Architekt Claude Parent gestorben Die Kirche als Bunker

In Mauern sah er den Inbegriff des Schönen und für das Schiefe schrieb er eine Kampfschrift. Nun ist der französische Architekt Claude Parent gestorben. Er wurde 93 Jahre alt.

DPA

Die französische Kulturministerin Audrey Azoulay ließ es sich nicht nehmen, zu kondolieren: Claude Parent habe mit seiner Architektur die Art und Weise verändert, mit der wir einen Ort bewohnen, schrieb sie und erinnerte an einen "freien und kühnen Mann".

Das war Claude Parent, der am Sonntag im Alter von 93 Jahren in Neuilly-sur-Seine gestorben ist, tatsächlich. Parent war einer der konsequentesten Vertreter des Ultramodernismus. Als Schüler des legendären Schweizer Baumeisters Le Corbusier baute er zunächst moderne Bungalows für wohlhabende Kunden - in denen er mal eine Art auf die Spitze gestellten Würfel integrierte oder das Dach in einer Wellenform aus Beton gestaltete.

Gemeinsam mit dem Philosophen Paul Virilio machte Parent in den Sechzigerjahren eine Reise, die seine Sichtweise auf die Architektur weiter radikalisierte. Virilio war lange schon fasziniert von Bunkern. Die Weltkriegsbunker, die die beiden an der französischen Atlantikküste besichtigten, waren über die Jahre abgerutscht. In ihrem Inneren standen sie in Räumen, "in denen die Begriffe 'Decke', 'Wand' oder 'Boden' keine Bedeutung mehr hatten", wie es der "FAZ"-Autor Niklas Maak einmal beschrieb.

Eine direkte Folge war, dass Parent und Virilio gemeinsam in Nevers eine Kirche entwarfen, deren Äußeres deutlich an einen Bunker erinnerte. In ihrem Inneren saßen die Kirchgänger auf zwei schiefen Ebenen. 1970 veröffentlichte Parent das Manifest dazu: "Vivre à l'Oblique", Leben im Schrägen also. Eine der konsequentesten Umsetzungen bildet Parents Supermarktbau in der französischen Stadt Sens.

Claude Parent, der ein leidenschaftlicher Sportwagenfahrer war, baute in den Siebzigerjahren für die staatlichen französischen Elektrizitätswerke Atomkraftwerksbauten. Es passte zu seiner fortschrittsgläubigen Weltsicht, brachte ihm aber einige Kritik ein.

Über Jahre war Parent nahezu vergessen, sein Einfluss fand sich aber durchaus wieder in Werken wie dem des Architekten und Pritzker-Preisträgers Jean Nouvel, der über Claude Parent einmal sagte, der habe "alles Hübsche gehasst". Erst 2010 gab es in Paris eine große Werkschau des Architekten, der seither als visionärer Vertreter der utopischen Moderne gewürdigt wird.

feb

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