"Shoah"-Regisseur Claude Lanzmann ist tot

Er arbeitete mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, berühmt wurde Claude Lanzmann mit einem neunstündigen Dokumentarfilm: Für "Shoah" interviewte er Überlebende des Holocaust. Nun ist er gestorben.

Claude Lanzmann
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Claude Lanzmann


Der französische Regisseur und Autor Claude Lanzmann ist tot. Er verstarb mit 92 Jahren in Paris. Das bestätigte seine Frau am Donnerstag. Sein Film "Shoah" über den Völkermord an den europäischen Juden hatte Lanzmann weltberühmt gemacht.

Der Sohn eines Dekorateurs und einer Antiquitätenhändlerin erlebte in seiner Jugend den zunehmenden Antisemitismus am eigenen Leib - seine Großeltern waren als jüdische Immigranten aus Osteuropa nach Frankreich eingewandert. Als 18-Jähriger schloss sich Lanzmann 1943 der Résistance an und beteiligte sich an mehreren Partisanenkämpfen.

Nach dem Krieg ging Lanzmann ausgerechnet nach Deutschland, er studierte Philosophie in Tübingen und arbeitete als Lektor an der Freien Universität Berlin. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich schrieb er für die Tageszeitung "Le Monde" eine Artikelserie über das geteilte Deutschland.

Grundlegende filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust

Daraufhin lud ihn der existenzialistische Philosoph Jean-Paul Sartre zur Zusammenarbeit ein. Bald zählte Lanzmann zum engen Freundeskreis von Sartre und dessen Lebensgefährtin Simone de Beauvoir und gehörte zum Redaktionskollektiv von deren Zeitschrift "Les Temps Modernes".

Lanzmann bezog immer deutlich Stellung: Er organisierte Proteste gegen die Repressionen der französischen Besatzungsmacht während des Algerienkriegs und stellte sich nach der Besetzung von Palästinensergebieten nach dem Sechstagekrieg auf die Seite der israelischen Juden.

Ende der Sechzigerjahre begann Lanzmann, sich intensiv mit dem Holocaust zu beschäftigen. Die Folge war eine Filmtrilogie, deren zweiter Teil ihn weltberühmt machte: "Shoah". Der neunstündige Film gilt als bis heute gültige, grundlegende filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Zeitzeugen kommen zu Wort

Der Film machte das hebräische Wort für "Katastrophe, Vernichtung" auch in anderen Sprachen zum Synonym für den Völkermord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden. Zwölf Jahre lang recherchierte Lanzmann für das Mammutwerk, 350 Interviewstunden mit Opfern, Tätern und Beobachtern kamen zustande. Lanzmann verzichtete vollständig auf Archivmaterial, er ließ nur Zeitzeugen zu Wort kommen.

Später legte Claude Lanzmann weitere Filme über den Holocaust nach, darunter 2001 "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr" über einen Aufstand im Konzentrationslager Sobibor. 2013 folgte "Der letzte der Ungerechten" über den österreichischen Rabbiner Benjamin Murmelstein und zuletzt "Vier Schwestern" (2017) mit Material, das Lanzmann für "Shoah" nicht verwendet hatte.

"Mein Film soll ein Grabmal für die Ermordeten sein, das sie in der Wirklichkeit nie bekamen", sagte Lanzmann in einem Gespräch mit dem SPIEGEL über "Shoah". Und: "Ich denke ständig an den Tod, auch an meinen eigenen. Zugleich bleibt das alles völlig unwirklich. (...) Nur das Leben zählt."

kae



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