Christoph Maria Herbst Vom Arbeitsmuffel zum Hochzeits-Schnuffel

Christoph Maria Herbst steuert erneut durch einen Parcours der Peinlichkeiten: Als linkischer Biedermann versucht er in der Sat.1-Comedy "Hilfe, Hochzeit!" die Eltern seiner Braut für sich zu gewinnen. Mit Aberwitz und Hintersinn tritt der "Stromberg"-Star in Loriots Fußstapfen.

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Die Welt liegt vor ihm, um erobert zu werden. Mit Charme, Jovialität und natürlich auch unbedingtem Willen zur Schleimerei. Also reißt Joachim seine Arme weit auseinander, aber niemand will sich von ihm drücken lassen. Nicht der zukünftige Schwiegervater, der mit ansehen muss, wie er Lammgulaschbrocken aus der Toilette fischt, die verdächtig an Exkremente erinnerten. Nicht die Mutter der Braut, der Joachim aufgrund einer nächtlichen Verwechslung zärtlich unters Nachthemd greift. Und schon gar nicht der kleine Familienhund, den er beim gemeinsamen Freizeitmauern mit dem Hausherrn fröhlich in den Betonmischer schaufelt.

Komödiant Herbst in "Hilfe, Hochzeit!": Fäkale Abgründe
Sat.1/Willi Weber

Komödiant Herbst in "Hilfe, Hochzeit!": Fäkale Abgründe

Joachim ist der Held aus der neuen Sat.1-Comedy "Hilfe, Hochzeit! Die schlimmste Woche meines Lebens". Die ist nichts anderes als eine Kopie der BBC-Erfolgsserie "The Worst Week of My Life", die ihrerseits nichts anderes ist als die Kopie der US-Erfolgskomödie "Meine Braut, ihr Vater und ich" mit Ben Stiller. So eine Sendung wäre also natürlich nicht der Rede wert, würde dieser Joachim nicht von Christoph Maria Herbst gespielt, dessen Weltumarmungsversuche als Bürohengst in der Pro-Sieben-Serie "Stromberg" ja immer ebenso gnadenlos und grotesk scheiterten.

Herbst ist ja alles andere als ein wandlungsfähiger Komödiant, dafür hat er es in seinem Rollenfach zu einer in Deutschland einzigartigen Perfektion gebracht. Klar, der Arbeitsmuffel Bernd Stromberg und der Hochzeitsschnuffel Joachim Witte sind auf den ersten Blick zwei ganz unterschiedliche Typen. Doch ob nun der eine mit schamlos glitzernder Glatze seine Untergebenen anbellt oder ob der andere mit nervös abstehenden Föhnpony um die Liebe seiner zukünftigen Schwiegereltern buhlt – letztlich richten sich bei beiden die Strategien zur Welteroberung nur immer wieder tragikomisch gegen sie selbst.

Dabei will einer wie Joachim Witte ja gar nicht viel. Der sympathische Spießer versucht nur tunlichst alle gesellschaftlichen Spielregeln zu befolgen, um sich der Anerkennung der großbürgerlichen Brauteltern sicher sein zu können; Vater Albrecht (Uwe Friedrichsen) ist immerhin ein pensionierter Verfassungsrichter und schaut mit lila Robe streng vom Ölgemälde im Wohnzimmer herab. In so einer Umgebung erhält die Abweichung von der Norm leicht die Anmutung einer Straftat.

Der Biedermann als Anarchist

Mit den Konventionen ist das eben so eine Sache: Wer sie nicht perfekt beherrscht, kommt darin um. Denn der kleinste Regelverstoß zieht unweigerlich weitere nach sich, gerade wenn man sich eifrig bemüht, sie zu bemänteln. Das weiß der hiesige Fernsehzuschauer ja seit den legendären Bananenschalen- und Badewannensketchen von Loriot, der einst den linkischen deutschen Korrektheitseifer mit trockenem britischem Aberwitz in Szene gesetzt hat.

So gesehen geht Christoph Maria Herbst glatt als Erbe des großen Vicco von Bühlow durch. Neben den beiden anderen Sat.1-Gewächsen Bastian Pastewka und Anke Engelke, die sinnigerweise heute abend (21.45 Uhr) nach "Hilfe, Hochzeit!" mit der zweiten Staffel ihres experimentellen Comedy-Formats "Ladyland" an den Start geht, steht er für eine besonders kultivierte Art einer entfesselten Situationskomik: Der kleinste Bruch mit der sorgsam gepflegten Konvention führt hier direkt ins Chaos, auf diese Weise wird der Biedermann ganz ungewollt zum Anarchisten.

In "Hilfe, Hochzeit!" jedenfalls stößt Joachim umso tiefer in fäkale Abgründe vor, je verzweifelter er die Familientraditionen der Brautsippschaft hochzuhalten versucht: So wird ihm die Aufsicht des 150 Jahre alten Hochzeitsringes übertragen, angeblich ein Geschenk Kaiser Wilhelms an eine Ahnin der Zukünftigen. Doch das Edelmetall wandert über die sieben Folgen, die der Held bis zur Eheschließung zu überstehen hat, durch einige Darmtrakte und Abflussrohre.

Bis zum großen Finale in Weiß wird also allerlei Klamauk in weniger sauberen Farben geboten – womit das auf Hochglanz polierte Großbürger-Ambiente unterwandert wird, das die patente Regisseurin Isabel Kleefeld ("Arnies Welt") wohl nicht ohne Hintersinn wie einen Werbespot für Jacobs Krönung in Szene gesetzt hat. "Hilfe, Hochzeit!" ist mithin trotz einiger stark vorhersehbarer Wendungen und humoristischer Verstrickungen ein ganz wunderbares Recycling-Projekt geworden: die Kopie einer Kopie – aus der Christoph Maria Herbst ausgerechnet in der Rolle des angepassten Trottels als Original heraussticht.


"Hilfe, Hochzeit! Die schlimmste Woche meines Lebens":
Freitags, 21.15 Uhr, Sat.1



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