Ausstellung in der Paris Bar: Bleiberecht für Spoerri!

Von Ingeborg Wiensowski

Die Paris Bar, Treffpunkt der Kultur-, Politik- und Medienszene, wird ausgeräumt: Die wild-wüste Kunst-Melange an den Wänden zieht in einen Ausstellungsraum um und wird durch trockene Konzeptkunst ersetzt.

Ausstellung in der Paris Bar: Bilderrochade Fotos
dapd

Zu den Lokalen, die ein Künstler, ein Kunsthändler oder -sammler auf jeden Fall besuchen muss, gehört die Paris Bar in Berlin. Nicht dass man dort gut essen könnte, aber man wird dort gesehen - und es gibt viel zu sehen. Und zwar Kunst. Über und über sind die Wände in Petersburger Hängung mit Bildern bedeckt, und es gibt niemanden in der Kunstwelt, der nicht das große Martin-Kippenberger-Wandbild an der Stirnwand kennt, auf dem das Interieur der Paris Bar zu sehen ist.

Das, was jetzt dort hängt, ist zwar nicht mehr das Bild von Kippenberger, weil das "echte" nach finanziellen Problemen in der Paris Bar verkauft und durch ein "nach Kippenberger" gemaltes Bild vom Künstler Daniel Richter ersetzt wurde. Aber nun wird demnächst auch das für sechs Wochen aus der Paris Bar verschwinden, zusammen mit allen anderen Kunstwerken, die an den Wänden des Restaurants an jeder möglichen und unmöglichen Stelle hängen und die sich losschrauben lassen. Das Deckenbild von Peter Beard kann also bleiben, und "auf gar keinen Fall darf der Spoerri mitgehen", so sagen es die Stammkellner nachts beim Servieren. Denn Daniel Spoerris Eat-Art-Environment, ein Stück Tischplatte mit den Resten eines Gelages, ganz oben am Sturz vor den Toiletten, das sei ja die Paris Bar, und deshalb müsse das auf jeden Fall da bleiben.

Radikal ausgeräumt

Doch es wird nicht nur ausgeräumt, sondern auch eingeräumt. Eine "Rochade", aus der gleichzeitig eine "Charade" wurde, nennen die beiden Verantwortlichen, der Paris-Bar-Wirt Michel Würthle und der Sammler Axel Haubrok, ihre Aktion. Und die geht folgendermaßen:

Bilder aus der Paris Bar plus rund hundert Zeichnungen, Collagen sowie einige Gemälde und Fotografien von Michel Würthle werden in den Ausstellungsraum Haubrokshows des Sammlers am Strausberger Platz im Ostteil der Stadt verfrachtet und dort ausgestellt. Im Gegenzug werden aus der Haubrok-Sammlung Werke des Künstlers Christopher Williams in die Paris Bar gehängt.

Würthle ist nicht nur Wirt, sondern auch ein Künstler, der zeichnet, malt, schreibt und (außer auf seiner Bühne Paris Bar) auch in Spielfilmen schauspielerte. Er ist Österreicher, eine "sprechende Mozartkugel" laut Sigmar Polke, er kann charmant und ätzend sein, mit rasiermesserscharfen Kommentaren und melancholischer Weltsicht, er küsst die Hand und gibt seinen Mitarbeitern den kurzen Hinweis "Stanzen", was so viel wie "rausschmeißen" heißt. Er ist vielsprachiger Weltbürger mit Wohnsitz in Berlin und auf der Insel Syros und mit einem Bein immer in Paris. Für all das wird er von seinen Stammkunden geliebt, bewundert. Kurz: Ohne Würthle wäre die Paris Bar nicht das, was sie ist.

Konvolute von Zeichnungen und frisch gebügelte rosa Hemden

Axel Haubrok, Sammler und früherer Unternehmensberater, sagt: "Michel ist als ein Dandy und schräger Dadaist das komplette Gegenteil von mir." Natürlich kennt Haubrok ihn und seine Paris Bar sehr lange, aber als er Würthle irgendwann in dessen Wohnung am Paul-Lincke-Ufer besuchte, fand er dort eine Art Gesamtkunstwerk vor. "Es sieht bei ihm zu Haus genauso aus wie in der Paris Bar oder eigentlich noch besser", sagt Haubrok, "in jeder Ecke stapeln sich Konvolute von Zeichnungen, Fotos, Plakate, Collagen und Devotionalien aus der Kunstwelt zwischen ganzen Batterien von rahmengenähten Schuhen oder frisch gebügelten rosa Hemden. Ich fand, das muss man gesehen haben." Würthles Wohnung auszustellen, war aber nicht machbar - die Bar-Kunst aber schon.

Zurzeit ist Würthle nur in der Paris Bar anzutreffen, wenn es sein muss. Ansonsten arbeitet er besessen zu Hause an 65 neuen Zeichnungen für die Haubrokshows. Dort ist er auch Kurator, wählt die Arbeiten aus der Paris Bar und aus seiner Wohnung aus, und bestimmt die Hängung. Dazu will er aus der Haubrok-Sammlung einige Arbeiten aussuchen, die in seine Welt passen. Lesen wird er bei der Eröffnung, unter einer Lampe von Jorge Pardo. Und der Film, in dem er mitspielt, wird noch zu einem Trailer geschnitten, der gezeigt wird. So viel ist sicher: Es wird eine chaotische und wunderbare Ausstellung werden.

Und in der Paris Bar? Nackte Wänden mit der trockenen Konzeptkunst des US-Amerikaners Williams. Haubrok hängt zwei "Afri-Cola Ashtray"-Fotos von 2006, natürlich in die illegale Raucherecke. Vor die Toiletten kommt "Meiko Smiling", das Foto einer Frau mit gewickeltem Handtuchturban, es gibt Fotos eines Fotoapparats und "Untitled", eine Aufnahme von grün-weißen Streifenbalken. "Natürlich ist das auch ein Test für Christopher Williams", sagt Haubrok.

Ob das funktionieren wird? Kommen die Leute, auch wenn ihre gewohnte Paris Bar nicht wiederzuerkennen ist? Helfen würde: erst in die Haubrokshows, dann in die Paris Bar. Und dort viel trinken. Und am 21. Oktober wiederkommen, dann wird alles wieder beim Alten sein.


Paris Bar: Rochade - Christopher Williams au Paris Bar. Berlin. Paris Bar. und
Charade - Haubrok shows Michel Würthle and his Artistfriends. Berlin. Haubrokshows. Beide 8.9.-20.10.

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