Bernard-Henri Lévy über Claude Lanzmann Ein Dichter und ein Held

Zum Tod von Claude Lanzmann hat der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy eine bewegende Rede gehalten. SPIEGEL ONLINE dokumentiert.

Bernard Henri-Levy
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Zum Autor
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    Bernard-Henri Lévy, Jahrgang 1948, ist einer der führenden französischen Intellektuellen. Der Journalist und Philosoph wurde in Algerien als Sohn eines wohlhabenden Unternehmers geboren. Er reiste als Kriegsberichterstatter in viele Krisengebiete und gründete in den Siebzigerjahren die Gruppe Nouvelle Philosophie.

"Und ich habe zweimal siegreich den Acheron überquert" - In dieser Zeile des Dichters Gérard de Nerval ist Claude Lanzmann so treffend beschrieben wie nur wenige andere. Denn wenn es einen unter den Überlebenden gab, der wirklich in die Hölle zurückgekehrt ist, dann ist es der Autor von "Shoah". Wenn es einen Orpheus gab, der den Fluss überquert hat, um seine Eurydike in stets wechselnder Gestalt zurückzuholen, dann ist es dieser wütende und doch scheue Mann, der aus dem Staub der Krematorien jene heiligen Überreste bergen wollte, die Namen und Stimmen all derer, die die Nazis in einer einzigen Wolke aufgehen lassen wollten. Claude Lanzmann war, wie Orpheus, ein Dichter. Ein wilder Dichter, dessen Verse in Bildern von Schienen geschrieben sind, von Wäldern, die aus Schweigen bestehen und aus Namen. Wer ihn kannte, mochte, sich mit ihm überwarf, dann wieder vertrug, sah darin, dass er eben ein Dichter war, seine wahre Größe.

Claude Lanzmann
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Claude Lanzmann

Nun waren auch andere Cineasten Dichter, aber sie folgten einer Tradition, wie Vergil den Spuren Homers folgte. Claude aber, und das ist eines der Wunder seines verblüffenden Lebens, fand seinen Weg erst spät, nachdem er lange, sehr lange sogar, auf den Feldwegen einer minderen Kunst, dem Journalismus, unterwegs war. Was ist also geschehen, damit dieser begabte Autor von Porträts, von Kommentaren, der enge Freund von Sartre, zum großen Kopfsprung ins schwarze Wasser des absoluten Verbrechens ansetzte? Woher nahm er, der als junger Mann der Liebhaber von Simone de Beauvoir, der großen Dame des Feminismus war, die Entschlossenheit, seine zweite Lebenshälfte und ohne je nachzulassen, der Erkundung des Archipels der Vernichtungslager zu widmen? Das ist sein Geheimnis geblieben. Mangels einer besseren Erklärung mag man annehmen, dass ihn der Blick in den Abgrund fasziniert und nicht losgelassen hat.

Claude Lanzmann 1967 mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre
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Claude Lanzmann 1967 mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre

Abschied vom defensiven Juden

Ein anderer Aspekt seines Genies lag darin, seine Begeisterung für die aus dem Reich der Toten zurückgekehrten Juden und für den Judenstaat überall hinaus zu posaunen, auch dort, wo man solche Begeisterung feindselig aufnahm. Bedenken Sie, dass Lanzmann seine Unterstützung der Befreiung Algeriens nie bereut hat, auch dann nicht, als der junge nordafrikanische Staat sich gegen Israel wandte. Lanzmann, stellen Sie sich das vor, bewunderte Ben Gurion und Menachem Begin, aber bis zum Schluss auch Frantz Fanon, dessen Werk, wie Lanzmann genau wusste, den ärgsten Feinden Israels intellektuelle Munition liefert. Und in welche Verlegenheit brachte Lanzmann all seine antikolonialistischen und fortschrittlichen Freunde, als er mit "Tsahal" einen Film über die siegreiche israelische Armee machte. Er zeigte eine Befreiungsarmee, die er in einer siegreichen Tradition jüdischer Krieger sah, eine Armee, die eben nicht ist wie alle anderen.

Ihm, der als junger Mann im Widerstand kämpfte, war es wichtig zu zeigen, dass ein Krieg auch gerecht sein kann und dass die Juden das Recht haben, sich zu verteidigen und wehrhaft zu leben. So wie er selbst nach dem Krieg durch das Denken Sartres zum Leben und zum Lebensmut zurückfand, so bekräftigte sein Film für eine jüngere Generation von Juden den Stolz, die Würde, und den Ruhm, Jude zu sein.

Schon die Darstellung der Henker in "Shoah", die Befragung der schrecklichen alten Männer, war eine Art Revanche, ein Widerspruch gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus - die Filme über die israelische Armee und den jüdischen Widerstand verstärkten ihn. Dann folgte das großartige, triumphal aufgenommene Memoirenwerk, der "patagonische Hase", in dem Lanzmann sein Leben als affirmatives, großzügiges Abenteuer schildert. Damit hatte sich Lanzmann von der Figur des gedemütigten, defensiven Juden verabschiedet, er erfand den selbstbewussten, den feurigen Juden.

Trauerzeremonie für Claude Lanzmann
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Trauerzeremonie für Claude Lanzmann

Darum passt es, dass wir Lanzmann heute im Hof des Invalidendoms mit militärischen Ehren verbschieden, bevor er auf dem Friedhof Montparnasse, unweit des Grabs von Sartre und Simone de Beauvoir, in einer Familiengruft an der Seite seiner Mutter, seiner Geschwister und seines unglücklichen Sohnes zur Ruhe kommt. Denn er war ein Dichter, aber auch ein Held, ein Kämpfer. Es gab für ihn in der ganzen Weltgeschichte keine edlere Gesellschaft als die Generäle der französischen Revolutionsarmeen, als die Männer der Résistance. Dieser Halt, heute, in diesem Hof und im Schatten dieser Helden, war, so sagte es mir seine Witwe Dominique, "sein Traum". Und die Republik hat verstanden, dass sie dem Mann, dem Dichter und Held, der den Toten von Minsk, Lvov, Warschau, Lodz und so vielen anderen Orten, eine Stimme und einen Namen gab, nicht weniger als diese Ehre schuldete. Salut, Claude.

Aus dem Französischen von Nils Minkmar



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Seite 1
gfigenwald 17.07.2018
1. Bhl
Ich frage mich immer wieder, als Französin, wieso man hier in Deutschland immer wieder die Meinung von diesem Herrn als so wichtig darstellt. Für mich ist ein Pilosoph etwas ganz anderes als BHL. Dieser Mann hat immer eine Meinungcüber alles, vor allem wenn es um jüdische Angelegenheit geht. Keine Spur von Neutralität z.B....Er ist in Frankreich als ein "people" angesehen, d.h. jemand, der sich sehr gerne fotografieren lässt, auch mal was Gutes tut, aber vor Allem sich selbst inszeniert ...und sehr viel vo sich selbst hält....
Proserpin de Grace 17.07.2018
2. Snack
Zitat von gfigenwaldIch frage mich immer wieder, als Französin, wieso man hier in Deutschland immer wieder die Meinung von diesem Herrn als so wichtig darstellt. Für mich ist ein Pilosoph etwas ganz anderes als BHL. Dieser Mann hat immer eine Meinungcüber alles, vor allem wenn es um jüdische Angelegenheit geht. Keine Spur von Neutralität z.B....Er ist in Frankreich als ein "people" angesehen, d.h. jemand, der sich sehr gerne fotografieren lässt, auch mal was Gutes tut, aber vor Allem sich selbst inszeniert ...und sehr viel vo sich selbst hält....
Ach, wissen Sie, wir haben es unseren Eliten nicht gegönnt, in den Elfenbeintürmen zu verbleiben. Zur Strafe für ihre Überlegenheit müssen sie nun in den Medien antichambrieren, um ihr bitteres Brot zu essen. Es ist unsere momentane Zivilisation, die den Geist erniedrigt zu konsumierbaren Snacks. BHL hört sich ja bereits nach einer Burgerkreation an. | Lanzmann ist einzureihen in die großen Bestatter, die dafür Sorge trugen, dass die Millionen von Toten ein Gedächtnis erhielten, worin sie bestattet werden konnten. Sie sind nicht Luft geworden wie ihre Leiber.
jutta_weise 17.07.2018
3. Exactement Madame, mais.......
Zitat von gfigenwaldIch frage mich immer wieder, als Französin, wieso man hier in Deutschland immer wieder die Meinung von diesem Herrn als so wichtig darstellt. Für mich ist ein Pilosoph etwas ganz anderes als BHL. Dieser Mann hat immer eine Meinungcüber alles, vor allem wenn es um jüdische Angelegenheit geht. Keine Spur von Neutralität z.B....Er ist in Frankreich als ein "people" angesehen, d.h. jemand, der sich sehr gerne fotografieren lässt, auch mal was Gutes tut, aber vor Allem sich selbst inszeniert ...und sehr viel vo sich selbst hält....
er ist hier nicht sehr bekannt und der SPIEGEL weiß sicher auch nichts von seinen Verbandelungen mit der Politik Frankreichs (Sarkozy und der Libyenkrieg). Mir bleibt er im Gedächtnis als ein Lügner, der sich vor Trümmern fotografieren ließ, mit der Andeutung er wäre in Krisengebieten in humanitärer Mission unterwegs, nur dass danach das Foto als Fälschung entlarvt wurde, welches in einem Studio aufgenommen wurde. BHL vor einem handgemachten Trümmerhaufen! Ein Philosoph? Mon œil......
jutta_weise 17.07.2018
4. Seine Verbindung zu Sarkozy und Libyen
Zitat von jutta_weiseer ist hier nicht sehr bekannt und der SPIEGEL weiß sicher auch nichts von seinen Verbandelungen mit der Politik Frankreichs (Sarkozy und der Libyenkrieg). Mir bleibt er im Gedächtnis als ein Lügner, der sich vor Trümmern fotografieren ließ, mit der Andeutung er wäre in Krisengebieten in humanitärer Mission unterwegs, nur dass danach das Foto als Fälschung entlarvt wurde, welches in einem Studio aufgenommen wurde. BHL vor einem handgemachten Trümmerhaufen! Ein Philosoph? Mon œil......
https://24heuresactu.com/2017/11/21/la-libye-dit-merci-a-bernard-henri-levy/
hugahuga 19.07.2018
5.
Zitat von jutta_weiseer ist hier nicht sehr bekannt und der SPIEGEL weiß sicher auch nichts von seinen Verbandelungen mit der Politik Frankreichs (Sarkozy und der Libyenkrieg). Mir bleibt er im Gedächtnis als ein Lügner, der sich vor Trümmern fotografieren ließ, mit der Andeutung er wäre in Krisengebieten in humanitärer Mission unterwegs, nur dass danach das Foto als Fälschung entlarvt wurde, welches in einem Studio aufgenommen wurde. BHL vor einem handgemachten Trümmerhaufen! Ein Philosoph? Mon œil......
Wer eigentlich wundert sich noch darüber? Allen Ernstes wird BHL als "Philosoph" bezeichnet und Herr Soros läuft in unseren Medien als "Philantrop". Das allerdings zeigt nur, dass die Medien bei uns versuchen, dem normalen Bürger gewisse Begrifflichkeiten als "gegeben und unverrückbar" einzuhämmern. Und das ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt. Das allerdings trägt dann nicht gerade zu deren Glaubwürdigkeit bei.
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