Glaube Der, die, das Gott

Wer sagt eigentlich, Gott sei ein Mann? Steht so im Vaterunser, klar. Aber Gott hat im Christentum kein Geschlecht. Es ist an der Zeit, das sprachlich deutlich zu machen.

Gottesdarstellung von Michelangelo
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Gottesdarstellung von Michelangelo

Eine Kolumne von


Papst Franziskus hat letzte Woche mehrere Übersetzungen des Vaterunsers kritisiert. Im italienischen Fernsehen sagte er, die Stelle, die im Deutschen "Und führe uns nicht in Versuchung" lautet, sei nicht gut übersetzt. Denn Gott führe gar nicht in Versuchung, sondern nur der Satan. Und weil es wirklich eigenartig wäre, zwar ein Gebet lang zu Gott zu beten, aber eine Zeile davon zum Satan, findet der Papst, die Stelle sollte lieber heißen "Lass mich nicht in Versuchung geraten", zum Beispiel.

Er kam nicht allein auf die Idee: In Frankreich wurde eine solche Neuübersetzung von der katholischen Kirche gerade eingeführt, die Schweizer Bischöfe haben das auch vor. Die Deutsche Bischofskonferenz ist noch überfragt. Die Evangelische Kirche in Deutschland hängt an der Lutherbibel und ist ohnehin traditionell für Vorschläge des Papstes nicht die erste Adresse.

Dabei ist es der Kirche natürlich dienlich, die Texte, die man ständig verwendet, gelegentlich an den aktuellen Stand der Reflektion anzupassen. Nur zu! Dann sollte man aber auch konsequent alles modernisieren: Warum beten Menschen immer noch "Vater unser", wo Gott doch im Christentum gar kein Geschlecht hat? Es wäre längst Zeit, die Gottesvorstellung sprachlich und auch sonst zu entmännlichen. Gut, der Vorschlag wird nicht von jemandem kommen, der sich mit "Heiliger Vater" oder "Papa" anreden lässt und findet, "die Gendertheorie" sei eine gefährliche Ideologie. Aber eine solche Änderung ist überfällig.

Ich bin keine Theologin, aber nach allem, was ich in 13 Jahren katholischer Schule, bei Kirchenbesuchen und im Kommunions- und Firmunterricht über Gott gelernt habe, gibt es keine göttliche Eigenschaft, die es rechtfertigen würde, Gott wie einen Mann anzusprechen. Gott wäre auch nicht beleidigt, wenn man sich umstellen würde, schätze ich. Wenn jemand weiß, wie fehlerhaft Menschen sind, dann wohl Gott.

Nichts ginge dadurch kaputt, einiges würde sogar fast traditioneller: Es gibt Leute, die machen sich über die Kirche und ihre konservativen Familienvorstellungen lustig, weil ja selbst Jesus mehrere Väter und eine Art Leihmutter hatte. Ich würde Jesus nicht absprechen wollen, Gott als Vater anzusprechen, aber würde man es sprachlich schaffen, über das Verhältnis von Jesus und Gott zu reden ohne den geschlechtlichen Anteil, wäre zwar das Zustandekommen von Jesus nicht klarer, aber immerhin hätte er nur noch einen Vater und eine Mutter.

Ich meine das nicht besonders pöbelhaft. Aber der Moment, als ich längst nicht mehr zur Kirche ging und über mein dann bereits sehr entferntes Verhältnis zur Religion nachdachte und feststellte, dass ich mir Gott immer als Mann vorgestellt hatte, war - gelinde gesagt - interessant. Man kriegt überall gesagt, man solle sich Gott nicht als alten Mann mit weißem Bart vorstellen, aber man redet ständig so über ihn, als hätte er vielleicht keinen Bart, aber als sei er definitiv männlich: Er hält seine Hand über uns, der Herr, der allmächtige Vater.

Es kann niemals Gleichberechtigung geben in einer Welt, in der Menschen über ihren einzigen Gott exakt so reden wie über einen Mann. Die Sache mit dem alten Mann mit weißem Bart ist dann ungefähr wie der Satz: Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten. Das Gehirn nimmt sich das Bild dann trotzdem, weil es im Raum steht.

Die Tatsache, dass man über Gott redet, als sei er ein Mann, heißt natürlich nicht automatisch, dass man über alle Männer denkt, sie seien auch eine Art Gott. Aber es gibt offenbar trotzdem eine Schieflage: Zumindest in der katholischen Kirche haben Frauen noch immer nicht dieselben Rechte wie Männer, weil ihnen der Zugang zu bestimmten Ämtern verwehrt ist.

Und es gibt, wie zum Glück immer weiter aufgedeckt wird, ein extrem weitverbreitetes Problem mit sexualisierter Gewalt durch männliches Kirchenpersonal an Kindern und Jugendlichen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dieser Kirche schaden würde, Gott und Männer sprachlich ein Stück auseinanderzurücken, damit das Identifikationspotential für das männliche Bodenpersonal mit Gott angemessen klein wird.

In Schweden wird ab kommendem Jahr genau das umgesetzt. In der Kirche kann man in Zukunft geschlechtsneutral von Gott sprechen. Statt "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes" kann man auch "im Namen Gottes, der Dreifaltigkeit" sagen. Das ist sprachlich nicht immer leicht (auch wenn es in Schweden inzwischen auch ein geschlechtsneutrales Personalpronomen gibt für Personen, die nicht eindeutig weiblich oder männlich sind, aber darauf bezog sich die Entscheidung der Kirche nicht), aber immer irgendwie machbar, und es wird üblicher werden.

Nun gibt es natürlich in Deutschland immer noch Leute, die austicken angesichts der Tatsache, dass es demnächst andere Leute gibt, in deren Geburtsregistereintrag ein drittes Geschlecht stehen kann. Gott ist nicht intersexuell, sondern jenseits von Geschlecht, aber auch da ließe sich etwas finden, wozu gibt es Theologinnen und Theologen.

"Es" zu jemandem oder zu Gott zu sagen, klingt für viele abwertend, aber man muss gar keine große Feministin sein, um das zu wollen. Wissen Sie noch, wer das vor ein paar Jahren vorgeschlagen hat? Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder. Sie fand, man könnte auch sagen: "das liebe Gott". Ein Berater aus dem Vatikan fand: "dumm und dreist". Ich fand: himmlisch.

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insgesamt 272 Beiträge
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Seite 1
Didoxion 12.12.2017
1. Nehmen Sie alles weg, was Gott laut Bibel erschaffen hat ...
... und übrig bleibt Gott: die Mathematik (ergo weiblich). Das einzige, was kein Gott erschaffen kann, weil es einfach existent ist, auch in Multiversen, und alles durchdringt, die Basis für alles ist. Und zur allgemeinen Überraschung sind sogar die Kirchen so gesehen nicht gottlos ...
craylord86 12.12.2017
2. Warte Gerade nur auf meine Frau...
... und konnte daher nur die ersten Zeilen überfliegen. Spontan würden mir als Gründe für einen "Vater" einfallen: Er schuf den Menschen nach seinem Bilde, und zwar Adam. Dann erst Eva als Sidekick. Ergo, Gott=Mann. Dann wäre da noch die Geschichte mit der heiligen Jungfrau Maria, die muss das Kind (den Sohn Gottes) ja irgendwie empfangen haben. Und ganz modern gender mäßig kann man hier argumentieren, das ein Mann, wenn im allgemeinen auch nur gesellschaftlich sozial konstruiert, sich zumindest in einer Eigenschaft von der Frau unterscheidet. Er zeugt Kinder, Frauen gebären. Nun impliziert die, als gegeben voraus gesetzte, direkte Verwandtschaft bzw. Nachkommenschaft zwischen Gott und Jesus, und die eindeutig geklärte Mutterschaft seitens Maria, Gottes Rolle als den Vater. Denn zwei Mütter ... Naja, wir reden zwar über Religion, aber beleidigen wir jetzt Mal nicht die Wissenschaft. So, zuviel dazu. Meine Frau ist schon lange wieder da und sehr genervt. LG, ein überzeugter Atheist.
spontanistin 12.12.2017
3. Wie war das mit dem Ebenbild?
Heißt es nicht im Alten Testament, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf? Da er zunächst Adam schuf, muss Gott im Sinne des Ebenbilds einen Penis haben. Dann muss es aber auch eine Göttin geben, denn wozu sollte das göttliche primäre männliche Geschlechtsorgan nötig sein? Logik aus! Die weisesten Philosophen haben versucht zu definieren, was der Gott des Monotheismus denn nun sei. Das Ergebnis: Gott ist undefinierbar. Genial! Ein Physiker würde sagen, angesichts der Gott zugeordneten Naturphänomene: Gott ist Energie. Ach so, da muss ja noch irgendwas Tranzendentes sein. Ja was ist denn das nun wieder?
j.loserth 12.12.2017
4. der die das
Wer sagt eigentlich, dass ein Salzstreuer ein Mann sei? Ein Salzstreuer hat kein Geschlechtsteil. Es ist an der Zeit, das sprachlich deutlich zu machen.
corny2 12.12.2017
5. Die ganze Debatte um die Menschlichkeit von Gott ist i-wie sinnlos
Wenn Gott nicht menschlich ist, dann kann man auch nicht mit ihm reden, meiner Meinung/Logik nach. Dass andere Lebewesen die Sprache des Menschen verstehen oder sogar beherrschen, ist sehr unwahrscheinlich, wie man an der Tierwelt sehen kann. Theologie ist generell sehr unlogisch...
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