe ist eine harsche Abrechnung mit jeder Form von "religiösem Totalitarismus".

Ausgebreitet auf 32 Seiten ist die Ausgabe ein offensives journalistisches Statement, eine Hommage an die ermordete Gründerriege der Wochenzeitung, ein Bekenntnis zur Trennung von Kirche und Staat, ein Plädoyer für uneingeschränkte Meinungsfreiheit.

Zottelbärtig, die Augen irrlichternd aufgerissen, auf dem struppigen Haarschopf ein Symbol der Dreifaltigkeit, der Kittel mit Blutspuren bedeckt und über der Schulter eine Kalaschnikow: Gott als flüchtiger Terrorist - mit dieser Titelzeichnung erscheint die Ausgabe. Darüber die Zeile: "Ein Jahr danach - der Mörder läuft noch immer frei umher."

Charlie Hebdo, ein Jahr danach, ist eine kollektive Arbeit von Redakteuren, Ex-Mitarbeitern und Freunden, darunter der Deutsche Ralf König. Und ein Rückblick auf die ermordeten Promi-Zeichner: Cabu, Wolinski, Charb und die anderen legendären Illustratoren, deren Arbeiten vor keinem Tabu Halt machten. Und die sich mit Verve und Vitriol-getränktem Humor immer wieder an der Borniertheit religiöser Dogmen oder der Doppelmoral gottesfürchtiger Glaubensträger abarbeiteten.

Während Präsident François Hollande den tragischen Jahrestag mit Gedenktafeln ehrte, kehrt Charlie Hebdo zu den Ereignissen zurück mit einem detaillierten Bericht über die Momente des Horrors: "Die wahre Geschichte des 7. Januar erzählt von denen, die die Kugeln der Brüder Kouachi erlebt und überlebt haben."

Ein Verriss der "gesegneten Ärsche" der Religionen

In dieser Tradition steht der Titel von Herausgeber Laurent Sourisseua, Spitzname Riss, der bei dem Anschlag am 7. Januar am Arm verletzt wurde. Der Chefredakteur nimmt sich in seinem Leitartikel die geistigen Drahtzieher des Attentates vor: "Fanatiker, stumpfsinnig gemacht durch den Koran", schreibt er und verreißt zugleich die "gesegneten Ärsche anderer Religionen." Auch sie hätten Charlie Hebdo den Untergang gewünscht: "Weil wir es wagten, uns über den Glauben lustig zu machen."

Riss weiß heute, welches Risiko derartige Äußerungen darstellen: "2006, als Charlie die Karikaturen von Mohammed publizierte, dachte niemand ernsthaft daran, dass das eines Tages mit Gewalt enden könnte", schreibt er über die Redaktion, die damals in einer Geste der Solidarität die zuerst in Dänemark veröffentlichten Illustrationen nachdruckte. "Wir betrachteten Frankreich als Insel des Laizismus, wo es möglich war zu kritisieren, zu zeichnen, sich zu amüsieren."

Ein Brandanschlag 2011 schreckte die Redaktion auf, doch erst das Attentat im Januar vergangenen Jahres beendete den naiven Glauben an intellektuelle Immunität. "Auf den ohrenbetäubenden Lärm von rund 60 Feuerstößen breitete sich im Redaktionssaal eine unendliche Stille aus", schreibt Riss. "Wie kann man danach Zeitung machen?", fragt er sich und kommt zu dem Schluss: "Es kann doch nicht sein, dass zwei kleine vermummte Idioten die Arbeit unseres Lebens in die Luft jagen."

Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt, Charlie hat den Anschlag überstanden, wenngleich mit Narben und Traumata. Die weltweite Sympathiewelle "Je suis Charlie" sowie der plötzliche Reichtum schufen Spannungen, einige der älteren Generation verließen die Zeitung. Zeichner Luz, der zunächst die "Redaktion der Überlebenden" leitete, verabschiedete sich "aus persönlichen Gründen" im vergangenen Mai: "Vereinnahmt von tausend Dingen, Trauer, Schmerz und Wut".

"Ein Leben hinter Barrikaden"

Mittlerweile hat der Verlag nach einem achtmonatigen Exil bei der französischen Tageszeitung "Libération" Ende September wieder eigene Räume bezogen - eine Bunkerexistenz geschützt durch Panzertüren und Sicherheitsschleusen. "Ein Leben hinter Barrikaden", sagt Chef Riss zu der Arbeit in den Büros des 13. Arrondissements.

Immerhin, nach der ersten Ausgabe, die nur eine Woche mit einem Mohammed-Titel erschien ("Alles ist verziehen") und 7,5 Millionen Mal verkauft wurde, hat sich die Auflage bei respektablen 280.000 Exemplaren eingependelt - darunter mehrere Zehntausend Leser in Deutschland. Die Sondernummer geht mit einer Million an die Kioske, auf der letzten Seite gewürdigt von Schauspielerinnen wie Isabelle Adjani und Charlotte Gainsbourg, der Philosophin Élisabeth Badinter, der Schriftstellerin Taslima Nasreen und dem Musiker Ibrahim Maalouf.

"Charlie ist die zur Tugend erhobene Unverfrorenheit und der schlechte Geschmack als Grundsatz der Eleganz - eine Heldentat", schreibt Kultusministerin Fleur Pellerin. Trotz derart regierungsamtlichen Segens bleibt Charlie Hebdo vor allem eine Kampfansage: Provokativ, bitterböse, respektlos. Und ihre Journalisten mutige Verfechter republikanischer Werte, die zu verteidigen, das haben die Anschläge des Jahres 2015 deutlich gemacht, durchaus das Leben kosten kann.

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