2020 - Die Zeitungsdebatte

Zeitungsdebatte Die ganze Welt zum Preis von einem Glas Wasser

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Die Zeitung ist dem Netz in einigen Punkten klar überlegen, ausgeruhte Beobachtung, Bewertung und Strukturierung werden die Leser auch in Zukunft goutieren.

Was macht das Wesen einer Zeitung aus? Die Zahl der Spalten, die Lesbarkeit der Schrift, die Ästhetik gekonnt gestalteter Seiten? Oder doch vorrangig die Themen, die Textarten, der Stil ihrer Autoren? Oder letztlich die Relevanz, die Courage, die Haltung des Blattes? All das ist wichtig bei einer guten Zeitung, und noch viel mehr - wie jeder bewusste Macher und reflektierende Leser eines Periodikums weiß. Und doch ist das Wesen einer Zeitung im Kern etwas anderes: Eine Zeitung ist ein ausgefeiltes Instrument zum Wichten und Werten, zum Sortieren und Skalieren des Geschehens in unserer Welt. Mehr noch: Eine Zeitung ist das gegenständlich gewordene Innehalten beim Beobachten und Bewerten des unablässigen Gewoges um uns herum.

Innehalten, einmal am Tag oder einmal in der Woche: Das ist Beschränkung und Chance zugleich - für die Macher ebenso wie für die Nutzer einer Zeitung. In den Zeiten des Internets aber ist genau das zugleich die elementare Herausforderung für die Kulturtechnik Zeitung.

Jahrzehntelang waren es Presseproduzenten und Publikum gleichermaßen gewohnt, dass eine Zeitung einen Redaktionsschluss sowie einen limitierten und damit wertvollen Platz hat. Die schon lange über uns hereinperlenden stündlichen Nachrichten des Radios konnten diese Statik nicht untergraben: Zu sichtbar waren der Unterschied und Abstand zwischen den permanent verlesenen Wasserstandsmeldungen des Zeitgeschehens im Funk und dem vielfältigen Abbild der Welt schon in einer 24-seitigen Lokalzeitung.

Wenn nun aber mit dem Aufblühen des Webs Informationen in Schrift, Bild, Ton und Video zu jeder Zeit an jedem Ort in jeder beliebiger Menge und das auch noch scheinbar gratis verfügbar sind, wenn jeder Empfänger auch Sender sein kann, wenn das Web Kommunikation, Diskurs und Teilhabe wie noch nie in der Geschichte der Menschheit ermöglicht, wenn etablierte Hierarchien vom Netz perforiert oder in Frage gestellt werden, dann stellt das natürlich auch Klassiker wie die Zeitungen auf den Prüfstand.

Die ersten Befunde dieses in aller Öffentlichkeit laufenden, aber längst noch nicht abgeschlossenen und nach wie vor ergebnisoffenen Langzeittests zeigen:

  • Überregionale Zeitungen (und auch Zeitschriften) bekommen eher Probleme - vor allem, aber nicht nur dann, wenn bei ihnen an der Qualität gespart wird. Zu groß ist das gefühlte Angebot von überregionalen und damit als massenhaft vorhanden empfundenen Informationen im Web - selbst dann, wenn es sich um einzigartige Texte handelt.
  • Regionale Zeitungen, die nach Relevanz in ihrem lokalen Stammmarkt statt nach bundesweiter Wahrnehmung trachten, die nicht kaputtgespart werden, die auf Qualität statt auf Beliebigkeit setzen, bleiben Leitmedium in ihrem Revier und können ihre Umsätze nach wie vor steigern.
  • Stagnation oder Rückgang der Anzeigenerlöse rückt das Interesse der Leser wieder stärker in den Mittelpunkt der Verlagsstrategien. Wenn die Leser mittlerweile für 70 Prozent plus x der Einnahmen vieler Verlage sorgen (Tendenz steigend), dann sind das goldene Zeiten für Leser. Die Glaubwürdigkeit eines Blattes erlangt auch wirtschaftlich eine zentrale Bedeutung, weitsichtige Verlage sind mehr denn je immun gegen die Einflussnahme von Anzeigenkunden oder Regierenden.
  • Medienhäuser, die ihr Publikum schon immer gemocht haben und nicht gerade erst entdecken, kommen mit dem Mitmach-Internet glänzend klar und vermählen Print und Online Classic fast schon spielerisch pragmatisch mit Twitter, Facebook und Co. Der Tipp, der einen Skandal ins Rollen bringt, erreicht entsprechend aufgestellte Redaktionen mittlerweile eher über digitale Kanäle als auf den früheren Wegen. Zeitungsredaktionen, die auch im Web 2.0 verwurzelt sind, verändern ihre Blätter mutiger, schneller, konsequenter - fort von ritueller Interessengruppen-PR hin zu Berichterstattung nah am Leser und Leben.
  • Unverändert sorgen Zeitungen gerade aufgrund ihres begrenzten Platzes für etwas, was derzeit eher altmodisch scheinen mag, aber bereits absehbar eine Renaissance erfahren wird, je schneller und toller und zeitraubender sich das Informationskarussell im Internet dreht: Zeitungen halten inne. Sie sind ein ruhender Content-Findling mit Tiefgang im mäandernden Strom der News.
  • Eine gute Regionalzeitung ermöglicht einem in 30 Minuten einen einordnenden Überblick über das Geschehen vom Heimatort über die Landeshauptstadt und über Berlin bis in die Welt hinein, und das auf vielen Themengebieten. Eine gute überregionale Zeitung bietet einem zum Preis eines Glases Wasser in einer Stunde verlässlich den Zugang zum tiefgründigen Verständnis der Welt, zu großen Denkern, zu wichtigen Stoffen, und das oft mit grandiosen Texten.

Das Web hat mehr Inhalte als eine Zeitung, aber es stiehlt uns auch mehr Zeit. Und es raubt uns den Wert des Innehaltens. Der wieder in Mode kommen wird - auch mittels Zeitungen. Ob auf Papier oder digital, ist dabei nicht von entscheidender Bedeutung: Das Trägermedium ist nachrangig. Richtig aufgestellte Verlage sind keine Papierspeditionen, sondern Content-Manufakturen und Inhaltevermarkter.

Gedruckt wie digitalisiert: Das Wesen einer Zeitung ist die bei den Machern wie bei den Nutzern gelernte und tief verinnerlichte Kulturtechnik der hilfreichen Strukturierung und Präsentation sowie der effizienten Aufnahme und Rezeption von Informationen. Das ist Zeitung. Auch und gerade in den Zeiten des Internets.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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1. Oh Pardon...
W. Robert 02.08.2013
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
2. 2020?....
espressoli 02.08.2013
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Amadeus Mannheim 04.08.2013
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
4. Mutig voran
wol54 04.08.2013
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
koem 04.08.2013
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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Zum Autor
  • Rhein-Zeitung
    Christian Lindner, 53, ist Chefredakteur der in Koblenz erscheinenden "Rhein-Zeitung". Er ist nach eigenen Worten "leidenschaftlicher Print-Redakteur" - und zugleich seit Jahren aus Überzeugung im Web 2.0 aktiv, bei Twitter (@RZChefredakteur) und Instagram (@editor_in_chief). Lindner hat bereits 2009 einen Social Media-Redakteur am Desk der "Rhein-Zeitung" etabliert und das Blatt gezielt mit dem Mitmach-Internet verzahnt.
2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
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