Cindy aus Marzahn Hartz VIII im Comedy-Himmel

Nicht alles aus dem Osten ist schlecht: Cindy aus Marzahn zum Beispiel ist richtig gut - obwohl sie weder Cindy heißt noch aus Marzahn kommt. Mit Leggins Größe 60 und reichlich Mut zur Hässlichkeit ist sie zu einer Comedy-Ikone geworden, die selbst Hella von Sinnen in den Schatten stellt.

Von Henryk M. Broder


Cindy - das ist nur der Nom de guerre, den sich Ilka Bessin zugelegt hat, als sie 2004 beschloss, Künstlerin zu werden. Ilka aus Luckenwalde wäre auch nicht schlecht gewesen.

Dort wurde Cindy mitten in der DDR geboren, dort ist sie zur Schule gegangen, und dort hat sie in einem VEB Köchin gelernt, obwohl sie lieber Clown geworden wäre. Das mit dem Clown steht in ihrer Biografie, wie bei einem Astronauten drin steht, dass er gerne Lokführer geworden wäre.

Und es passt gut, denn Ilka beziehungsweise Cindy ist heute ein Star im deutschen Comedy-Himmel, wo der Platz langsam knapp wird, weil viele, die als Eventmanager oder Insolvenzverwalter gescheitert sind, unbedingt Comedian werden wollen, um so ihre Erfahrungen als Eventmanager und Insolvenzverwalter zu verarbeiten.

Auch Cindy aus Marzahn hat Einschlägiges hinter sich. Sie hat außer Köchin auch Hotelfachfrau gelernt, in einer "Baggerdisco" gearbeitet, auf einem Kreuzfahrtschiff als Animateurin herumgekaspert und mehr als drei Jahre von Hartz IV gelebt, bevor sie mit einer Langzeitarbeitslosen-Nummer einen Talentwettbewerb gewann. Das war 2005.

Heute steht sie auf der Bühne und sagt: "Ich bekomme Hartz VIII" - kurze Pause - "zweimal Hartz IV und Kindergeld". Worauf die Leute vor Lachen von den Sitzen fallen. Cindy verzieht keine Miene und legt nach: "Ich hab keine Arbeit, ich sehe einfach zu gut aus."

Verglichen mit Cindy aus Marzahn ist Gaby Köster ein schüchternes Sensibelchen und Hella von Sinnen ein zierliches Gewächs. Cindy ist der Trecker unter den Rasenmähern. Einen Meter und neunzig Zentimeter groß, mindestens einhundert Kilo schwer und von einer Figur, die jeden an Obelix in seinen besten Tagen erinnert. Oder an Fossibär aus der Muppet-Show.

Käme sie auf die Idee, bei DSDS anzutreten, würde es sogar Dieter Bohlen die Sprache verschlagen. Als Kostprobe hat sie ein kleines Video produziert, in dem sie sich bei Heidi Klum als "Germany’s Next Topmodel" bewirbt. Seitdem ist klar: Cindy hat nicht nur Chuzpe, sie hat auch einen Mut zur Hässlichkeit, der ihr einen Ehrenplatz in der Hall of Fame der Kleinkunst garantiert. Wo andere sich nicht einmal zum Einkaufen bei Lidl aus dem Plattenbau trauen würden, da tritt sie die Flucht nach vorne an, mitten ins Rampenlicht.

Grell geschminkt steht die da, in Leggins der Konfektionsgröße 60 und einem zu kurzen Oberteil, das den Blick auf ihren Bauchnabel freigibt. Ein Alptraum für jeden "Gala"-Leser, eine Horror-Vision für alle Weight Watchers. Und sagt dazu Sätze wie: "Morgens um halb acht überleg ich, ob ich mir Kaffee koche oder am Geschlechtsteil spiele." Und wenn sie erst mittags aufwacht, ärgert sie sich, dass "nur Scheiße im Fernsehen" läuft.

Das ist nur bedingt witzig, aber es ist ihre Welt. Und die Welt ihrer Fans. Cindy aus Marzahn ist die Humor-Königin des Prekariats, das nicht befreit, sondern nur unterhalten werden will. Revolution war gestern. Comedy ist heute. Lacht kaputt, was euch kaputt macht!



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Seite 1
DJ Doena 06.11.2008
1.
Ich hab das Gefühl, Frauen können nur Homor oder Pointen die sich irgendwie auf ihr Frausein beziehen. Sprich, sie schlüpfen in andere Frauenklischees und/oder sie scherzen über andere Frauenklischees. Ergänzen bzw. alternativ dazu geht es um ihr Verhältnis zu den Männern. Männliche Comedians können (ich behaupte nicht dass es alle könnten oder auch machen würden) auch mal ein Programm hochziehen, dass sich nicht um sie in ihrer Rolle als Mann dreht, sondern um eher allgemeine Themen. Mittermeiers "Zapped" fällt mir da ad hoc ein und auch viele Sketche von Dieter Nuhr sind "geschlechtsneutral".
DJ Doena 06.11.2008
2.
Zitat von DJ DoenaIch hab das Gefühl, Frauen können nur Homor oder Pointen die sich irgendwie auf ihr Frausein beziehen. Sprich, sie schlüpfen in andere Frauenklischees und/oder sie scherzen über andere Frauenklischees. Ergänzen bzw. alternativ dazu geht es um ihr Verhältnis zu den Männern. Männliche Comedians können (ich behaupte nicht dass es alle könnten oder auch machen würden) auch mal ein Programm hochziehen, dass sich nicht um sie in ihrer Rolle als Mann dreht, sondern um eher allgemeine Themen. Mittermeiers "Zapped" fällt mir da ad hoc ein und auch viele Sketche von Dieter Nuhr sind "geschlechtsneutral".
Jetzt hab ich mein eigentliches Fazit vergessen: Sketche oder Comedy über Geschlechterklischees finde ich nicht besonders interessant, weshalb ich auch die Faszination für Mario Barth nicht so recht nachvollziehen kann. Und aus dem Grund finde ich auch wenige "Comedianinnens" lustig.
Niobe, 06.11.2008
3.
Zitat von DJ DoenaIch hab das Gefühl, Frauen können nur Homor oder Pointen die sich irgendwie auf ihr Frausein beziehen. Sprich, sie schlüpfen in andere Frauenklischees und/oder sie scherzen über andere Frauenklischees. Ergänzen bzw. alternativ dazu geht es um ihr Verhältnis zu den Männern. Männliche Comedians können (ich behaupte nicht dass es alle könnten oder auch machen würden) auch mal ein Programm hochziehen, dass sich nicht um sie in ihrer Rolle als Mann dreht, sondern um eher allgemeine Themen. Mittermeiers "Zapped" fällt mir da ad hoc ein und auch viele Sketche von Dieter Nuhr sind "geschlechtsneutral".
Wobei ich Dieter Nuhr eigentlich zu den Kabarettisten zähle, nicht zu der Comedy-Ecke.
DJ Doena 06.11.2008
4.
Zitat von NiobeWobei ich Dieter Nuhr eigentlich zu den Kabarettisten zähle, nicht zu der Comedy-Ecke.
Prinzipiell gebe ich ihnen recht, nur kenne ich da die "offiziellen" Begriffsabgrenzungen nicht, was denn ein deutscher (Spiegel Online-)Journalist unter einem Comedian und was unter einem "Comedian" und unter einem "Kabarettisten" versteht.
sganarelle 06.11.2008
5.
Beim Thema "witzige Frauen" fallen mir im Moment zwei Schauspielerinnen ein, die aber nicht zur "Comedy"-Szene gehören. Der ARD-Tatort aus Münster ist generell auf Witz und Schlagfertigkeit aufgebaut, und ich finde die beiden männlichen Hauptdarsteller ebenso hinreißend wie die beiden weiblichen: ChrisTine Urspruch in der Rolle der Gerichtspathologin "Alberich" sowie Mechthild Großmann (nomen est omen) in der Rolle der "mannweiblichen" Staatsanwältin. Gut, die Serie mag nicht sehr tiefsinnig sein, aber ich liege immer am Boden vor Lachen, wenn die beiden auftauchen mit ihrem Sinn für Komik und Selbstironie. Was mir daran so gefällt, ist sicherlich nicht zuletzt die Tatsache, dass man über sich selbst und die eigenen "Dusseligkeiten" lachen kann, ohne lächerlich zu sein - selbst als Frau!
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