Berlin Volksbühnen-Intendant Chris Dercon tritt zurück

Er war so umstritten und teils sogar verhasst, dass er den Job eigentlich gar nicht erst antreten musste. Nun gibt Theaterintendant Chris Dercon tatsächlich nach wenigen Monaten an der Berliner Volksbühne auf.

Chris Dercon
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Chris Dercon


Chris Dercon räumt seinen Posten. Das teilte Berliner Kulturverwaltung am Freitag mit. Der Intendant der Berliner Volksbühne wird mit sofortiger Wirkung zurücktreten. Darauf hätten sich Kultursenator Klaus Lederer und Dercon einvernehmlich verständigt.

In einer Erklärung heißt es: "Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht". Mit der einvernehmlichen Einigung sei nun die Chance gegeben, diesen notwendigen Neustart einzuleiten.

Am Freitagvormittag ist im Theater eine interne Personalversammlung anberaumt. Zu der Frage, ob es eine öffentliche Pressekonferenz zu den Entwicklungen geben wird, gibt es noch widersprüchliche Informationen. Die Volksbühne hat bisher keinen Kommentar veröffentlicht.

Massive Kritik an Dercons Ernennung

Laut "Berliner Zeitung" wusste der Senat schon seit Montag von Dercons Entscheidung. Dem Belgier schlägt seit seiner Berufung massive Kritik aus der Berliner Kulturszene entgegen. Dem Nachfolger von Frank Castorf wurde vorgeworfen, aus der Traditionsbühne eine "Eventbude" zu machen.

Es gab diverse Protestveranstaltungen gegen die Ernennung Dercons, die in die Amtszeit des Berliner Kultursenators Tim Renner fiel. Erst am 7. April hatten sich Aktivisten vor den Eingang der Volksbühne gelegt und "Nur über meine Leiche" skandiert.

An die Adresse der Dercon-Kritiker gerichtet schrieb Kultursenator Lederer in seiner Erklärung: "Im Übrigen ist es mir wichtig zu betonen, dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren. Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur."

Erste Inszenierungen kamen gemischt an

Aber auch innerhalb des Ensembles war der neue Intendant hoch umstritten. Acht Schauspieler waren mit dem Wechsel ausgeschieden, im Dezember 2017 verließ auch die Star-Schauspielerin Sophie Rois die Volksbühne.

Einen Intendantenwechsel halte sie für legitim, so Rois zur Begründung. Aber sie sei nicht sicher, "wie seriös oder unseriös es ist, einen Menschen als Theaterdirektor zu installieren, der ja nicht nur Verantwortung für sein eigenes Seelenheil hat, sondern auch für 250 Mitarbeiter und ein Riesenpublikum, und der nicht weiß, was eine Requisite ist - und das unterstelle ich ihm nicht, er hat das selbst gesagt."

Die ersten Inszenierungen unter der Intendanz von Dercon seit Beginn der Spielzeit im Herbst 2017 kamen bei Publikum und Kritik sehr gemischt an.

kae/dpa



insgesamt 10 Beiträge
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112211 13.04.2018
1. Musste oder wollte?
Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, mir eine Inszenierung ("Liberté") anzusehen. Bin nach gut der Hälfte enttäuscht hinaus gegangen. Meine Begleiterin blieb bis zum Schluss: "Du hast nichts verpasst!". Wohlwollend gesagt: das Bühnenbild war umwerfend schön, auch die Nebengeräusche aufregend gut. Das war´s dann aber auch schon. Theater braucht mehr als ein Bühnenbild und Nebengeräusche. Die Beschreibungen der übrigen Inszenierungen haben bei mir keine Neugier geweckt.
kingcole 13.04.2018
2. Unfähig oder seiner Zeit voraus?
Man weiß es nicht so genau, inwiefern die Vermischung von Theater und Elementen aus Dercons früherer Wirkungswelt nicht auch langfristig zu etwas Innovativem geführt hätten. Er hat nach der Vergötterung von Castorf wohl keine Chance gehabt, alles von ihm wurde in Berlin komplett zerrissen. Vielleicht war die Volksbühne hierfür auch die falsche Wirkungsstätte. Nichtsdestotrotz sollte die Ära Castorf endlich vorbei sein, die letzte Saison war IMO nur ein Aufwärmen mit immergleichen Elementen (Rumrennen, Wasser, Zeitliche und sprachliche Überforderung, etc.), auch wenn das Berliner Kulturbiotop das immer noch herausragend fand.
feuerfloh 13.04.2018
3. Er hatte nie eine wirkliche Chance
Egal, was Dercon gemacht hat, es wurde laut und scharf kritisiert. Wobei er bei Statements vor der Presse und dergleichen auch immer etwas arrogant 'rüber kam, jedenfalls in meinen Augen. Es hat irgendwie nicht gepasst. Kleine (persönliche) Ironie: Vor ein paar Wochen habe ich es zum ersten Mal in die Volksbühne geschafft. Bin jetzt also einer der wenigen Besucher der "Ära Dercon" :-)
sincere 13.04.2018
4. Tim Renner involviert?
Es ist mir eh ein Rätsel wie ausgerechnet der Kultursenator wurde. Da wundert es mich nicht dass eine solch kritische Personalentscheidung gemacht wurde.
Byrne 13.04.2018
5. Am Thema vorbei
Ob Chris Dercon der richtige Intendant für die Volksbühne war/ist, sei mal dahingestellt. Die Volksbühne aber als "Traditionsbühne" zu bezeichnen, ist auch Unsinn. In der Ära Castorf hat sich dort eine eigene Blase an Menschen gebildet, die sich selbst für die kulturelle Elite der Stadt hält. Die werden vermutlich nur einen Intendanten akzeptieren, der aus den eigenen Reihen kommt oder den sie sich selbst wählen dürfen, damit man sich auch künftig in der selbst geschaffenen Blase weiter selbst verwirklichen und weiter für die kulturelle Elite der Stadt halten kann.
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