Alibaba kauft "South China Morning Post" "Was gut für China ist, ist auch gut für Alibaba"

Sie gilt als "Fenster zu China": Der Internetkonzern Alibaba hat die "South China Morning Post" gekauft. Wird jetzt die einst kritische Zeitung aus Hongkong zu Pekings Propagandablatt?

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"South China Morning Post"-Ausgaben: Seismograf der Pressefreiheit
DPA

"South China Morning Post"-Ausgaben: Seismograf der Pressefreiheit


Als die "South China Morning Post" am 6. November 1903 zum ersten Mal erschien, hatte sie nicht weniger als eine Wissensrevolution vor. In ihrem ersten Leitartikel schrieb sie:

"Die moderne Zeitung hat den Platz des althergebrachten Botschafters eingenommen. Der Zyniker sagt, dass Botschafter ins Ausland geschickt werden, um für das Wohl ihres Landes zu lügen. Die Zeitung wird ins Ausland geschickt, um für das Wohl der Menschheit die Wahrheit zu sagen."

112 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen - quasi mit der Fackel der Aufklärung in der Hand - gibt es jetzt Bedenken, dass die größte englischsprachige Tageszeitung Hongkongs zu dem degenerieren könnte, was sie nie sein wollte: einem Botschafter, der zum Wohl des Landes lügt. "South China Morning Post" 2015, zurück in die Zukunft.

Am Freitag hatte der chinesische Internetkonzern Alibaba mitgeteilt, die "South China Morning Post" (SCMP) zu kaufen. Gerüchte über den Kauf kursierten schon länger, der Preis wurde zunächst auf etwa 90 Millionen Euro geschätzt. Am Montag aber nannte die SCMP die Summe in einer Mitteilung an die Börse in Hongkong. Mit umgerechnet 242 Millionen Euro fällt sie mehr als doppelt so hoch aus wie vermutet. Außer der SCMP übernimmt Alibaba unter anderem die Hongkong-Ausgaben der Magazine "Elle", "Cosmopolitan" und "Harper's Bazaar".

Die "Hong Kong Journalists Association", die Gewerkschaft der Hongkonger Journalisten, erklärte umgehend, sie sei besorgt, dass die Übernahme der SCMP durch Alibaba die Pressefreiheit in Hongkong gefährden werde. Auf Weibo, dem größten sozialen Netzwerk Chinas, entzündeten Nutzer Kerzen, um des "Tods" der Zeitung zu gedenken.

Ideologisch gefärbte Berichterstattung

Grund für die Sorge sind Aussagen des Vize-Chefs der Alibaba Group, Joseph Tsai. Einerseits beteuerte Tsai in einem Interview in der SCMP, nicht in die Redaktion eingreifen zu wollen. Auch kündigte er an, die bestehende Paywall abzubauen und in den personellen Ausbau der Redaktion zu investieren. Andererseits warf sein Verständnis von Journalismus Fragen auf. Westliche Medien hätten ihren eigenen Blickwinkel auf China. Weil sie etwas gegen das chinesische Regierungssystem hätten, sei ihre Berichterstattung ideologisch gefärbt. "Wir sehen die Dinge anders, und wir glauben, die Dinge sollten beschrieben werden, wie sie sind", sagte Tsai. Für Alibaba als an der New Yorker Börse gelistetes Unternehmen sei positive Berichterstattung in den internationalen Medien wichtig. In einem Interview mit der "New York Times" brachte er die gewünschte Berichterstattung der SCMP schließlich auf die Formel: "Was gut für China ist, ist auch gut für Alibaba."

Wenig vertrauenerweckend ist auch, dass Alibaba beim Kauf der SCMP laut "New York Times" von dem Investor Eric X. Li beraten wurde. Li gilt als Apologet der chinesischen Regierung. In einem Open-Ed für die "New York Times" erklärte er 2012 "Warum Chinas politisches Model überlegen ist".

Einen Vorgeschmack darauf, was der Kauf für die SCMP bedeuten könnte, gab es im Jahr 2013: Da veröffentlichte die Zeitung ein Interview mit Jack Ma, dem Gründer von Alibaba. Ma verteidigte das gewaltsame Eingreifen des chinesischen Militärs am Platz des Himmlischen Friedens 1989 als "die richtigste Entscheidung". Alibaba veröffentlichte eine Erklärung und sagte, die SCMP habe Ma ungenau zitiert. Das Zitat wurde aus dem Interview gelöscht, der Autor des Interviews wurde suspendiert; kurz darauf kündigte er.

"Freiheit ist unbezahlbar"

Die SCMP erscheint mit einer täglichen Auflage von 100.000. Ihre tatsächliche Bedeutung geht aber weit über die Auflage der gedruckten Zeitung hinaus. Hongkong hat - im Gegensatz zum Rest Chinas - eine unabhängige Justiz und eine relativ freie Presse. Die SCMP berichtet über Themen, die in der chinesischen Presse tabu sind, etwa die jährlichen Gedenkveranstaltungen an das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens. Sie gilt damit unter Journalisten und für Investoren als "Fenster zu China".

Die SCMP war auch immer ein Seismograf der Hongkonger Pressefreiheit. An ihr konnte man erkennen, wie es um den Stand der Presse bestellt ist. Schon seit ein paar Jahren bemängeln Kritiker Zensur und Selbstzensur. Seit 2003 gehörte die SCMP dem malaysischen Tycoon Robert Kuok, einem der reichsten Malaysier, der Geschäftsinteressen in China hat. 2012 bezichtigte der Reporter Paul Mooney den Chefredakteur der Zensur. Im Mai 2015 wurden vier Kolumnisten entlassen, die für ihre kritischen Kommentare gegenüber China bekannt waren.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte gehört die SCMP jetzt aber einem chinesischen Unternehmen. Jack Ma werden gute Beziehungen zur chinesischen Regierung nachgesagt. Erst im Juni erwarb Alibaba eine Beteiligung an der auf den Finanzsektor spezialisierten Mediengruppe "China Business News". Die chinesische Führung um den Präsidenten Xi Jinping setze verstärkt auf private Unternehmen, um das Image Chinas im Ausland aufzupolieren, sagt Mareike Ohlberg, die an der Universität Heidelberg zu Chinas Außenpropaganda forscht. Dass jetzt namhafte Medienmarken eingekauft würden, liege daran, dass China mit den eigenen Staatsmedien keinen Einfluss auf die globale China-Berichterstattung ausübe. In China herrscht strenge Zensur. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen rangiert das Land auf Platz 176 von 180. Google, Facebook und Twitter sind dort gesperrt.

Es werde zu Einschnitten in der Berichterstattung der SCMP kommen, glaubt Ohlberg, wenn auch langsam: "Gibt es zu schnell zu große Eingriffe, verliert die SCMP massiv an Glaubwürdigkeit." Ein ehemaliger Reporter der SCMP, der die Zeitung gerade erst verlassen hat und anonym bleiben will, befürchtet hingegen drastische Eingriffe in die redaktionelle Freiheit: "Ich vermute, Jack Ma wird da skrupelloser sein als sein Vorgänger Robert Kuok."

Der wahre Wert der SCMP stehe auf keinem Preisschild, schrieb George Chen, ein Redakteur der Zeitung. Der Wert der Zeitung liege in ihrer Freiheit: "Freiheit ist unbezahlbar."



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alohas 14.12.2015
1. Sesam öffne dich!
So stützt der Kapitalismus ein kommunistisches Regime. Wenn es ein Markenzeichen der SCMP war, eine freie und kritische Meinung zu vertreten, wird dieses Merkmal wohl bald dahin sein und die Traditionszeitung geht in der regimetreuen Medienlandschaft der Volksrepublik China unter. Das allerdings wäre auch wieder ein Coup der Machthaber gegen die Meinungsfreiheit.
temster23 15.12.2015
2.
vielleicht busiess tut große, gut, dass Alibaba ist jetzt erweitert
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