Dokumentarfilmer Wang Bing Im Schatten des Wirtschaftswunders

Wang Bing gilt als einer der radikalsten Dokumentarfilmer Chinas. Seine Filme porträtieren die Verlierer des chinesischen Wirtschaftsbooms. Jetzt zeigt die Hamburger Dokumentarfilmwoche eine Werkschau.

Wang Bing

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Da kauert ein Mann auf einer Straße und kratzt Pferdeäpfel vom Asphalt, mit der bloßen Hand. Der Mann steckt in Lumpen, seine Schuhe sind löchrig. Ungerührt packt er den Pferdemist in eine Plastiktüte, dann schultert er die Tüte und stapft davon, ein einsamer Mann in einer Landschaft aus Lehmhügeln, am Horizont rauscht leise der Verkehr.

Es ist nur eine von vielen Szenen aus dem Dokumentarfilm "Man with No Name" des Chinesen Wang Bing, die ins Mark fahren. In einem Interview hat Wang vor Kurzem erzählt, wie er beim ersten Anblick des Eremiten erstarrte. Wang fuhr mit dem Auto durch chinesisches Niemandsland, machte Halt, und plötzlich stand der Mann vor ihm. Wang versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen und stellte ein paar Fragen. Aber was er auch gefragt habe, "Ich habe keinen Namen" sei alles gewesen, was der Mann gemurmelt habe - so erzählt es Wang. Ein Namenloser, ein Mann ohne Geschichte; Wang war elektrisiert. Er blieb bei dem Mann und freundete sich mit ihm an. Schließlich nahm der Namenlose ihn mit in seine Behausung: eine Erdhöhle, ohne Elektrizität, mit einer Pritsche neben einer Feuerstelle.

Die Anekdote steht beispielhaft für Wangs Arbeitsweise. Der 1967, kurz nach Beginn der Kulturrevolution, geborene Wang ist wahrscheinlich der radikalste Dokumentarfilmer der sogenannten sechsten Generation chinesischer Filmemacher, die für ihren harten Realismus bekannt ist. Entschlossen wie kein Zweiter lässt er sich auf die Helden seiner Filme ein. Wang reduziert: Niedrig auflösende Digitalvideos, lange, aus der Hand gedrehte Einstellungen, keine Musik, keine Interviews. Er ist einfach nur bei seinen Helden. Die minimale Technik führt zu maximaler Intimität. Da er sich zudem konsequent mit gesellschaftlichen Außenseitern beschäftigt, werfen seine Filme ein Schlaglicht auf das China der Menschen, an denen der Wirtschaftsboom vorbeizieht. "Wang konzentriert sich auf die Menschen, die auf der Kehrseite des modernen China leben und die nicht ins offizielle Fortschrittsnarrativ des Landes passen", sagt Jens Geiger, der Kurator der Hamburger Dokumentarfilmwoche, der dafür gesorgt hat, dass jetzt in der Hansestadt die erste Retrospektive von Wangs Werken in Deutschland zu sehen ist.

Der Namenlose als glücklicher Mensch

Was der Zuschauer in "Man with No Name" sieht, ist die nackte Existenz eines Habenichts. Die scheinbar endlose Abfolge von Arbeit, die einer verrichten muss, um in der Wildnis zu überleben. Der Mann sammelt Reisig, bestellt den Acker, macht Feuer, und beginnt dann wieder von vorne - ein chinesischer Sisyphus. Am Anfang ist da Bedauern über so viel Beschwerlichkeit. Doch die Nähe, die Wang herstellt, verwandelt den Blick. Wer sieht, wie sich der Eremit in seiner Erdhöhle mit den eigenen Händen ein Mahl bereitet und wie er anschließend eine selbstgedrehte Zigarette raucht, der hält es nicht mehr für ausgeschlossen, dass wir uns den Namenlosen als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen.

Von ähnlicher emotionaler Intensität wie "Man with No Name", aber politischer ist "Three Sisters". Der Film erzählt aus dem Leben dreier chinesischer Schwestern, Yingying, 10, Zhenzhen, 6, und Fenfen, 4. Die drei leben in der Südwestprovinz Yunnan, in einem Bergdorf auf etwa 3000 Metern Höhe. Die Mutter ist davongelaufen, der Vater nicht da, er verdingt sich in einer Metropole als Wanderarbeiter, ein chinesischer Proletarier.

Weil sich Opa und Tante mehr schlecht als recht um die Geschwister kümmern, erziehen sie sich praktisch selbst. "Three Sisters" ist das ungeschönte und berührende Porträt von drei Kindern, denen das Leben die Kindheit geraubt hat. Yingying hackt Holz und macht Feuer und steigt mit ihren Schwestern zum Schweinehüten auf die nebelverhangenen Berggipfel. Die Mädchen leben in Armut und Verwahrlosung. Wer ansehen muss, wie Yingying ihre Schwestern laust und die drei zum Schlafen in schimmlige Betten steigen, dem zerreisst es das Herz. Und doch ist "Three Sisters" ein Film voller Würde und Wärme: In all der Entbehrung gibt es Momente, in denen Yingying und ihre Schwestern ausgelassene Kinder sind, die sich necken und lauthals lachen.

Am Ende bleibt aber die bittere Einsicht, dass das chinesische Wirtschaftswunder das Hinterland nicht nur noch nicht erreicht hat, sondern wahrscheinlich nie dort ankommen wird. Während eines Nachbarschaftstreffens verhöhnen die Dorfbewohner einen Plan zur "Wiederbelebung des ländlichen Raums", weil er in Wahrheit dazu führen wird, dass die Pachtpreise steigen.

Geisterstädte und Zombies

Der politischste und gleichzeitig düsterste von Wangs Filmen ist "West of the Tracks", der 2003 mit dem Großen Preis des Marseille Festival of Documentary Film ausgezeichnet wurde. Wie "Crude Oil", der auch in Hamburg zu sehen ist, ist "West of the Tracks" einer der Filme, in denen Wangs Hingabe an seine Helden epische Ausmaße angenommen hat: "West of the Tracks" geht satte neuneinhalb Stunden, "Crude Oil", der von Ölarbeitern in der Inneren Mongolei handelt, kommt sogar auf eine Laufzeit von 14 Stunden. Keine Filme für den täglichen Bedarf. Eher körperliche Grenzerfahrungen.

Der in drei Kapitel untergliederte Film "West of the Tracks" zeigt den Zerfall der chinesischen Schwerindustrie in der nordöstlichen Stadt Shenyang. Der chinesische Nordosten war einmal der Stolz der sozialistischen Produktion. Doch die Privatisierung von Staatsbetrieben verwandelt Industrieanlagen in Geisterstädte - und die Menschen in ihnen zu Zombies. Teil eins spielt in einer Fabrik, deren Produktion schon halb still liegt. Besonders die Gespräche in den Aufenthaltsräumen zeigen, dass die Fabrik für die Angestellten mehr als nur ein Arbeitsplatz ist: Sie ist der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Die Arbeiter duschen in den Pausenräumen, sie spielen dort Mahjong und summen aus dem Radio plätschernden Mandopop nach. Während im zweiten Teil das monotone Leben in den Wohnquartieren einer Industrieanlage im Mittelpunkt steht, wendet sich Teil drei einem Einzelschicksal zu: dem des einäugigen Schrottsammlers Du Xiyuan. Nicht nur der alte Du verzweifelt daran, dass die Gesellschaft für Menschen wie ihn keinen Platz mehr zu haben scheint. Auch sein Sohn kommt mit der Perspektivlosigkeit nicht klar. An einer Stelle sagt Du, dass es nur wenige Menschen gebe, die bereit seien, ein Leben wie er zu führen. Wer gesehen hat, in welcher Tristesse der alte Mann lebt, der kann ihm nicht widersprechen.

Die Dokumentarfilmwoche Hamburg läuft vom 6. bis zum 10. April.



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