"Charlie Hebdo" in Hannover "Ja, wir wollen Meinung machen!"

Bis heute steht das Team von "Charlie Hebdo" unter Personenschutz. In Hannover haben Redaktionssprecherin Marika Bret und Zeichnerin Coco über Solidarität, Meinungsfreiheit und die Digitalisierung diskutiert.

Journalistin Marika Bret (links) und Zeichnerin Coco
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Journalistin Marika Bret (links) und Zeichnerin Coco

Von Stephan Lohr


Das Museum Wilhelm Busch in Hannover ist ausverkauft am Dienstagabend. Viel Polizei vor dem Gebäude, Personenschutz für die immer noch hoch gefährdeten Damen von "Charlie Hebdo": Zeichnerin Coco und Redaktionssprecherin Marika Bret sitzen auf dem Podium zu "Spott und Humor in Frankreich", der Ausstellung im idyllisch gelegenen Wallmoden-Palais, moderiert vom Autor dieser Zeilen.

"Natürlich ist alles anders seit dem 7. Januar 2015. Aber wir leben", so Bret. Und Coco ergänzt: "Für mich bedeutet leben zeichnen." Das Publikum erfährt von den Vertreterinnen der Pariser Redaktion, dass sie sich dem Vermächtnis der ermordeten Kollegen verpflichtet fühlen. Das heißt weiter schreiben, weiter zeichnen, weiter provozieren.

Dass ihre Arbeit und die der Kollegen jetzt neben Werken von Jacques Callot und Daumier, Searle und Tomi Ungerer hängen, tut ihnen gut. Sie empfinden eine "historisch fundierte Solidarität", sagt Coco, die dem schwitzenden Moderator en passant die Perlen von der Stirn wischt (Szenenapplaus) und sich freimütig zu ihrer beinahe naiven Arbeitsweise bekennt: mit möglichst jeder Zeichnung die Meinungsfreiheit auszutesten.

Mit Personenschutz zurück ins Hotel

Deutlich wird das journalistische Konzept von "Charlie Hebdo": Es versteht sich als Speerspitze polemischer Meinungsbildung in Frankreich und darüber hinaus. "Wir diskutieren zunächst als Redakteure, welche Themen angesagt sind. Wir sind da radikaler als die Tageszeitungen, deren Redakteure sich mit Ministern treffen und Hintergrundgespräche führen", erklärt Marika Bret. Charlie Hebdo setze seine Themen selbst, erst dann würden sie und ihre Kollegen beginnen zu zeichnen und zu schreiben. "Ja, wir wollen Meinung machen!"

Angesprochen auf die Kritik an den Karikaturen zum Erdbeben im italienischen Amatrice, das das Wochenblatt als "Erdbeben italienischer Art" mit personalisierten "Penne mit Tomatensauße" kommentiert hatte, reagierten Bret und Coco empfindlich. Sie hätten sich trotz Hunderter Drohmails der Kritik vor Ort stellen wollen, allein, die Fluggesellschaft habe ihre Reise nicht zugelassen. Und ob der Klage erhebende Bürgermeister von Amatrice nicht etwas anderes zu tun habe, als sich mit ihren Karikaturen auseinanderzusetzen? "Wir haben ein Gesetz, das Blasphemie erlaubt - damit müssen sich Muslime und Christen abfinden", sagt Coco.

Auch auf die Frage, wie lange das derzeit berühmteste Satireblatt der Welt noch von der Solidarität nach dem Anschlag leben könne, gaben sich die Pariserinnen gelassen: "Natürlich lesen uns nicht alle, die damals 'Je suis Charlie' gerufen haben. Es war aber wichtig, dass das so viele waren, weil es nicht nur um uns, sondern um das Prinzip Freiheit ging", erläutert Marika Bret und ergänzt: "Wir sind inzwischen ein Verlag, machen auch Bücher, wir glauben an unsere Zukunft."

Sogar in der Digitalisierung, die Printzeitungen in ihrer Existenz bedroht, mögen Bret und Coco kein Problem erkennen. Sie sind sich des Charmes des Papiers, des grafischen Originals, des widerständigen Strichs langfristig sicher. Sympathisch und idealistisch, ja beinahe konservativ formulieren sie die Subversion des analogen Originals wider die Ästhetik des Digitalen.

Eng begleitet von ihren Personenschützern rauschen sie in schwarzen Limousinen zurück ins Hotel. Wie halten sie die ständige Bewachung aus? Bret lacht, "man gewöhnt sich daran, spontane Kneipenbesuche und diskrete Rendezvous sind so derzeit allerdings nicht möglich". Das zu akzeptieren, fällt beiden nicht leicht.



insgesamt 3 Beiträge
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thrashmail 21.10.2016
1.
"Charlie Hebdo" nervt so langsam. Es ist ja nun auch hinlänglich bekannt das Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist. Nur diejenigen die beleidigt werden sehen das nach wie vor nicht so und zünden die nächste Bombe. Kann "Charlie Hebdo" eigentlich nur "Islam" oder würden sie auch mal die französische von mir aus auch die deutsche Politik satirisch angreifen ? Das wäre weniger gefährlich.
loeweneule 21.10.2016
2.
Zitat von thrashmail"Charlie Hebdo" nervt so langsam. Es ist ja nun auch hinlänglich bekannt das Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist. Nur diejenigen die beleidigt werden sehen das nach wie vor nicht so und zünden die nächste Bombe. Kann "Charlie Hebdo" eigentlich nur "Islam" oder würden sie auch mal die französische von mir aus auch die deutsche Politik satirisch angreifen ? Das wäre weniger gefährlich.
Wenn Sie mal in eine Ausgabe reinschauen würden, sähen Sie, daß das Blatt so ziemlich alles durch den Kakao zieht. Speziell auch die von Ihnen genannten Themen.
thrashmail 23.10.2016
3.
Zitat von loeweneuleWenn Sie mal in eine Ausgabe reinschauen würden, sähen Sie, daß das Blatt so ziemlich alles durch den Kakao zieht. Speziell auch die von Ihnen genannten Themen.
Habe inzwischen eine (die neueste) Ausgabe in der Hand gehabt. Na ja, eigentlich noch schlimmer als ich mir hätte vorstellen können. Viel zu wenig Intelligenz, zu viel billige Albernheiten.
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