China-Debatte in Berlin Ai weit weg

In der Berliner Akademie der Künste diskutierten Politiker und Intellektuelle über die Verhaftung Ai Weiweis und den Streit um die deutsche Aufklärungs-Ausstellung in Peking. Und es zeigte sich: Debattieren beherrscht man in Deutschland, die Problematik eher nicht.

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China-Diskussion in Berlin: Kompetenzgerangel unter Schwergewichten
dapd

China-Diskussion in Berlin: Kompetenzgerangel unter Schwergewichten


China ist weit weg, da kann unterwegs schon mal die eine oder andere Information auf der Strecke bleiben. Spricht man den Vornamen Ai Weiweis, des inhaftierten Künstlers, über den jetzt alle reden, "Waiwai" aus, wie es Klaus Staeck tut, der Präsident der Akademie der Künste in Berlin? Oder doch eher "Wäiwäi", wie Bernd Neumann, der Kulturstaatsminister?

Staeck müsste es eigentlich wissen: Gerade war er noch auf einem Video zu sehen, neben Ai sitzend, der vor etwa einem Jahr zu Gast gewesen ist in Staecks Akademie.

Andererseits: Neumann ist Kulturstaatsminister, der müsste es doch allemal noch besser wissen. Und dann ist da noch die von Deutschland ausgerichtete Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" im chinesischen Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens: Ist die nun für den interessierten Chinesen praktisch unauffindbar, weil gewissermassen böswillig unbeworben, in einem Seitenflügel versteckt und mit abschreckendem Eintrittspreis versehen? Das beklagte Neumann. Oder ist sie bestens zu finden, wie es Klaus Schrenk, der Generaldirektor der Bayerischen Gemäldesammlung, zu wissen meinte, zudem "nicht schlecht besucht". Und sind die aufklärungswilligen chinesischen Volksmassen vielmehr nur durch den noch nicht ganz abgeschlossenen Umbau des Nationalmuseums verhindert, in voller Zahl die deutschen Exponate zu bestaunen?

Selbst diese scheinbar einfach zu beantwortenden Faktenfragen blieben Gegenstand der persönlichen Interpretation an diesem Abend in der Akademie der Künste, zu dem Staeck geladen hatte, um über "Ai Weiwei und die Kunst der Aufklärung" zu reden: mit Egon Bahr, dem legendären SPD-Außenpolitiker ("Wandel durch Annäherung"), mit Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts, mit Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit Tilman Spengler, Autor und Sinologe, der von der chinesischen Regierung wegen kritischer Äußerungen von der Ausstellungseröffnung ausgeladen wurde - und mit dem bereits erwähnten Klaus Schrenk, der als einziger der drei ausrichtenden Museumschefs anwesend war und sich gleich zu Anfang eine heftige Schelte des Kulturstaatsministers anhören musste.

Veränderungen? "Nur im Dialog"

Neumann tadelte in seinem Eröffnungsstatement die allzu zurückhaltenden Redebeiträge der Museumsdirektoren bei der Eröffnung der Ausstellung. Insbesondere habe er "wenig Verständnis" für die spätere Äußerung des (von ihm namentlich nicht genannten) Direktors der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, der Ai Weiwei in einem Interview mit der "Zeit" bescheinigt hatte, nur deshalb so viel Interesse zu wecken, weil er "ständig draufhaut". Der Kulturstaatsminister betonte die besondere Verantwortung Deutschlands mit seinen zwei überwundenen Diktaturen, sich für Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, und forderte die chinesische Regierung auf, Ai Weiwei unverzüglich freizulassen - ein Appell, den immerhin alle Beteiligten der Diskussion teilten.

Für die Forderung, die Pekinger Ausstellung aus Protest gegen die Verhaftung Ais abzubrechen, habe er, Neumann, zwar Verständnis - dennoch sollte sie weiterlaufen: "Veränderungen erreicht man nur im Dialog." Statt eines Abbruchs müsse man nun das Begleitprogramm der Ausstellung aktualisieren und auch hier den inhaftierten Künstler zum Thema machen. Auch diesen Ansatz teilte das Podium: An diesem Abend forderte niemand, die Ausstellung zu schließen.

Die Veranstaltung trug den Untertitel "Eine deutsche Debatte", und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Kulturschwergewichte auf dem Podium weniger untereinander ins Gespräch kamen, sondern reihum ihre Standpunkte referierten, kaum unterbrochen oder gelenkt von der Moderatorin Claudia Henne, Kulturredakteurin beim "rbb". Schrenk verteidigte das Konzept der Ausstellung: Man habe sich viele Gedanken gemacht, und die Chinesen würden sich durchaus für die gesellschaftlichen Grundlagen ihrer Partnerländer interessieren. Auch Parzinger bescheinigte den Chinesen ein großes Interesse an der Welt und den Grundlagen des europäischen Denkens.

Goethe-Chef Lehmann wiederum gab zu bedenken, dass der chinesische Besucher das Konzept der Aufklärung auch nach dem Besuch der "klugen" Ausstellung nicht begreifen könne, weil ihm dafür die Grundlagen fehlten. Er kritisierte den allzu großen Aufwand, der bei der Eröffnung betrieben wurde. Ein "Staatsakt" sei das gewesen, Außenminister Westerwelle habe hundert deutsche Journalisten eingeflogen, man habe mit Superlativen von der "größten" und "teuersten" Ausstellung um sich geworfen und so die Ausstellung aus der Sphäre der Kunst in jene der Politik verschoben. Das sei ein Fehler gewesen - so sei die chinesische Zensur auf den Plan gerufen worden. Sein Eindruck sei, dass die Ausstellung weniger für die Chinesen gemacht sei, als vielmehr innenpolitische Wirkung in Deutschland erzielen sollte.

Fortschritte im stillen Kämmerlein

Egon Bahr, erfahren im politischen Umgang mit diktatorischen Systemen, hob an zu einem langen Exkurs über die Außenpolitik der Regierung Brandt und die Art und Weise, wie damals Fortschritte erzielt wurden: nämlich nur im stillen Kämmerlein. Öffentlicher Druck bringe überhaupt nichts: "Wenn ich ein sehr großes Land, das sehr mächtig ist, in seinem Prestigebedürfnis verletze, kann ich das Gegenteil von dem erreichen, was ich wollte." Dieser Einwand hallte nach und überdauerte sogar die weiteren Ausflüge Bahrs zur Situation in Uganda, den dortigen Lebensmittelpreisen, dem Plagiatsfall zu Guttenberg und den allgemeinen Segnungen des Internets: Sind öffentliche Debatten und Empörungen wie diese etwa schädlich für Ai Weiwei, dem man doch eigentlich helfen will - und nicht nur für ihn, der ja nur pars pro toto für viele Unterdrückte steht?

Klaus Staeck focht dieser Gedanke dann aber doch nur kurz an. Er wünscht sich nicht weniger öffentlichen Druck auf die chinesische Staatsmacht, sondern mehr - auch aus der deutschen Wirtschaft: "Warum äußert sich nicht auch BMW einmal?" Er habe auch schon mit dem Autokonzern telefoniert, allerdings ohne Ergebnis.

Tilman Spengler, der in China mittlerweile unerwünschte Chinaexperte, wies sanft darauf hin, dass die Idee, die wirtschaftlichen Interessen eines Unternehmens wie BMW für die Menschenrechte umlenken zu wollen, doch leicht größenwahnsinnig sei, und forderte einen Blick auf die historischen Zusammenhänge: Zwar würden missliebige Künstler in China heute inhaftiert. Vor relativ wenigen Jahren, zu Zeiten der Kulturrevolution, seien ihnen aber noch die Hände zerschlagen worden. Es sei da ein Prozess in Bewegung, einer mit Schlinger- und Schleifenbewegungen zwar, aber dennoch müsse man, wenn man die Freiheit der Kunst in China fordere, auch die historische Entwicklung der vergangenen dreißig Jahre vor Augen haben - und dann etwas differenzierter reden.

Nicht aufrufen, nur reden

Solche Gelassenheit war nicht nach dem Geschmack einiger der zahlreich erschienenen Besucher der Veranstaltung: Empört wurde Spengler per Zuruf "Expertentum" vorgehalten, das helfe doch jetzt nicht mehr weiter, man müsse jetzt endlich "konkrete Aktionen" aushecken! Ein Missverständnis, das die Moderatorin sofort aufklärte: zu Aktionen aufrufen wollte hier niemand. Nur reden.

"Welche Lehren ziehen wir nun aus der Erfahrung?", fragte gegen Ende Hermann Parzinger von der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz". Wie in Zukunft umgehen mit diktatorischen Staaten? Seine Antwort: "Ich glaube nicht, dass solche gigantischen Großprojekte der richtige Weg sind." Damit hatte er das Publikum ganz auf seiner Seite. Die Beschränkung auf den Dialog mit staatlichen Stellen reiche nicht aus, hieß es in Redebeiträgen, da hier sowieso kein echter Dialog möglich sei. Vielmehr müsse man private Initiativen unterstützen, Galerien für Künstler in China anmieten, subversiv tätig werden. Doch statt über diesen interessanten Ansatz zu debattieren, begannen die Experten auf dem Podium ein Kompetenzgerangel und ergingen sich in gegenseitigen Vorwürfen.

Eine Ausstellung in China, die sich in ihrer Wirkung eher auf Deutschland ausrichtet und die Chinesen kaum erreicht. Der erklärte Wille, eine Diktatur mit Appellen in die Knie zu zwingen, aber dabei bloß nicht die Wirtschaftskontakte zu gefährden. Letztlich Ratlosigkeit darüber, ob Ai Weiwei mehr geholfen wäre, wenn hierzulande noch lauter für seine Freilassung getrommelt würde - oder doch besser im Geheimen verhandelt. Und am Ende bleibt doch nur der Eindruck einer zerstrittenen Kulturbürokratie, die ihre größte Schlagkraft dann entwickelt, wenn sie sich mit Leidenschaft untereinander beharken darf. Eine deutsche Debatte eben. Und China bleibt sehr weit entfernt.

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insgesamt 10 Beiträge
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el-gato-lopez 27.04.2011
1. Gefühlte Macht
Nun, der Artikel beschreibt mehr oder weniger die zwei wunden Punkte der westlichen (und damit auch deutschen) Kulturbranche ziemlich genau. Zum einen die "gefühlte" Bedeutung. Mögen diese Leute sich halt in DE oder anderswo im Westen eine gewisse Bedeutung/Einfluss einbilden - oder er wird ihnen zugestanden. Dort, wo unsere Kulturschaffenden auf "hard power" treffen, sprich Leute, die sie einfach nicht ernst nehmen, geraten sie vollkommen aus dem Konzept. Warum zum Beispiel sollte sich ein chinesicher Parteibonze dafür interessieren, dass ein "Langnasen-Kulturfuzzi" seine Politik "schlimm" findet? Warum? Macht und Einfluss kommen von einer objektiv erklärbaren Basis - Einbildung ist keine... Zum anderen diese institutionalisierte Lebensfremdheit. Glaubt man unter unseren "kritischen Intellektuellen" echt, dass sich die chinesische Wirtschaftsmacht von DE-Unternehmen bedrohen lässt? Seit wann bedroht man seine Kunden? Und was wären den "konkrete Aktionen" - keine BMWs oder VWs mehr nach China liefern? Wow, dann fährt man dort halt Jaguar und Fiat, oder Renault oder Ford oder oder oder... Mal abgesehen davon, haben diese Unternehmen eh schon Produktionsstandorte in China. Aber hey, elementare wirtschaftliche Vernunft oder Logik ist der Kulturbranche eh fremd. Man wächst auf und arbeitet ohnehin abseits der Privatwirtschaft in staatssubventionierten Strukturen. Arbeitsplatz- oder Existenzangst kennen diese Leute i.d.R. nicht. "Deutsche Wirtschaftsinteressen" heisst eben nicht nur, dass die "bösen, bösen" Konzernbosse ihre Pfründe wahren wollen, sondern letztlich auch der Erhalt von hundertausenden Arbeitsplätzen. Und nein, diese Leute können halt nicht alle in irgendwelchen Theatern, alternativen Kunst-Cafés oder an der Kasse eines Bio-Ladens arbeiten...
freiheit-für-ai-weiwei 27.04.2011
2. Subversiv tätig werden
""Welche Lehren ziehen wir nun aus der Erfahrung?", fragte gegen Ende Hermann Parzinger von der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz". Wie in Zukunft umgehen mit diktatorischen Staaten? Seine Antwort: "Ich glaube nicht, dass solche gigantischen Großprojekte der richtige Weg sind." … Die Beschränkung auf den Dialog mit staatlichen Stellen reiche nicht aus, hieß es in Redebeiträgen, da hier sowieso kein echter Dialog möglich sei. Vielmehr müsse man private Initiativen unterstützen, Galerien für Künstler in China anmieten, subversiv tätig werden." Hermann Parzinger hat es auf den Punkt gebracht: mit diktatorischen Regimen kann man eigentlich keinen richtigen Dialog führen. Hier hilft nur der direkte Dialog mit der Zivilgesellschaft. Wenn schon Geld für Kulturpolitik ausgegeben wird, sollte es nicht zur Finanzierung des Nationalmuseums durch die Entrichtung von Miete für eine Ausstellung ausgegeben werden, die man bereits zu hundert Prozent selbst finanziert hat, sondern an Privatinitiativen, die für Veränderung von Innen sorgen. Dennoch muss man sich aufrecht für die Freilassung von Ai Weiwei und anderen aus politischen Gründen Inhaftierten einsetzen. Bernd Neumann hat hier sehr klare Worte gefunden. Chapeau, Herr Neumann!
Xany 27.04.2011
3. Juchu, mal wieder China-bashing inc!
Zitat von sysopIn der Berliner Akademie der Künste diskutierten Politiker und*Intellektuelle über die Verhaftung Ai Weiweis und den Streit um die deutsche Aufklärungs-Ausstellung in Peking. Und es zeigte sich: Debattieren beherrscht man in Deutschland, die Problematik eher nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,759184,00.html
Jetzt kommen wieder aberwitziger kommentare von leuten, die von dem Land, China, nur aus Zeitungen oder Reportagen kennen und meinen, sie könnten die komplexität einer solchen Gesellschaft verstehen. Ihr könnt es nicht. Wenn ihr einmal dort wart und länger als eine Woche dort verbracht habt und mit den Einwohnern redet, könnt ihr euch ein Bild machen. Der einzige der in diesem Gespräch uneingeschränkt Recht hatte, ist der Sinologe. Dieser Staat ist in einem Entwicklungsprozess, gesellschaftlich gesehen. Und wer glaubt, man müsse die "armen chinesen" von ihrem "hartem, foltderndem diktatorischen regieme" erlösen, hat wirklich keine Ahnung, wie es den Menschen dort wirklich geht. Immer bedeknen: Man kann seine eigenen kulturellen Maßstäbe nicht auf alle Kulturen dieser Welt anlegen. Das hat in Afhganistan nicht geklappt und klappt auch in China nicht. Danke.
systembolaget 27.04.2011
4. Wieder mal eine erbärmliche Veranstaltung...
...in der sich bedächtige Wohnzimmer-Analysten und Stippvisiten-Auskenner wohlfeile Gedanken machen und prächtig ferndiagnostizieren, mutmaßen und unken. Oder, wie man in England zum deutschen Getue sagt: all mouth, no action bzw. shit, or get off the pot.
riga_ernest 27.04.2011
5. So ist es.
Zitat von XanyJetzt kommen wieder aberwitziger kommentare von leuten, die von dem Land, China, nur aus Zeitungen oder Reportagen kennen und meinen, sie könnten die komplexität einer solchen Gesellschaft verstehen. Ihr könnt es nicht. Wenn ihr einmal dort wart und länger als eine Woche dort verbracht habt und mit den Einwohnern redet, könnt ihr euch ein Bild machen. Der einzige der in diesem Gespräch uneingeschränkt Recht hatte, ist der Sinologe. Dieser Staat ist in einem Entwicklungsprozess, gesellschaftlich gesehen. Und wer glaubt, man müsse die "armen chinesen" von ihrem "hartem, foltderndem diktatorischen regieme" erlösen, hat wirklich keine Ahnung, wie es den Menschen dort wirklich geht. Immer bedeknen: Man kann seine eigenen kulturellen Maßstäbe nicht auf alle Kulturen dieser Welt anlegen. Das hat in Afhganistan nicht geklappt und klappt auch in China nicht. Danke.
Der zitierte Kommentar von Spengler hat mich jetzt auch beeindruckt.
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