Christiansen-Finale Abgrund ist immer

Es ist zu Ende. Ein Ruck geht durch Deutschland. Der Sommer kann beginnen: Die Zwangs-Christianisierung des Sonntagabends ist aufgehoben.

Von Reinhard Mohr


Nie wieder wird die fanfarenhafte, synkopenverzerrte Erkennungsmelodie des gepflegten Schreckens ertönen, nie wieder wird der selbstverliebte Trailer dieser televisionären VIP-Lounge mit Hartz-IV-Abteil die Augen röten.

Talk-Finalistin Christiansen: Ein Strauß lahmer Gespräche
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Talk-Finalistin Christiansen: Ein Strauß lahmer Gespräche

Sabine Christiansen ist nur noch ein Name, keine Sendung mehr. Am Ende machte sich regelrecht körperlicher Widerwille gegen jene Art von Talkshow breit, in der es um Gesundheitsreform, Globalisierung und Klimakatastrophe ging.

Dass nun die Abschiedsartikel in den Zeitungen den Sammeltitel "Lauter Verrisse" tragen könnten, wirft allerdings eine Frage auf: Warum haben dann alle, genauer: so viele mitgemacht? Warum schalteten im Schnitt vier Millionen Zuschauer ein, wenn es wieder einmal hieß: "Deutschland am Abgrund – wie weiter?"

Warum ließ man sich zumuten, dass allein Guido Westerwelle, bekanntermaßen einer der alles entscheidenden, ja allerallerwichtigsten Politiker im Lande, 33-mal in der "Runde bei Sabine Christiansen" saß, wie die "Tagesschau" am Sonntagabend die Talkshow stets biederschlau annoncierte? Haben wir es hier womöglich mit dem Mc-Donald’s-Effekt zu tun: Keiner geht hin, aber die Burger gehen weg wie warme Semmel?

Dass "Sabine Christiansen" überhaupt knapp zehn Jahre und 447 Sendungen überstehen konnte, lag nicht nur an ihrem Knopf im Ohr (mit Instruktionen aus der Regie), der die Inspiration weitgehend ersetzte, sondern auch am genialen Sendeplatz, der die mangelnde intellektuelle Präsenz strukturell ausglich. Schon auf Maybrit Illners Donnerstagabend-Termin wäre Sabine Christiansen gnadenlos untergegangen.



So aber konnte der späte, doch nicht zu späte Sonntagabend, zwischen "Tatort" und "Tagesthemen" wunderbar eingebettet, zum "Ermüdungsbecken" der Nation werden, wie die "Süddeutsche Zeitung" schrieb. Christiansens endemisch gewordener Polittalk war nicht zuletzt eine Abklingzone der aufgepeitschten Gefühle.

Während man noch über die Motive des gerade überführten Mörders sann und den Trailer von "Beckmann" am Montagabend vorüber rauschen sah, in dem entweder Boris Becker, Susanne Osthoff oder Joachim Fuchsberger angekündigt wurden, ging es schon los mit der Gästevorstellung. "Dittsche" im Dritten und das Kulturmagazin "ttt" ließen noch über eine Stunde auf sich warten; der Mensch ist träge, man war schon etwas müde, aber eben nicht todmüde, und so geschah es dann: Man blieb dran.

Abend-Dämmerung für Bequeme

Zugegeben: Manche waren auch einfach zu faul, den Fernsehapparat auszuschalten und zum guten Buch zu greifen. Oder vielleicht doch noch das lange aufgeschobene Beziehungsgespräch zu führen. Oder schnell noch ein paar Hemden zu bügeln. Hier und da kam Neugier dazu: Würde Oskar Lafontaine, der Westentaschendemagoge von der Saar, wieder einen puterroten Hals kriegen, wenn er den "Skandal der sozialen Schieflage" und die Rente mit 67 attackierte? Würde Gregor Gysi wieder alle in Grund und Boden berlinern? Würde Edmund Stoiber wieder stottern? Und was sagt Kurt Beck zur Herausforderung der Globalisierung?

Gewiss, Christiansens mentale Befriedungswanne hatte immer auch etwas von einem Haifischbecken der Zuschauerhäme. Ein bisschen Circus Maximus, eine Achterbahnfahrt der Pseudo-Erregung, die am Ende in die geruhsame Nacht führt. Zurück blieb das weiße Rauschen der Mediengesellschaft, in der letztlich alles gleich wichtig oder unwichtig ist. Abgrund ist immer.

Als wollte sie zum Abschied noch einmal zeigen, was sie wirklich nicht kann, hatte Sabine Christiansen gestern Abend Bundespräsident Horst Köhler als einzigen Gast eingeladen. Ein echter Coup. Denn so potenzierte sich die Langeweile und Phrasenhaftigkeit in einem Ausmaß, das man kaum für möglich hielt.

Wer gerade von einer Reise zurückgekehrt war, konnte gemächlich nebenher den Koffer auspacken, sich ein Käsebrot machen und eine schöne Flasche Moselriesling öffnen. Horst Köhler sagte derweil: "Man muss den Menschen zuhören." Und wir hörten ja auch zu, während wir den Laptop aufklappten, um nach den E-Mails zu schauen. "Die ganze Welt ist in Veränderung", sagte Horst Köhler, und wieder mussten wir zustimmen. Unten in unserer Straße machten es sich Jugendliche in Sesseln auf der Ladefläche eines geparkten Lkw bequem. Eine neue Entwicklung.

Präsidial - egal

"Es gibt ein gutes Nationalgefühl", sagte Horst Köhler, und ja, wir finden das auch, selbst wenn wir es nicht mit diesen Worten sagen würden. "Man muss es den Menschen aber auch erklären", sagte der Bundespräsident, und wir konnten da nur nicken. Geht klar. Machen wir doch dauernd.

Und so ging das weiter wie eh und je: Sabine Christiansen hakte ihren Fragenkatalog ab wie andere ihre Einkaufsliste, dazwischen ein paar launige Szenen aus alten Sendungen, dann ging es wieder um Europa und seine skeptischen Bürger, um die Wiedervereinigung, Steuern, Bildung und Hartz IV.

Ein paar ausgewählte Menschen aus dem Volk, die sich fein gemacht hatten, darunter der Vier-Sterne-General Klaus Reinhardt und ein aufgewecktes Kind, durften ein paar brave Fragen stellen, und dann war der Schlummerplausch schon zu Ende. (Nein, nicht ganz: Olli Dittrich hatte sich dazu hergegeben, drei Minuten "Dittsche Spezial" zum Christiansen-Abschied zu liefern.)

Ein letztes Lächeln der daueraufgekratzten Talk-Diva im weißen Hosenanzug: "Herzlichen Dank für die lange Treue", ein dicker Blumenstrauß und Horst Köhlers wahre letzte Worte: "Sie haben Fernsehgeschichte geschrieben." Je mehr Zeit verginge, desto mehr Menschen würden dereinst sagen: "Ach, die Frau Christiansen ..."

Lieber Herr Bundespräsident, das sagen wir schon heute.



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