Christo-Weggefährtin Künstlerin Jeanne-Claude ist tot

Der verhüllte Reichstag ist eine Ikone der jüngeren deutschen Geschichte - geschaffen hat ihn Jeanne-Claude gemeinsam mit ihrem Mann Christo. Jetzt ist die Verpackungskünstlerin in New York gestorben.

DPA

Hamburg/New York - Die Künstlerin Jeanne-Claude ist tot. Die Frau des Verhüllungskünstlers Christo starb im Alter von 74 Jahren in New York, bestätigte der Fotograf der Werke des Paares, Wolfgang Volz, an diesem Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Jeanne-Claude wurde am 13. Juni 1935 in der marokkanischen Stadt Casablanca geboren, dem selben Tag wie Christo. Sie war die Stieftochter eines französischen Armeegenerals. Christo lernte sie 1958 in Paris kennen, nachdem dem Bulgaren während eines Studienaufenthalts in Prag die Flucht in den Westen gelungen war. Für Christo verließ Jeanne-Claude ein Jahr später ihren ersten Ehemann nur drei Wochen nach der Hochzeit. Das Paar hat einen Sohn, Cyril. Jeanne-Claude war Präsidentin und Treuhänderin der gemeinsamen C.V.J.-Company. Seit Anfang der neunziger Jahre trat das Künstlerehepaar nur noch gemeinsam auf, um hervorzuheben, dass die Projekte in Teamwork entstehen.

Das erste, in Zusammenarbeit mit Christo entstandene Verhüllungsprojekt Jeanne-Claudes in Deutschland war 1961 der "Wrapped Renault 4 CV". Durch die zeitweise Verhüllung von Objekten beanspruchten Christo und Jeanne-Claude, deren Wert wieder ins Bewusstsein der Menschen zurückzuholen, und mit der "Neuenthüllung" von Gegenständen deren Erneuerung zu erreichen.

Riesenwurst aus Kunststoff

"Die Verpackung zeigt die Grobstrukturen, abstrahiert den Gegenstand", ist eine These von Christo, der den Weg der Wegwerfgesellschaft in umgekehrter Richtung gehen will: Während sie ihre wenig wertvollen Waren in wertvolle Verpackungen steckt, macht er durch einfaches Verdecken auf den Wert des Inhalts aufmerksam.

1964 übersiedelten Christo und seine Frau nach New York und setzten hier die Kunst des Enthüllens durch Verhüllen fort. Das Künstlerehepaar nahm 1968 an der 4. documenta in Kassel teil, wo sie eine Riesenwurst aus Kunststoff mit Luft füllten und sie 83 Meter hoch steigen ließen.

Großes internationales Aufsehen erregte - nach rund dreijähriger Vorbereitungszeit - 1976 der von dem Künstlerpaar konzipierte und realisierte 40 Kilometer lange Nylon-Zaun ("Running Fence"-Projekt) quer durch Kalifornien. Die Kosten dieser aufwändigen und vergleichsweise kurzlebigen Kunstobjekte brachten Christo und Jeanne-Claude in der Regel selbst auf: Die Collagen und Zeichnungen zu den jeweils laufenden Projekten erwiesen sich als begehrte Sammlerobjekte.

Im Mai 1983 verpackten die beiden elf Kleinstinseln vor der amerikanischen Küste bei Miami mit rosa irisierenden Plastikhüllen und verwandelten die vom Zivilisationsmüll verdreckten Inseln für 14 Tage in "Seerosen". Die Vorbereitung zu diesem Projekt ("Surrounded Islands") dauerte 30 Monate und kostete umgerechnet rund 7,56 Millionen D-Mark.

100.000 Quadratmeter Polypropylengewebe

1985 verkleideten Christo und Jeanne-Claude die älteste Brücke von Paris, die Pont Neuf, für 14 Tage. Seit 1972 befasste sich das Künstlerpaar mit dem "Wrapped Reichstag" in Berlin. Nach ebenso hartnäckiger wie intensiver öffentlicher Überzeugungsarbeit erhielten die Künstler im Februar 1994 schließlich grünes Licht aus Bonn: 292 vom Fraktionszwang befreite Abgeordnete votierten für das Projekt.

Am 25. Juni 1995 schlossen Christo und Jeanne-Claude die spektakuläre Verhüllung des Reichstags ab, für die 100.000 Quadratmeter Polypropylengewebe und rund 13 Millionen D-Mark erforderlich waren. Bis zum 7. Juli 1995, dem Start der Enthüllungsarbeiten, sahen rund fünf Millionen Menschen den "Wrapped Reichstag". Für das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude war es der bis dato größte Erfolg und für die deutsche Hauptstadt eine kostenlose Imagewerbung in aller Welt.

Für ihr Projekt "The Gates" errichteten die Künstler 2005 im New Yorker Central Park einen 37 Kilometer langen wogenden Fluss aus orangefarbenen Stoffbahnen. Die Installation lockte mehr als fünf Millionen Besucher an.

Nie gemeinsam im Flugzeug

Umstritten war immer, wie hoch der künstlerische Einfluss Jeanne-Claudes in der Teamarbeit war - oder ob sie eher als Managerin und Muse zu gelten habe.

Beruflich wie privat waren Christo und Jeanne-Claude seit fünf Jahrzehnten unzertrennlich. Und bis auf drei Dinge machten sie alles zusammen, wie es einmal auf ihrer Homepage hieß: Demnach saßen sie nie im selben Flugzeug, die Zeichnungen stammten allein von Christo, und mit dem gemeinsamen Steuerberater sprach nur Jeanne-Claude.

In einem Interview mit der "Bunten" gab Christo im Frühjahr 2009 auf die Frage "Wovon bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?" einen interessanten Einblick in die finanziellen Machtverhältnisse des Paares: "Wir haben natürlich ein Privat-Konto. Ich bekomme ein Gehalt von unserer Firma C.V.J., das sind 25.000 Dollar vor Steuern im Jahr. Und Jeanne-Claude bekommt 5000 Dollar pro Jahr."

In der Erklärung teilte die Familie nun mit, Christo sei tieftraurig über den Tod seiner Frau, aber zugleich "entschlossen, das Versprechen zu halten, das sich beide vor vielen Jahren gegeben haben: die Kunst von Christo und Jeanne-Claude fortzusetzen".

sha/dpa/AP



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