Ausschreitungen in Charlottesville Andere Sprache, derselbe Hass

Was passiert, wenn die extreme Rechte in demokratische Institutionen einzieht, konnte man in Charlottesville erleben. Dabei ist es egal, wie sie sich nennen mag, ob "Alt-Right" - oder "AfD".

Aufmarsch rechter Gruppen in Charlottesville
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Aufmarsch rechter Gruppen in Charlottesville

Eine Kolumne von


"Scheint die Sonne auch für Nazis?" haben "Die Ärzte" mal gesungen, und ja, leider zurzeit viel zu wonnig. In Charlottesville konnte man jetzt beobachten, was passiert, wenn Rechtsextreme sich zusammenrotten, weil sie glauben, ihre Stunde habe geschlagen. Dass sie das glauben, liegt auch daran, dass es leicht ist, sich ermächtigt zu fühlen, wenn ganz oben Leute sitzen, die ähnlich drauf sind wie man selbst.

Es mag Donald Trump einige Überwindung gekostet haben, sich spät und stumpf vom rechten Terror zu distanzieren oder zumindest ein entsprechendes Stück Text vorzulesen. "Rassismus ist böse", das ist schon eine Leistung für jemanden, dessen Macht zu weiten Teilen auf Rassismus beruht, der sich von Rechtsextremen beraten lässt und der ohne die Leute, die jetzt "Heil Trump" brüllen, wohl nie so weit gekommen wäre. Aber andererseits auch keine so geniale Aussage angesichts der Tatsache, dass die allermeisten Rassisten immer noch einen Satz zustande kriegen, der mit "Ich bin kein Rassist" anfängt.

Trump hat in seinem Statement den Ku-Klux-Klan, Neonazis, White Supremacists direkt als Rassisten und damit böse benannt, und die dürften nun mitunter verstört sein. Mixed Messages. Hatte doch gerade erst der ehemalige Klan-Führer David Duke erklärt, die rechten Aufmärsche von Charlottesville seien ein Wendepunkt für eine Bewegung, die nun "die Versprechen von Donald Trump" erfüllen werde.

Das Problem ist nicht, dass sich Leute wie Duke jetzt womöglich kurz mal sortieren müssen, sondern dass eine knappe Erklärung von Trump nicht genügen wird zu verhindern, dass sich massenhaft Rechtsextreme zu aggressivem Auftreten legitimiert fühlen, weil sie in den obersten politischen Etagen Gleichgesinnte sehen. Es marschiert sich leichter, wenn man die Macht im Blick hat, und es ist leichter, dem Hass Handlungen folgen zu lassen, wenn er wirkt wie eine Meinung, die man eben haben kann.

Auch wenn die Begriffe, die die Rechten als Selbstbezeichnung für sich wählen, in den USA andere sind als hier, ist rechte Gewalt, die sich von oben gestützt sieht, kein US-amerikanisches Thema. Ob sie sich "Alt-Right" nennen, von "White Power" oder "White Supremacy" sprechen, oder ob sie sich als "Identitäre Bewegung" bezeichnen, es sind alles Rassisten, die glauben, dass Weiße mehr wert sind als Nichtweiße. Die einen brüllen "you will not replace us", die anderen sprechen von "Umvolkung".

Man kann über alles reden, aber nicht alles ist verhandelbar

Wenn sie gewalttätig werden, ist der Schritt, ihre Taten als rechten Terror zu bezeichnen, für viele hier wie da immer noch ein zu großer. Immer noch wird der Anschlag von München, der sich im Juli zum ersten Mal jährte, oft nur als "Amoklauf" bezeichnet oder als Tat eines Jungen, der gemobbt wurde. Das Fragezeichen in "Waffenhändler des Münchner Amokläufers rechtsextrem?" ist nicht mehr so notwendig, wenn bereits rausgekommen ist, dass besagter Waffenhändler seine Mails mit "Heil Hitler" signierte.

Wenn in Deutschland bald der Bundestag neu gewählt wird, entscheidet sich, ob die AfD darin Plätze bekommt. Sie ist vom Regieren weit entfernt, aber wäre - wenn sie über die Fünfprozenthürde kommt - dann trotzdem so weit oben angekommen, dass es für einige verstärkt so wirken könnte, als wäre die rassistische Brühe, die diese Partei mitunter aufkocht, tatsächlich eine gerechtfertigte Meinung, die man eben haben kann.

Als wären Weiße oder Christen oder Heterosexuelle ernsthaft vom Aussterben bedroht, nur weil andere auch Menschenrechte haben wollen, und als hätten sie deswegen das Recht, sich zu verteidigen gegen die vermeintliche Bedrohung. Als wären völkisches Denken, Hetze gegen Minderheiten und Ungleichbehandlung nach Herkunft, Religion oder Sexualität eben Dinge, die man in einer Demokratie schon mal aushalten muss. Muss man nicht. Man kann über alles reden, aber nicht alles ist verhandelbar.

Das ist nicht so leicht zu vermitteln in einer Zeit, in der allenthalten von "Denk-" und "Sprechverboten" die Rede ist und Linken vorgeworfen wird, überheblich zu sein und sich stets auf der moralisch richtigen Seite zu wähnen. Nun ja. Mitten in einem nicht richtig anlaufenden Wahlkampf, in dem bisher eigentlich alle halbwegs linken Parteien sich so geschickt anstellen wie Besoffene beim Topfschlagen, kann man vielleicht schon mal anmerken, dass es kein arroganter Move ist, Rechten die Aussicht auf die oberen Plätze zu versperren. Überheblich ist es, sich als Vertreter einer von wem auch immer auserkorenen Herrenrasse zu wähnen, um mal ein Beispiel zu nennen.

Mögen ihre Wahlergebnisse so gar nicht herrenrassig werden, sondern winzig, winzig klein und schäbig.

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insgesamt 61 Beiträge
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Zaphod 15.08.2017
1. Schönes zum Feiertag
Es ist doch immer wieder erfreulich festzustellen, dass es auch noch vernünftige Menschen wie Frau Stokowski gibt, die vernünftige Dinge schreiben. Mag auch manchmal nach der Lektüre von Forenbeiträgen der Eindruck entstehen, die Vernünftigen sind inzwischen in der Unterzahl, so besteht doch weiterhin Hoffnung, dass Solidarität, Mitmenschlichkeit und die Toleranz gegenüber Andersartigen weiterhin Werte sind, die zumindest von der Bevölkerung in Deutschland geteilt werden.
hinschauen 15.08.2017
2.
Afd und Ku-Klux-Klan - das ist für Sie also alles dasselbe, Frau Stokowski? Und die Fakten, die sie für diese Behauptung heranziehen sind....aha gefunden: die sagen es gäbe "Rede-und Sprechverbote". Und wer das tut, hängt auch dunkelhäutige Menschen am nächsten Baum auf? Was in dieser Kolumne steht ist nicht deshalb regelmäßig anderer Meinung bin wie Sie, Frau Stokowski, sondern weil die "Argumentationen", auf die Sie Ihre Meinungen stützen, regelmäßig eine intelektuelle Beleidigung sind.
zynik 15.08.2017
3. Mutig.
Shitstorm incoming....
BettyB. 15.08.2017
4. Etwas vergessen
Gab es da nicht einige Mitglieder der CDU, die schon öffentlich über eine Zusammenarbeit mit der AfD laut so nachdenken, als würden sie diese begrüßen? Nun, Merkel wird es richten. Doch wie?
so_nicht 15.08.2017
5. Am nächsten Baum aufknüpfen
gehört bisher nicht zum Wahlprogramm der AfD. Bei dieser Partei sollen sogar Menschen mit alternativer sexueller Orientierung und nicht- biodeutscher Herkunft in Führungspositionen sein. Vielleicht hat sich hier die Autorin selbst der geistigen Lynchjustiz schuldig gemacht. Die Rechts-Faschisten sagen eben immer zuerst "ich bin kein Rassist", die Links-Faschischten "ich bin für Meinungsfreiheit"...
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