Comedian Christian Schulte-Loh Deutsch, aber lustig

Christian Schulte-Loh, Humorist aus Haltern, macht Karriere in England. Im Mutterland der Comedy erfährt er die Härte der Branche.

Humorist Schulte-Loh: Im Mutterland der Comedy
Sven Doering/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Humorist Schulte-Loh: Im Mutterland der Comedy

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Bournemouth. Der Name der Stadt ließ ihn noch jahrelang schaudern. Bournemouth, ein Seebad an der Südküste Englands, berühmt für seinen weißen Strand, das milde Klima und die hohe Pubdichte. Aber eben auch die Stätte seiner größten Schmach.

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Heft 24/2016
Warum wir die Briten brauchen. Why Germany needs the British

Damals, im Herbst 2009, wusste der Komiker Christian Schulte-Loh noch nicht viel über das Freizeitverhalten der Briten, er wohnte erst seit wenigen Wochen unter ihnen. So ahnte er nichts von der Tradition, Comedyshows unter Zuhilfenahme von gehörigen Mengen Alkohol zu rezipieren, etwa im Rahmen von Junggesellenabschieden. Auch hatte er sich bislang keine Vorstellung davon gemacht, wie sich Gladiatoren im alten Rom gefühlt haben könnten. Das änderte sich an jenem Abend, als er im größten Nachtklub von Bournemouth auftrat.

Im Saal saßen fast nur Männer, in seiner Erinnerung mindestens tausend, eher mehr, organisiert in Horden, vor sich Bier und Cocktails, beides in Eimern. Verärgert vom Vorprogramm, begannen sie zu lärmen, sobald Schulte-Loh die ersten Sätze sprach. Sie krähten dazwischen, stimmten Schlachtgesänge an. Je mehr sie wüteten, desto unsicherer wurde der Zwei-Meter-Mann. Schließlich brüllten sie ihn von der Bühne. Bei seiner Flucht durch die Hintertür rief der Veranstalter ihm zu, andere Künstler habe es hier schon viel schlimmer erwischt. "Es war kein großer Trost", sagt Schulte-Loh, 37.

Comedy genießt in Großbritannien ein hohes Ansehen, anders als in Deutschland, wo Gespräche über die schrille Bühnenkunst oft mit Naserümpfen einhergehen. Der Markt jedoch ist auf der Insel ungleich härter, junge Künstler müssen häufig ohne Entlohnung auftreten und bekommen nicht einmal die Fahrtkosten erstattet. Der Umgang mit Komikern ist lieblos bis gnadenlos, zumindest mit unbekannten. Allein schon, weil es so viele gibt. Schätzungen zufolge mehrere Tausend, ein Vielfaches derjenigen in Deutschland.

Comedian Schulte-Loh: Exotenstatus in Großbritannien
Sven Doering/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Comedian Schulte-Loh: Exotenstatus in Großbritannien

Im Mutterland der Comedy, das Spaßikonen wie Monty Python und Mr Bean hervorgebracht hat, lebt Schulte-Loh von seinem Exotenstatus. Und davon, dass er die Grammatik des internationalen Humors auf den Kopf stellt, denn üblicherweise sind Deutsche nicht Urheber, sondern Objekt von Witzen. Sie sind pünktlich und gründlich, aber langweilig und humorlos. Zumindest denken das die restlichen Europäer. Der erste Witz in Schulte-Lohs Show geht so: "Ich gehöre einer äußerst seltenen Spezies an. Ich bin ein deutscher Comedian." Komiker war sein Traumberuf, seit er als Schüler im Ruhrgebiet Platten von Otto Waalkes, Heinz Erhardt und der Revierlegende Jürgen von Manger gehört hatte. Doch stand ihm seine Angst im Weg, sich vor seiner Familie zu blamieren. Erst als Student traute er sich während eines Auslandssemesters auf eine holländische Bühne. Das hatte den Vorteil, dass es in Deutschland keiner mitbekam. Jahrelang trat Schulte-Loh nur auf Englisch auf, 2009 erstmals auch in Großbritannien, auf dem berühmten Edinburgh Fringe Festival. Weitere Engagements folgten, im selben Jahr verlegte er seinen Wohnsitz nach London.

Seither jongliert er dort mit Klischees über Deutsche und Briten. Oder amüsiert sich über den Fuß, das britische Längenmaß. Zum Glück sei kein anderes Körperteil zum Maß geworden, sonst würde man jetzt vielleicht sagen: "Wie weit ist es bis zum nächsten Pub?" - "5000 Penisse!" Als seinen schmutzigsten Witz bezeichnet er einen Gag über den Volkswagen-Diesel.

Das große deutsche Thema, den Holocaust, packt Schulte-Loh nur an, wenn er das Publikum im Griff zu haben glaubt. Neulich setzte er die eine Million von der Bundesrepublik "aus nationaler Schuld" aufgenommenen Flüchtlinge in Relation zu den von Nazideutschland ermordeten Juden. "Fünf Millionen fehlen noch." Häufiger als er selbst ist es sein Publikum, das den Nationalsozialismus zum Thema macht, mit Zwischenrufen wie: "Dein Opa hat die Pommesbude meines Opas zerbombt!" Manche Männer rufen auch "Heil Hitler" und kassieren dafür einen Rüffel von ihrer Frau.

Schulte-Loh jongliert mit Klischees über Deutsche und Briten
Sven Doering/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Schulte-Loh jongliert mit Klischees über Deutsche und Briten

Bisweilen tut das Temperament des britischen Publikums der Show gut. "Frage ich deutsche Zuschauer nach ihrem Beruf, antworten die wahrheitsgetreu 'Sachbearbeiterin' oder 'Angestellter'", sagt Schulte-Loh. "Briten dagegen behaupten schon mal, sie würden hauptberuflich Hundewelpen retten oder seien Hubschrauberpilot in der pakistanischen Armee." Warum die Briten tendenziell besser drauf sind? "Nur am Alkohol kann es nicht liegen", sagt Schulte-Loh. Seine nicht belegbare These: "Die Briten sind ein Volk von Seefahrern. Wir Deutschen ein Volk von Autobauern. Das prägt." Als er vor drei Jahren mit Auftritten im deutschsprachigen Raum begann, musste er erst einmal lernen, sich zurückzunehmen und das Publikum nicht so hart anzugehen.

Voriges Jahr traute Schulte-Loh sich erstmals wieder nach Bournemouth. Weil die beiden Künstler vor ihm von der Bühne gebrüllt worden waren, bat der Veranstalter ihn, eine Viertelstunde länger zu spielen. Das Publikum behandelte ihn derart zuvorkommend, dass er ihm sogar sein Bournemouth-Trauma offenbarte. Anders als in seiner Erinnerung fasste der Saal übrigens nur 250 Menschen.



insgesamt 7 Beiträge
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okav 21.06.2016
1. Ja ist klar,
sich auf Kosten der Deutschen in England lustig zu machen bringt Applaus. Bravo n
c.PAF 21.06.2016
2.
Nicht witzig.
gekreuzigt 21.06.2016
3. Glückliches England.
Tausende Humoristen. In D gehen mir täglich die gleichen politisch korrekten Schnarchnasen a lá Florian Schröder auf den Keks.
miyamoto75 21.06.2016
4. exotisch?
Es gibt mit Henning Wehn und Paco Ehrhart bereits mindestens zwei etablierte und bekannte deutsche Comedians im UK. So exotisch ist dieser Herr dann doch nicht.
Bolligru 21.06.2016
5. Typisch
deutsche Reaktionen auf diesen Beitrag bis hierher. Die Klischees perfekt bestätigt.
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