Chodorkowskis Briefe aus dem Gefängnis: "Putin glaubt nicht an das russische Volk"

Von Matthias Schepp, Moskau

Es sind Einblicke ins Seelenleben von Russlands berühmtestem Gefangenen: Exklusiv konnte SPIEGEL ONLINE den Briefwechsel zwischen Regisseur Cyril Tuschi und dem Mann, dem sein neuer Kinofilm gewidmet ist, einsehen - dem inhaftierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski.

Kinoporträt über Chodorkowski: "Maschinengewehre sind effektiver als Pistolen" Fotos
Farbfilm Verleih

Die Dokumentation "Der Fall Chodorkowski" hatte noch nicht ihre Uraufführung erlebt, da war sie schon ein Politikum. Kurz bevor der Film im Februar dieses Jahres auf der Berlinale öffentlich gezeigt werden sollte, wurde eine Kopie aus dem Büro von Regisseur Cyril Tuschi gestohlen. Die Aufführung mit einer weiteren Kopie wurde dann zu einem Triumph. Am Donnerstag startet der Film nun in deutschen Kinos.

400.000 Euro hat Tuschis Film gekostet, fünf Jahre recherchierte er, mehr als 70 Zeitzeugen hat er interviewt, von denen ein Drittel im Film zu Wort kommt: die Mutter Chodorkowskis in Moskau, der Sohn in New York, Geschäftspartner des Ex-Oligarchen in Israel, Joschka Fischer in Berlin, Chodorkowskis Gegner und Anhänger.

Diejenigen allerdings, die für Chodorkowskis-Verhaftung im Oktober 2003 verantwortlich sind, Russlands starker Mann Wladimir Putin und Igor Setschin, heute als Vizepremier für Energiefragen zuständig, verweigerten dem Berliner Filmemacher die angefragten Interviews. Auch demokratisch gesonnene Politiker wie der ehemalige Privatisierungsminister Anatolij Tschubais und Ex-Präsident Michail Gorbatschow wollten sich nicht äußern.

So belegt der Film auf beklemmende Weise, wie die russische Machtelite in Sachen Chodorkowski, der wegen Steuerhinterziehung in zwei Verfahren zu dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, gespalten ist. Tuschi unterbricht seine ausgewogene Darstellung mit Computer-Animationen, die er der Scherenschnitt-Technik entlehnt. Darin ist provokativ ein schwarz-weißer, dreidimensionaler Chodorkowski zu sehen, wie er in einem Becken voller Geld schwimmt, das sich in Öl verwandelt. Am Ende entsteigt der Protagonist dieser Wanne dann in Richtung einer amerikanischen Freiheitsstatue - Chodorkowski hatte erwogen, Teile seines Ölimperiums an den amerikanischen Ölmulti Exxon zu verkaufen.

"Mich reizte die Märtyrer-Aura Chodorkowski", sagt Regisseur Tuschi. "Er ist ein logischer Mensch, hat aber etwas unlogisches getan und freiwillig den Weg ins Gefängnis gewählt, obwohl er hätte ins Exil gehen können." Zwei Jahre lang stand Tuschi im regen Briefverkehr mit dem inhaftierten Geschäftsmann, die hochinteressanten Dokumente liegen dem SPIEGEL-Büro in Moskau vor.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert Auszüge aus den Briefen Chodorkowskis an Tuschi. Der schreibt

  • über seinen Charakter:

"Ich bin sicher kein Buddhist, aber im Großen und Ganzen ein sehr ruhiger Mensch. Einzig meine Frau kann mich dazu bringen, aus der Haut zu fahren. Zum Leidwesen meiner Gegner aber kontrolliere ich meine Gefühle ansonsten komplett."

  • über Wladimir Putin:

"Putin will Russland umformen. Er glaubt fest an eine Sonderrolle Russlands. Aber er glaubt nicht an das russische Volk. Er versteht nicht, wie eine moderne Regierung funktioniert. Er vertraut nur auf sein hierarchisches Model, das sich auf seinen Clan stützt. Er ist nicht willens, vierzig oder fünfzig Jahre voraus zu denken."

  • über sein Verhältnis zu Geld:

"Geld war für mich lediglich das Material, um interessante Geschäfte aufzubauen. Yachten, Schlösser und Ähnliches interessieren ja nur wenige. Mit meiner Frau haben wir einmal versucht, eine Woche auf einer Yacht zu verbringen. Ich fand das wenig attraktiv. Zu pompös, zu viel Aufmerksamkeit. Bei Freunden schauten wir uns auf ihrem Schloss um - ungemütlich."

  • über Russland und Europa:

"Russland ist entweder ein Verbündeter, ein Teil von Europa, oder ein Feind Europas. Man kann nicht lange auf demselben Kontinent leben und so tun, als ob man sich gegenseitig nicht wahrnimmt. (...) Russlands Kultur ist europäisch. Entweder schlägt mein Land den europäischen Weg ein und errichtet einen Nationalstaat mit einer Zivilgesellschaft. Oder es verschwindet."

  • über die Haltung der Europäer zur Verletzung der Menschenrechte in Russland:

"Falls ein falsch verstandener Pragmatismus die Oberhand gewinnt, nach dem Motto: Ihr liefert Öl und Gas, alles andere ist uns egal, wird das sehr übel ausgehen. Es ist heute nicht mehr möglich, dem Nachbarn morgens einen guten Tag zu wünschen und so zu tun, als ob man nicht mitkriegt, dass er seine Frau schlägt. Man kann kein anständiger Mensch bleiben, wenn man nachts die Schmerzensschreie der Frau hört und dann am Tag mit dem Mann gemeinsam Fischen geht. "

  • über Deutsche und Freiheit:

"Wir Russen haben geholfen, andere Völker zu befreien, darunter auch die Deutschen. Aber trotz vieler Versuche haben wir es bis heute nicht geschafft, uns selbst zu befreien. Wir leben weiterhin in Sklaverei, auch wenn sie moderner und humaner daherkommt als in den vergangenen Jahrhunderten. Mein Traum ist die Freiheit. Hier bei uns in Russland. Ich glaube daran, dass wir die Fesseln tausendjähriger Sklaverei zerreißen können."

  • über seine Lagerhaft:

"Ich fühle mich hier im Gefängnis freier als an der Spitze eines Konzerns. Hier bin ich ganz für mich alleine verantwortlich."

  • über das Gefängnisessen:

"Wenn das Gefängnisessen kommt, muss ich es mit einer Tablette herunterschlucken, weil ich ansonsten Bauchschmerzen bekomme. Die verordneten Fettanteile hier sind für mich einfach zu hoch."

  • über Kapitalismus und Kommunismus:

"Der Kapitalismus gefällt mir besser als der Sozialismus, weil er mehr Konkurrenz erlaubt und der Einzelne mehr Möglichkeiten hat. Der Kapitalismus ist schlicht die freiere und effektivere Art zu wirtschaften. Er ist weder moralisch noch amoralisch. So wie Maschinengewehre effektiver als Pistolen sind. Moralisch oder amoralisch macht sie erst der Mensch."

  • über die Sowjetunion:

"Sozialismus gab es in Schweden, nicht aber in der Sowjetunion. Die Produktionsmittel waren in Staatsbesitz, das System autoritär. (...) Erreicht wurde die allgemeine Alphabetisierung und die Industrialisierung. Die Lebenserwartung aber war niedrig, die Militarisierung hoch. Wir hinkten Jahrzehnte hinter den entwickelten Staaten hinterher, bei Industrie, Landwirtschaft, Infrastruktur und Sozialleistungen. Die öffentliche Moral war zerstört worden, die Menschenwürde, die Kultur des freien Denkens und Einanderverstehens. Man trampelte auf dem Volk herum. Siebzig Jahre lebten wir, als hätten Außerirdische unser Land besetzt."

  • über Lenin und Stalin:

"Sie standen vor der Aufgabe, die Macht zu erhalten. Mit der Losung "Stehlt das Gestohlene" stützten sie sich auf das Lumpenproletariat. Eine Räuberbande eignete sich das Land an, die das Volk in Blut tauchte."

  • über Juden:

"Ich bin stolz darauf, von väterlicher Seite eine Verbindung mit dem jüdischen Volk aufzuweisen, obwohl ich mich selbst nicht für einen Juden halte. Ich bin ein Russe mit jüdischen, Moskauer und ukrainischen Wurzeln."

  • über seine Anfänge als Geschäftsmann:

"Die erste Million erwirtschafteten wir 1987 bis 1990 mit Computern. (...) Wir bestellten sie bei Leuten, die für Dienstfahrten ins Ausland mussten. Dollar, die sie mitbrachten, konnten sie bei den sogenannten "Käfern", den Schwarzhändlern, gegen 2,80 Rubel eintauschen. Für einen mitgebrachten Computer erlösten sie pro Dollar zwischen zehn und 15 Rubel."

  • über den Erwerb des staatlichen Ölunternehmens Jukos 1995/1996:

"Die Kaufsumme von 450 Millionen Dollar erscheint heute lächerlich. Damals aber erhielten wir eine jährlich um zehn Prozent fallende Ölförderung, bis zu sechs Monate ausstehende Lohnzahlungen an Arbeiter, Steuerschulden für ein Jahr und das Versprechen des damaligen kommunistischen und aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten Gennadij Sjuganow, uns Jukos nach den Wahlen 1996 gleich wieder abzunehmen. Ich kann nicht verstehen, wenn einige da von einem Geschenk sprechen, das uns die Regierung gemacht haben soll."

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Glauben
Pepito_Sbazzagutti 17.11.2011
"Putin glaubt nicht an das russische Volk" Stimmt, Putin glaubt an sich und wer ihm in die Quere kommt, landet im Knast. So einfach.
2. Das ist noch milde formuliert.
Sapientia 17.11.2011
Zitat von sysopEs sind Einblicke ins Seelenleben von Russlands berühmtestem Gefangenen: Exklusiv*konnte SPIEGEL ONLINE den Briefwechsel zwischen Regisseur Cyril Tuschi und dem Mann, dem sein*neuer*Kinofilm gewidmet ist, einsehen: dem*inhaftierten*Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,798382,00.html
Wer Russland besucht, merkt schnell, daß die Bevölkerung sehr sehr zerklüftet ist zwischen solchen vom Typ Medwedew, die ihre schwarzen A8 durch die Straßen lenken und den vor allem auffälligen alten Menschen, die kaum etwas anzuziehen haben und sich - quasi von Mülltonne zu Mülltonne - durch die Straßen schleppen. Über allem thront die allgegenwärtige Uniform, die sich immer noch wie im zaristischen Rußland aufführt.
3. nur dort
Anton T 17.11.2011
Rußland wäre weitaus besser dran, wenn Putin und Chodorkowskij die Plätze tauschen würden. Anders formuliert: Rußland ist erst dann eine Demokratie und ein Rechtsstaat, wenn Putin im Knast sitzt. Dort, und nur dort ist der für Putin angemessene Ort.
4. Porsche
Pepito_Sbazzagutti 17.11.2011
Zitat von SapientiaWer Russland besucht, merkt schnell, daß die Bevölkerung sehr sehr zerklüftet ist zwischen solchen vom Typ Medwedew, die ihre schwarzen A8 durch die Straßen lenken und den vor allem auffälligen alten Menschen, die kaum etwas anzuziehen haben und sich - quasi von Mülltonne zu Mülltonne - durch die Straßen schleppen. Über allem thront die allgegenwärtige Uniform, die sich immer noch wie im zaristischen Rußland aufführt.
Mir sind bis jetzt diese sozialen Unterschiede in keiner Stadt so krass vor Augen gekommen wie in Moskau. Wenn man bedenkt, dass der umsatzstärkste Porsche-Händler der Welt ausgerechnet in Moskau sitzt....
5. Goldener Käfig
radeberger78 17.11.2011
Putin hat Chodorkowski halt als abschreckendes Beispiel, für alle anderen Oligarchen, in einen goldenen Käfig eingesperrt. Der kann noch so jammern, der kommt da nicht wieder raus, solange der Zar das nicht will. Die Festsetzung hat doch sowie so nur symbolischen Charakter, um die Allmacht der Führung zu demonstrieren.
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