China Star-Journalist unter Spionage-Verdacht

In keinem Land der Welt sitzen so viele Journalisten im Gefängnis wie in China: Nun wurde auch der Star-Reporter Ching Cheong vom Pekinger Geheimdienst verhaftet, weil er geheime Informationen über das Tiananmen-Massaker von 1989 publik machen wollte.

Von , Peking


Jounalist Ching: "Der Staatssicherheitsdienst hat ihm eine Falle gestellt"
AP

Jounalist Ching: "Der Staatssicherheitsdienst hat ihm eine Falle gestellt"

Journalisten haben in China schon immer gefährlich gelebt. Unter Staats- und Parteichef Hu Jintao scheinen sie allerdings besonders häufig zur Zielscheibe der Behörden zu werden. In keinem anderen Land sitzen derzeit so viele Berichterstatter im Gefängnis wie in China. Laut Informationen des New Yorker "Committee to Protect Journalists" sind derzeit 42 Journalisten in Haft.

Seit sechs Wochen hält Pekings Staatssicherheitsdienst nun auch den Korrespondenten der größten Zeitung Singapurs, der "Straits Times", fest. Der Vorwurf gegen den 55-jährigen Ching Cheong: Er habe für "ausländische Geheimdienstorganisationen" gearbeitet und dies auch zugegeben, erklärte das chinesische Außenministerium gestern. Sprecher Kong Quan: "Wir haben vollwertige Beweise."

Kong nannte jedoch keine Einzelheiten über Chings angebliche Aktivitäten. Unklar blieb zum Beispiel, für wen der Hongkonger Bürochef der "Straits Times" spioniert haben soll. Internationale Journalistenverbände haben bereits gegen seine Verhaftung protestiert. Die vagen Erklärungen legen den Verdacht nahe, dass es sich weniger um einen klassischen Spionagefall als um den Versuch handelt, unliebsame Berichterstattung über Pekinger Interna zu stoppen und Nachahmer abzuschrecken.

Ehemaliger KP-Chef Zhao (1987): Bis zu seinem Tod unter Hausarrest
AFP

Ehemaliger KP-Chef Zhao (1987): Bis zu seinem Tod unter Hausarrest

Chinas Führung legt die Begriffe "Spionage" und "Verrat von Staatsgeheimnissen" traditionell sehr weit aus: Was in demokratischen Ländern als selbstverständliche Nachricht gilt, ist im Reich der Mitte strengste Verschlusssache. So kann schon das Sammeln von wissenschaftlichen Daten oder die Veröffentlichung bereits bekannter Statistiken als gesetzwidrig gelten.

Ching scheint bei seinen Recherchen in der südlichen Provinz Guangdong einen empfindlichen Nerv der KP getroffen zu haben. Er habe versucht, ein Manuskript mit brisanten Aussagen des ehemaligen KP-Chefs Zhao Ziyang zu erhalten, teile seine Frau Mary Lau mit.

Zhao hatte sich 1989 gegen den Militäreinsatz auf dem Pekinger Tiananmen-Platz ausgesprochen und stand bis zu seinem Tod Anfang dieses Jahres unter Hausarrest. In seiner Gefangenschaft durfte er allerdings einige Vertraute empfangen. Aussagen Zhaos über das Geschehen 1989 wurden kurz vor seinem Tod in einer Hongkonger Zeitschrift veröffentlicht. Offenbar wollte Ching über Gewährsleute nun weitere Materialien erhalten. "Der Staatssicherheitsdienst hat ihm eine Falle gestellt", vermutet seine Frau. Ministeriums-Sprecher Kong streitet indes ab, dass Chings Fall etwas mit dem früheren KP-Chef Zhao Ziyang zu tun habe.

Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz (1989): Kein Rütteln an der offiziellen Deutung
AFP

Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz (1989): Kein Rütteln an der offiziellen Deutung

Tatsächlich war damit zu rechnen, dass Pekings Geheimdienst alles tun würde, um zu verhindern, dass weitere Informationen aus dem Inneren der KP nach außen dringen. Die Regierung behauptet bis heute, bei dem blutig niedergeschlagenen Studentenprotest auf dem Tiananmen-Platz habe es sich um einen konterrevolutionären Aufstand gehandelt. An dieser Deutung darf nicht gerüttelt werden.

Auch der chinesische Assistent des Pekinger Büros der "New York Times", Zhao Yan, geriet offenbar den Mächtigen zu nahe. Er geriet bereits im letzten September in die Fänge des Geheimdienstes. Über sein Schicksal ist nichts bekannt. Die Behörden haben Kontakte zu Rechtsanwälten und Kollegen untersagt. Zhao wurde festgesetzt, nachdem die "New York Times" einen Exklusivbericht über den bevorstehenden Rücktritt des damaligen Vorsitzenden der mächtigen Zentralen Militärkommission, Jiang Zemin, veröffentlicht hatte.

Nach Ansicht von Fachleuten hat auch Ching, ein Bürger Hongkongs, kaum Chancen, schnell wieder auf freien Fuß zu gelangen. Die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungsregion ist nicht gerade dafür bekannt, sich aktiv für Bürger einzusetzen, die auf dem Festland in Schwierigkeiten geraten. Ching arbeitete einst für die Peking-freundliche Hongkonger Tageszeitung "Wen Wei Po". Nach dem Tiananmen-Massaker am 4. Juni 1989 kündigte er.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.