Sprechen über Rassismus Wie Worte die Realität verfälschen

Es sind nicht weiße Dänen, die in Deutschland Opfer von Übergriffen werden - "Ausländerfeindlichkeit" ist deshalb der falsche Begriff. Mit ihm verfestigt man Ausgrenzung.

Proteste in Chemnitz
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Proteste in Chemnitz

Ein Kommentar von Armin Langer


Max Frisch erzählt in seinem Theaterstück "Andorra" von dem jungen Mann Andri, der von seinem Vater als jüdisches Pflegekind ausgegeben wird und selbst daran glaubt, jüdischer Herkunft zu sein - obwohl er es nicht ist. Er wird immer wieder mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert; als er sich zum Beispiel um einen Ausbildungsplatz beim Tischler bewirbt, setzt ihn sein Chef in den Verkauf, weil er als Jude keine handwerklichen Fähigkeiten besitzen könne. Nach und nach übernimmt der Protagonist alle ihm zugeschriebenen Eigenschaften.

Seit diesem Theaterstück spricht man in der Sozialpsychologie von einem "Andorra-Effekt". Der Andorra-Effekt ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die besagt, dass sich Menschen oft an die Beurteilungen, die sie durch die Gesellschaft erfahren, anpassen. Der Betroffene bekennt sich nicht dazu, was er ist, sondern wird allmählich zu jemand anderem gemacht. Man kann in dem Zusammenhang auch von internalisiertem Rassismus sprechen. Klar macht der Andorra-Effekt: Wörter schaffen Realität.

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In den letzten Tagen wurde ein Wort in der deutschen Öffentlichkeit besonders häufig verwendet, das eine falsche Realität schafft: "ausländerfeindlich". SPIEGEL ONLINE beschrieb, wie die Demonstranten "mit ausländerfeindlichen Parolen" durch die sächsische Stadt marschierten, "Zeit Online" berichtete über die Kundgebung "des ausländerfeindlichen Bündnisses" von AfD und Pegida, und die Deutsche Welle informierte uns über die gleichzeitig stattfindende Gegendemo "gegen Ausländerfeindlichkeit". Dabei problematisiert der Begriff "Ausländerfeindlichkeit" die Ausgrenzung von Minderheiten nicht, sondern verfestigt sie.

Im engeren Sinne sind nur diejenigen Personen Ausländer, die ihren Lebenspunkt im Ausland haben, etwa Touristen. Im weiteren Sinne ist ein Ausländer jemand, der ohne deutschen Pass in der Bundesrepublik ansässig ist, darunter viele Dänen, Franzosen oder US-Amerikaner. So müssten diese Gruppen dann auch von diesen "ausländerfeindlichen" Straftaten betroffen sein. Es sind aber eben nicht weiße Dänen, Franzosen oder US-Amerikaner, die Opfer von rechtsextremen Angriffen in Deutschland werden.

Nicht-Zugehörigkeit wird verfestigt

Die Opfer dieser Straftaten sind in der Regel nicht-weiße Menschen, Schwarze, Sinti und Roma und Angehörige anderer Minderheiten. Viele von ihnen sind gar keine ausländischen Bürger, sondern Deutsche. Diese Deutschen sind manchmal selbst Zugewanderte, oft aber schon in der Bundesrepublik als Kinder von Zugewanderten geboren. Von den 19,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund besitzen 51 Prozent den deutschen Pass.

Das Wort "Ausländerfeindlichkeit" macht in vielen Fällen deutsche Staatsbürger zu Ausländern. Die Motivation dieser Täter ist auch nicht eine feindliche Gesinnung gegen "Ausländer" an sich - sondern gegen nicht-weiße Personen. Statt "Ausländerfeindlichkeit" sollte man das Problem beim Namen nennen - es handelt sich hier um Rassismus.

Zum Autor
  • Katja Harbi
    Armin Langer, Jahrgang 1990, studierte Philosophie und jüdische Theologie in Budapest, Jerusalem und Potsdam. Er lebt als Publizist in Berlin, ist Autor des Buchs "Ein Jude in Neukölln - Mein Weg zum Miteinander der Religionen" und Herausgeber des Sammelbandes "Fremdgemacht & Reorientiert - jüdisch-muslimische Verflechtungen."
  • Armin Langers Homepage (arminlanger.net)

In Chemnitz gab es auch eine kirchliche Kundgebung gegen "Fremdenhass", wie das "Domradio" berichtete. Trotz guter Absicht verfestigt auch diese Bezeichnung lediglich die Nicht-Zugehörigkeit der von den rassistischen Anfeindungen betroffenen Minderheiten. Denn der Begriff impliziert, dass die Opfer "fremd" sind, also nicht zum "Land", zum deutschen nationalen Kollektiv, gehören.

Selbst in Bezug auf antijüdische Ressentiments wird oft von "Fremdenfeindlichkeit" gesprochen, obwohl Juden seit Jahrhunderten in Deutschland leben. Die "Frankfurter Rundschau" titelte den Bericht über eine wissenschaftliche Veröffentlichung zu Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland als "Studie zu Fremdenfeindlichkeit", für den Deutschlandfunk ist ein Angriff auf Berliner muslimische Schüler "fremdenfeindlich", aber auch der rbb bezeichnet eine Gürtel-Attacke auf einen jungen, nicht-weißen Mann als "fremdenfeindlich" motiviert.

Es ist aber nicht "fremdenfeindlich", wenn auf die Wohnungstür eines Juden ein Hakenkreuz geschmiert wird - sondern antisemitisch. Und wenn einer muslimischen Frau das Kopftuch auf offener Straße heruntergerissen wird, ist dies nicht Ausdruck von "Fremden-", sondern von Islamfeindlichkeit.

Die Ausgrenzung in unserer Alltagssprache

Was machen diese Zuschreibungen mit Menschen? Im Frisch-Stück weist ein Pfarrer den Protagonisten darauf hin, dass seine Versuche, sich an die andorranische Gesellschaft anzupassen, vergeblich sind: Er könne nie ein Andorraner werden, weil er Jude sei. Andri verinnerlicht diese Ausgrenzung.

Eine ähnliche Verinnerlichung bemerke ich oft bei meinen Schulbesuchen in Berlin-Neukölln. Neulich fragte mich ein Jugendlicher: "Warum hassen die Deutschen uns Ausländer?" Die meisten dieser Schüler sind hier geboren, haben keinen weiteren Pass als den deutschen in ihren Händen und sprechen nur deutsch als Muttersprache. Trotzdem bezeichnen sie sich oft als "Ausländer" . Wo selbst unter Antirassisten von "Ausländern" und "Fremden" die Rede ist, sollte es einen nicht überraschen, wenn diese Fremdbezeichnung internalisiert und zur Realität vieler Betroffener wird.

Wenn wir ein offenes Land werden wollen, brauchen wir eine neue, inklusive Definition für ein "Deutsch-Sein", das nicht entlang der ethnischen Herkunft oder Religion bestimmt wird. Und wir brauchen ein Bewusstsein für Rassismus. Ausgrenzung gibt es nicht nur in Chemnitz - sondern auch in unserer Alltagssprache.

Video: Wer sind die Hintermänner der Chemnitz-Krawalle?

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Seite 1
anke Weig 06.09.2018
1.
Absolut richtig. Klares Denken nur mit klarer Sprache!
option@l 06.09.2018
2. Es ist zunächst mal die Presse...
...die gebetsmühlenartig den Begriff „ausländerfeindlich“ benutzt, während z. B. Pegida sich selbst als islamkritisch bezeichnet. Aber ausländerfeindlich macht sich in reißerischen Überschriften wohl besser und vernebelt gleich mal, worum es den dort Aktiven eigentlich geht. Sicherlich nicht um weiße Dänen oder Touristen. Gleiches ist schon bei der wunderbaren Wandlung vom „Zigeuner“ über „Roma und Sinti“ zum „bulgarischen und rumänischen Staatsbürger“ versucht worden. Nur: mit PC Sprachverwirrung löst man das Problem nicht.
s.schaefer 06.09.2018
3. Bravo
Sollten wir alle, aber auch alle Redaktionen beherzigen! Präzise Formulierungen, Beschreibungen und Beobachtungen sind gefordert. Das Geschwafel vieler Akteure sollten Medien und Öffentlichkeit nicht einfach übernehmen.
jujo 06.09.2018
4. ....
Alles schön und gut, vielleicht auch alles richtig. Nur vergißt der Autor, das ihn nur wenige verstehen werden. Wir sind hier nicht in einem philosophischem Seminar, sondern in der Lebenswirklichkeit. Denn die die es angeht machen diese feinen Unterscheidungen nicht. Herrn Langers Zielgruppe ist vielleicht in Richtung Precht zu verorten aber nicht in Richtung Bachmann.
paul_a.stevens 06.09.2018
5. Genau!
Dem Beitrag ist nichts zuzufügen. Absolut auf den Punkt gebracht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie unachtsam wir mit unserer Sprache umgehen und nicht merken, dass Sprache unsere Gedanken und letztlich unser Verhalten formt.
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