Kleber gegen Furtwängler Will der Feminismus uns alle umerziehen?

Es muss normal werden, dass Frauen die Hälfte der wichtigen Jobs machen. Spricht jemand diesen Wunsch nach Veränderung an, wird der Person sofort unterstellt, sie wolle die Gesellschaft dogmatisch umerziehen. Im Jahr 2017 - wirklich?

Moderator Kleber, Schauspielerin Furtwängler
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Moderator Kleber, Schauspielerin Furtwängler

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Im deutschen Film und Fernsehen haben Männer doppelt so oft Hauptrollen wie Frauen. Wenn Frauen vorkommen, dann hauptsächlich als junge Frauen unter 30. Im Kinderprogramm ist nur eine von vier Hauptfiguren weiblich. Das sind Beispiele für Ergebnisse einer senderübergreifenden Studie, die letzte Woche vorgestellt wurde. So weit, so wenig überraschend und natürlich trotzdem falsch. Würde irgendjemand auf der Welt denken, "Ja, fein, wenn die Rollen so ungleich verteilt sind, dann wird das schon seine Gründe haben, und wir lassen das jetzt einfach so"?

Ja. Zumindest legt das ein Interview nahe, das der Moderator Claus Kleber mit der Schauspielerin Maria Furtwängler geführt hat. Furtwängler hat mit ihrer Stiftung MaLisa besagte Studie initiiert: eine Auswertung von über 3.500 Stunden Fernsehprogramm und über 800 deutschsprachigen Kinofilmen. Im "heute-journal" stellte Kleber dazu ein paar Fragen an Furtwängler, die einerseits ins Genre "kritische Nachfragen" fallen, aber auch ins Genre "Panik vor Feministinnen" - ein Interview, bei dem die Fragen eigentlich spannender sind als die Antworten.

Kleber fragt Furtwängler zunächst: "Wozu brauchen Sie Zahlen aus dieser Analyse, oder haben Sie eine Agenda damit?" (Furtwängler, sinngemäß: Na ja, Zahlen sind schon wichtig, hm?) Dann fragt er, ob Hollywood und die deutschen Fernsehsender nicht eigentlich schon sehr gut wissen, was das Publikum sehen will ("die haben ein ganz feines Gefühl dafür"), und ob Furtwängler mit ihrer Studie da nicht gegen die Wünsche der Leute arbeitet: "Das heißt, was Sie wollen, ist eigentlich das Publikum umerziehen?" Und später noch einmal: "Geht's in der Fiktion nicht auch darum, eine Traumwelt zu zeigen [...] und Sie wollen das jetzt mit so einer Geschlechterproporzgeschichte überziehen und geraderücken?"

Ja, gute Frage. Also, nein, nicht besonders gute Frage, aber interessant: Wollen Feministinnen die Leute umerziehen? (Und Traumwelten zerstören!) Die Formulierung ist zumindest mal bemerkenswert, zum einen weil "Umerziehung", auf eine Gesellschaft bezogen, ein Begriff ist, der sich in rechten Kontexten findet, wenn es darum geht, linke oder vermeintlich linke Politik zu diskreditieren. Und zum anderen, weil derjenige, der von "Umerziehung" spricht, statt zum Beispiel einfach von Veränderung, sich in ein pädagogisches Verhältnis setzt - warum? Weil er ahnt, dass er keine Ahnung hat? Just asking.

Maria Furtwängler (Lesen Sie auch ein SPIEGEL-Gespräch mit der "Tatort"-Kommissarin) antwortet Claus Kleber, sie würde sich nicht anmaßen irgendjemanden umzuerziehen, und das würde ich in so einem Interview wohl auch sagen. Aber sobald man das Wort "umerziehen" ersetzt durch "verändern", und fragt, "Wollen Sie, mit dem, was Sie da veranstalten, etwas verändern?" - oder das Wort "Agenda" durch "Haben Sie eine Ahnung, dass hier im Moment was schiefläuft?" -, müsste man wohl mit ziemlich guten Gründen antworten: um Himmels Willen, natürlich!

Weil es... ein Mann gesagt hat

Umerziehen wollen Feministinnen die Leute nur in dem Sinne, ihnen zu zeigen, dass die jetzige Welt nicht alternativlos ist. Will die BBC die Leute gehirnwaschen, indem sie eine weibliche Doctor Who besetzen - oder wollen sie einfach zeigen: "Guckt mal, das geht auch"?" Natürlich haben die Leute die männlichen Doctor Whos bisher allesamt akzeptiert, es gab ja keine anderen. Die Leute haben auch in ihren Häusern Asbest verbaut, als sie noch keine Ahnung hatten, wie gefährlich das ist.

Es muss einfach normal werden, dass Frauen die Hälfte der wichtigen Jobs machen, das ist eigentlich nicht so kompliziert. Im Moment ist es so, dass Männer, die man nach ihren Vorbildern fragt, fast immer andere Männer nennen. Das ist kein Wunder, aber auch schade. Warum nicht mal eine Frau? Ist das unangenehm? "Es ist absolut unglaublich, welchen Einfluss Identifikationsfiguren haben", schrieb die Autorin Julia Bähr in ihrem Blog, nachdem sie den Wonder-Woman-Film gesehen hatte. "Es ist viel leichter, sich in einer Position zu sehen, in der schon jemand ist, der einem ähnelt. Das bezieht sich auf Alter, Bildungsgrad - und eben auch aufs Geschlecht. Deshalb gehen Männer durch eine Welt voller mächtiger Männer und gehen davon aus, dass auch sie zur Macht grundsätzlich befugt sind."

Dabei haben Männer durchaus große Chancen, auch wenn der Feminismus stärker wird, noch glanzvolle Rollen abzukriegen. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat nach seinem Amtsantritt sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt und wurde gefragt, warum. Darauf antwortete er: "Because it's 2015."

Seitdem war ich schon auf einer Bundesfrauenkonferenz der Grünen, die "Because it's 2016!" hieß und gestern auf einer Veranstaltung im Kanzleramt, wo Kulturstaatsministerin Grütters eine Initiative für Frauen in Kultur und Medien vorstellte, Motto: "Weil es 2017 ist... !" Die Wahrscheinlichkeit, jahrelang abgefeiert zu werden, wenn man als Mann einmal etwas Feministisches sagt, ist nicht gerade gering, nein, ich würde sogar sagen: Sie ist absurd hoch.

Es gilt einfach immer noch viel, wenn ein Mann etwas sagt. In dem zitierten Interview erzählt Claus Kleber noch Folgendes: "Bei den Sprecherstimmen, da höre ich auch von vielen Frauen: Ich höre eine Dokumentation lieber mit 'ner Männerstimme erklärt als mit 'ner Frauenstimme. Das ist eine... wahrscheinlich ist das ja anerzogen, und Sie wollen jetzt umerziehen, ist das so?"

Ich würde das gar nicht wegreden wollen, mir fällt dazu nur eine Anekdote aus einem Buch ein. In Maggie Nelsons "The Argonauts" erzählt die Hauptfigur von ihrer Mutter, die ihr beim Fernsehen manchmal sagte, sie solle umschalten zu einem Wetterbericht mit männlichem Ansager: Die hätten meistens die genauere Vorhersage. Die Erzählerin sagt dann, Mutter, die lesen das vom Papier ab! "Es ist nur so ein Gefühl", sagt die Mutter, und das ist auch nur einer dieser vielen Fälle, wo ein paar Zahlen vielleicht ganz gut helfen würden.

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Seite 1
Schmitz3. 18.07.2017
1. "Es muss normal werden.....
... dass Frauen die Hälfte der wichtigen(!) Jobs machen." Bei den unwichtigen Jobs ist das egal ?! Tsss.! Ein Schelm, wer Stokowski dabei denkt.
marcus_71 18.07.2017
2. Vielen Dank
Tolle Kolumne, bitte mehr davon.
trackingerror 18.07.2017
3.
Klare Frage, klare Antwort: JA!
jakam 18.07.2017
4.
Gut die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich, das sollte sich auch in der Medienpräsenz spiegeln. Bei Beförderungen. In Filmen. Beim Gehalt. Im Leben generell. Wieso? Weil alles anders Dargestellte an der Realität vorbeirauscht.
diestudentin123 18.07.2017
5. Tolle Kollumne
Danke Frau Stokowski für diesen Beitrag. sie benennen die absurde Angst mancher Männer genau richtig
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