Christian Nickel "Das ist schon sehr zerbrechlich."

Christian Nickel spielt am Wochenende die wohl größte Rolle seine Lebens. Nach dem Sturz von Bruno Ganz, spielt der 31-jährige Schauspieler bei Peter Steins Theater-Marathon den ganzen "Faust".


Diesem Faust kann kein Gretchen widerstehen: Christian Nickel
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Diesem Faust kann kein Gretchen widerstehen: Christian Nickel

Hannover - "Angst? Natürlich habe ich Angst. Aber das ist ja auch ein Ansporn", sagt Christian Nickel und wirkt dabei vollkommen ruhig. Dabei lastet auf dem 31-Jährigen wohl die wichtigste Rolle seines Lebens. Nach dem Sturz von Bruno Ganz tritt der junge Schauspieler in die Fußstapfen des Iffland-Ringträgers und übernimmt dessen Part als Hauptdarsteller in der 21-stündigen "Faust"- Inszenierung von Peter Stein auf der Weltausstellung in Hannover. Zusätzlich zu seiner ursprünglichen Rolle. Denn eigentlich sollte Nickel nur den jungen Faust in "Faust I" spielen. Nun zeigt er zum ersten Mal in der Theatergeschichte alle Faust-Szenen in einer Aufführung.

"Ich habe rund sechs Stunden Text. Insgesamt spielen wir zwölf Stunden, reine Spielzeit ohne Pausen", sagt Nickel. Als Zweit- Besetzung war er schon immer für Bruno Ganz eingeplant, richtig geprobt hat er die Szenen jedoch erst, nachdem der 59-Jährige vor fünf Wochen ausfiel. "Da habe ich jede Nacht nur drei bis fünf Stunden geschlafen." Natürlich gehe der Druck jetzt noch mal ein bisschen hoch. "Aber es nützt nichts, jetzt zu verzweifeln. Ich freue mich ja auch. Die Inszenierung ist berauschend. Nicht nur, weil zum ersten Mal Faust in kompletter Länge gespielt wird und ich die große Rolle spiele, sondern auch weil es eine schöne Rolle ist."

Es gebe Szenen im "Faust", die seien "wahnsinnig schön und so gut geschrieben, dass es Lust mache, sich da reinzugeben". Faust sei für ihn "liebenswert und verrückt". Auf den ersten Blick sei er eher unsympathisch. "Aber diese Sehnsucht nach einem produktiven Schaffen, ohne dabei auf das irdische Glück verzichten zu wollen, das sind schon grundsätzliche Dinge, die fast in jedem schlummern." Faust habe halt den Mut, sich dazu zu bekennen. "Das führt bei ihm jedoch zu dem Größenwahn, sich selber märtyrerhaft opfern zu wollen für die Menschheit."

Obwohl Nickel jetzt die größte Rolle im deutschen Theater spielt, wollte der gebürtige Heilbronner eigentlich nach dem Zivildienst im Krankenhaus Arzt werden. "Mich hat die Situation angesprochen, wie die Leute sich öffnen in den extremen Momenten." Nach einigen Auftritten bei Laientheatern sei ihm jedoch klar gewesen, dass er Schauspieler werden wolle. Bei einer Studenten-Produktion der Berliner Ernst-Busch-Schule habe Stein ihn in dem Tschechow-Schwank "Der Bär" gesehen und "sich das irgendwie gemerkt." Jedenfalls engagierte er den jungen Schauspieler für seine Grillparzer- Inszenierung von "Libussa" in Salzburg. Nickel ging danach ans Frankfurter Schauspiel, spielte die Hauptrolle in Ibsens "Peer Gynt" und Shakespeares "Romeo und Julia."

Natürlich profitiere er von der Vorarbeit, die Bruno Ganz und Peter Stein geleistet hätten. "Da habe ich bei den Proben sehr viel zugeschaut und komme deshalb nicht völlig aus dem Kalten." Neben seinem Teil der Rolle habe er sich von Anfang an für den ganzen Faust interessiert. "Was ist das für ein Mann, wo kommt der her? Selten hat man so viele Informationen über die Figur, die man spielen soll." Die Zusammenarbeit mit Peter Stein sei an Intensität nicht zu übertreffen. "Das ist schon sehr zerbrechlich." Aber die Entscheidung für "Faust" sei im nachhinein "die richtige gewesen."

Carola Große-Wilde



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