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Christian Ulmen: "Spießig ist immer scheiße"

Vorsicht vor den neuen Spießern: Sie wirken hip, aber im Kopf steht der Jägerzaun. TV-Anarcho Christian Ulmen und Schauspielerin Annika Kuhl sagen im Magazin "U_mag" endlich die Wahrheit über intolerante "taz"-Abonnenten und das Latte-Macchiato-Dogma.

Frage: Annika, Christian, alle wollen uns spießig als das neue Cool verkaufen. Steckt da ein Fünkchen Wahrheit drin?

Kuhl: Das Wort ist mittlerweile sinnentleert. Wenn einem etwas nicht gefällt, heißt es oft: Das ist spießig. Wenn man früh ins Bett geht, ist das spießig, oder wenn man Mittag isst, ist das spießig. So normale Sachen.

Ulmen: Die Definition von Spießigkeit ist für mich, sobald jemand nicht in der Lage ist, über seinen Tellerrand hinauszuschauen. Wenn jemand intolerant ist und anderes nicht zulässt, ist er ein Spießer. Das ist der Hausmeister, der nicht will, dass man draußen Fußball gegen die Garagentore spielt, weil es so laut ist. Oder die Oma, die sich wahnsinnig darüber aufregt, weil ein Punker einen Irokesenhaarschnitt hat, weil sich das nicht anschickt. Das Leben der anderen nicht zu akzeptieren – das ist spießig, meine ich.

Frage: Aber eine gewisse Faszination für das Spießige hast du schon, Christian.

Ulmen: Nein, überhaupt nicht. Ich finde, jemand, der links ist, nach Kreuzberg zieht, da verharrt und ausschließlich die taz liest, der ist für mich ein Spießer. Weil der es sich total kommod einrichtet in seiner linken Welt. Links gilt natürlich überhaupt nicht als spießig, weil Links-Sein das Um-die-Ecke-Denken, das alternative Leben ist. Aber der Alternative, der das so feiert …

Kuhl: … und dann das andere auch nicht akzeptiert, das normale Leben …

Ulmen: … genau der ist ein Spießer.

Frage: In den letzten Jahren gab es eine totale Inflation des Wortes spießig. Gibt es einen Unterschied zwischen einer neuen Spießigkeit, mit der ja durchaus kokettiert wird, und Altspießern?

Ulmen: Ich denke, dass viele, die sich vom Spießer-Sein abgekehrt haben, das aber mit denselben Mitteln tun wie ein Spießer. Das ist dann der neue Spießer oder Neo-Spießer, der in der Abkehr oder der Angst davor, zu spießig zu sein, im Unspießig-Sein aber genauso intolerant ist wie der Spießer. Wer im Prenzlberg mit seinem Latte macchiato sitzt und über die doofen Charlottenburger schimpft und sagt, er will sein Leben total unspießig gestalten, der macht dasselbe wie sein Spießer-Feind, da er sich in die Abgrenzung zurückzieht.

Frage: Echte Spießer betonen gern mal, wie ausgeflippt sie sind.

Ulmen: Ja, absolut. Kategorisieren ist ein ganz typisches Ding bei Spießern.

Kuhl: Durch das Definieren stecken sie sich einen engen Rahmen, und das ist ja eigentlich der Ursprung des Spießig-Seins.

Frage: Wo verläuft denn die Grenze zwischen bieder und spießig?

Kuhl: Bieder ist doch eher äußerlich, ein Kleidungsstil.

Ulmen: Im Humor kann man ganz toll sehen, was bieder ist. Da gibt es auf der einen Seite "Jackass", was nicht bieder ist, und dann zum Beispiel so ein verlegenes Hüsteln von Moderatoren im Dritten Programm, wenn sie mal ein freches Wort gesagt haben wie "Kacke". Wenn man immer noch Witze macht über Männer, die danebenpinkeln, ist das bieder. Darüber lacht jeder. Aber wenn du einen Witz machst, der aneckt, wo du ein echtes Tabu ankratzt, ist das höchstwahrscheinlich nicht bieder. Bieder ist nicht mutig. Bieder hat mit der Angst vor dem Anecken zu tun.

Frage: Ist der Spießer nicht genauso wenig mutig?

Ulmen: Nein, der Spießer ist ja durchaus auch angriffslustig. Der Spießer geht nach draußen, der sagt dem Punker – gut, das macht ja heute nicht mal mehr ’ne Oma, deswegen finde ich Irokesenfrisur auch völlig sinnlos, das provoziert keinen mehr – aber früher, als es noch provozierte, sind die Spießer auf die losgegangen.

Frage: Wie kann ich denn sichergehen, dass aus mir trotz Bausparvertrag kein Spießer wird?

Ulmen: Ja, wenn du im Grunewald ein taz-Abo hast und (lacht) ... ja, das kann man nun nicht in zwei, drei Sätzen erklären, aber vereinfacht gesagt, jemand, dessen Lebensausrichtung facettenreich ist, der ist wohl eher kein Spießer

Frage: Spießigkeit hat mit Beständigkeit zu tun. In Zeiten, wo Beziehungen oft schon an Kleinigkeiten scheitern, wäre da ein Spießer nicht die Ideallösung für trennungsgeplagte Singles?

Ulmen: Nein, spießig ist immer scheiße. Weil Spießigkeit immer Intoleranz bedeutet. Hier und da mal konservativ zu sein, ist ja was anderes.

Frage: Kann man sich eigentlich dauerhaft dagegen wehren zu verspießen? Alle sagen, dass sie nie so werden wollen wie ihre Eltern – aber bei vielen ist der Unterschied dann doch nur, dass sie sich die stylishere Schrankwand kaufen.

Ulmen: (lacht) Absolut!

Kuhl: Ich glaube, dass der Mensch etwas braucht, woran er sich festhalten kann. Und deswegen kommt man in dem Sinne auch nie weg von der Spießigkeit. Man wird sich die vielleicht in anderen Varianten suchen. Aber irgendwas braucht man immer. Das können die wenigsten, so frei leben. Das hat ja auch was mit Gemütlichkeit zu tun. Oder mit Gleichförmigkeit, damit man abschätzen kann, wie das Leben so jeden Tag vonstattengeht.

Ulmen: Da stimme ich zu, ohne dass ich das spießig nennen würde. Spießig ist immer die intolerante Version dessen. So: Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche – und hasse alle, die das nicht tun. Aber es ist interessant, weil es mir auch so ging, als ich nicht mehr regelmäßig gearbeitet habe wie früher bei MTV. Da habe ich angefangen, mir neben diesem unregelmäßigen Leben Regelmäßigkeiten zu suchen. Ich gehe jetzt zum Beispiel regelmäßig ins Fußballstadion.

Kuhl: Oder man hat so Serien. Ich weiß dann, jeden Dienstag kommt meine Lieblingsserie und das gibt mir so einen Punkt in der Woche, wo ich mich drauf freue (Ulmen lacht). Ich meine, ist schon traurig …

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Forum - Der Spießer - wer ist das?
insgesamt 275 Beiträge
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1.
inci 18.05.2007
Zitat von sysopVorsicht vor den neuen Spießern: Sie wirken hip, aber im Kopf steht der Jägerzaun. TV-Anarcho Christian Ulmen und Schauspielerin Annika Kuhl sagen im Magazin "U_mag" ihre Wahrheit zum Thema. Was ist Ihre Meinung? Wer sind die neuen Spießer? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,483035,00.html
in meinen augen die, die jede neue reglemtierung, jede neue kontrolle geradezu herbeisehnen. sei es rauchen, alkohol, sex, essen, etc. dabei nimmt ein teil solcher spießer auch gerne mal totalitäre mechanismen in kauf, hauptsache, man kann den andersdenkenden mal zeigen, wo der hammer hängt, weil man einfach besser ist. stromliniengeformt und immer voll im trend, egal welcher gerade angesagt ist.
2. Hat nicht fast ein Jeder ein Quäntchen Spießertum in sich ?
Funmilayo, 18.05.2007
Zitat von sysopVorsicht vor den neuen Spießern: Sie wirken hip, aber im Kopf steht der Jägerzaun. TV-Anarcho Christian Ulmen und Schauspielerin Annika Kuhl sagen im Magazin "U_mag" ihre Wahrheit zum Thema. Was ist Ihre Meinung? Wer sind die neuen Spießer? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,483035,00.html
Spätestens , wenn sich eigener Nachwuchs einstellt, kann dieses Quäntchen auch leicht größer werden.... Man muß es ja nicht gleich übertreiben...:-)) Bei uns zuhause wird z.B. niemals "punkt 12:00 Uhr " Mittag gegessen, das finde ich z.B. ziemlich spießig.Ich kenne aber Menschen, denen genau DAS äußerst wichtig ist; die leiden evtl sogar darunter und sind nicht frei, z.B. locker einen Ausflug mitzumachen....weil´s evtl. dann nicht um 12 Mittag gibt, sondern etwas später.... Ja, und etwas Ordnung muß auch sein ;-))
3. Spießer - sind immer die anderen
Pablo alto, 18.05.2007
Das Interview verwirrt mich. Frau Kuhl (cool?) sagt mir nun leider gar nichts (sicher mein Fehler, ich guck zu wenig TV). Und Herrn Ulmen habe ich - na, sagen wir mal - fünf Mal im Fernsehen gesehen. Teils in einer fiktionalen Rolle, teils as the man himself. Und leider kam mir der Mann wahnsinnig spießig vor! Sozusagen der Inbegriff des neueren Spießertums. So ein ein bisschen dicklicher Typ in Cordhosen (oder bilde ich mir das bloß ein?) und undefinierbaren Haaren, mit einem verdrucksten Humor (und begrenztem darstellerischen Vermögen), wo man denkt, wenn der mal 'ne richtig geile Freundin hätte, käm' der auch mal aus sich raus. Ich lese und staune nun, der gilt als "Anarcho"!? Und für den sind ANDERE Spießer? Wahnsinn! Es ist eben alles relativ. Dieser brave Mann ist tief im Innern bestimmt ein verrückter Kerl, in diesem phlegmatischen Fleischklops brodelt womöglich ein Vulkan. Gut, das wir mal darüber geredet haben.
4.
alexaljechin 18.05.2007
Zitat von sysopVorsicht vor den neuen Spießern: Sie wirken hip, aber im Kopf steht der Jägerzaun. TV-Anarcho Christian Ulmen und Schauspielerin Annika Kuhl sagen im Magazin "U_mag" ihre Wahrheit zum Thema. Was ist Ihre Meinung? Wer sind die neuen Spießer? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,483035,00.html
So so, jetzt gibt es also mal einen neuen Spießertypus... Konformismus, geistige Unbeweglichkeit und notorische Ablehnung von Neuerungen, dass ist das was, meiner Meinung nach, einen Spießer seit jeher ausgemacht hat und immer noch ausmacht. Da kann er sich nach außen hin so hip geben wie er will, beim näheren Kennenlernen zerfällt diese Fassade ohnehin.
5. gähn !!!
mikrophon 18.05.2007
...die ganze Diskussion hier ist spiessig, und der dazugehörige Artikel erst recht, sieht das denn keiner ?
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