Intendant Claus Peymann "Ich versteh mich nicht als Feudalherr. Ich bin aufgeklärter Monarch"

Zur neuen Theatersaison fordern Schauspieler Mitbestimmung an Stadt- und Staatstheatern. Hier erklärt Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, warum er das für Quatsch hält.

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Ein Interview von


Zur Person
    Claus Peymann, geboren 1937, gilt als einer der wichtigsten deutschen Theaterintendanten und Regisseure. Er leitet seit 1999 das Berliner Ensemble und wird das Theater 2017 verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Peymann, Schauspielervertretungen wie das Ensemble Netzwerk und Art But Fair fordern ein Ende der angeblich feudalistischen Macht der Intendanten. Sie verlangen, dass Schauspieler bei der Intendantenkür, beim Engagieren von Regisseuren und bei der Verteilung von Rollen mitbestimmen dürfen. Was halten Sie davon?

Peymann: Ich staune, dass jede Generation wieder den gleichen Unsinn verzapft. Wir haben die Mitbestimmung im Theater vor mehr als 40 Jahren ausprobiert in der Berliner Schaubühne und in Frankfurt. Damals hat sich gezeigt, dass Kunst immer im Widerspruch steht zur Demokratie. Kunst ist immer eine Einzelentscheidung. Wenn Mitbestimmung bedeutet, dass das Ensemble beschließt, wer den Hamlet spielt, dann geht das total schief. Das Ensemble muss den Kompromiss suchen, der Einzelne kann radikal sein. Der Schauspieler wird von Peter Zadek oder Claus Peymann besetzt und muss sich durchsetzen. So ist das. Ich verstehe mich nicht als Feudalherr. Ich bin ein "aufgeklärter Monarch".

SPIEGEL ONLINE: Sie leiten seit 1999 und noch bis nächsten Herbst das Berliner Ensemble (BE) und gelten wie der Volksbühnen-Intendant Frank Castorf als autoritärer Theaterleiter, anders als die meisten Ihrer jüngeren, angeblich vergleichsweise sanften Kollegen. Erleben wir gerade den Abschied der letzten Theater-Patriarchen?

Peymann: Man muss die aktuellen Auseinandersetzungen um die Macht im Theater vor einem größeren Hintergrund, einem Gesamtpanorama sehen. Das Theater wird im Augenblick von zwei Seiten massiv bedroht. Die äußere Bedrohung kommt aus der Politik, die froh ist, wenn sie noch ein Theater schließen oder fusionieren kann, wie das in Rostock. Die innere Bedrohung kommt von Gewerkschaften und Betriebsräten und Interessenvertretungen wie Art But Fair, die sich den völlig verbeamteten Schauspieler wünschen. Einen, der stets geregelte Dienstzeiten hat, niemals zu Proben außer der Reihe antreten muss und in Kunstfragen mitentscheiden darf. In diesem Zusammenhang kommt es zu Diskussionen von vollkommener Absurdität, wie sie jetzt um die Intendanten geführt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was genau finden Sie absurd?

Peymann: Ich fände es okay, wenn die "Feudalherrendebatte" nur den Zweck hätte, den von mir sehr geschätzten Kollegen Frank Castorf und mich endgültig im Gulli zu versenken. Aber man versucht hier grundsätzlich abzuleugnen, dass man im Theater Menschen braucht, die Verantwortung übernehmen. Sehen Sie, Peter Stein und ich, Jürgen Schitthelm, Dieter Sturm und Botho Strauß, Jutta Lampe, Edith Clever und Bruno Ganz und all die anderen Schauspieler und Techniker, wir haben damals in der Schaubühne wirklich bis aufs Messer versucht, die Demokratie im Theater zu praktizieren. Aber in der Kunst kann man halt keine Kompromisse machen. Die Entscheidungen, die ein Regisseur oder ein Intendant trifft, die begründen seine Macht, sein Geheimnis, sein Genie. Man kann das Theater trotzdem und gerade deshalb als Familie begreifen. Ich tue das. Aber auch in der Familie muss immer einer entscheiden. Deshalb ist aus den Kindern von uns 68ern doch nichts geworden! Weil die Kinder dauernd selbst entscheiden sollten.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin protestieren derzeit die Schauspieler der Volksbühne und die Tänzer des Staatsballetts dagegen, dass man sie nicht gefragt hat, als man die Intendantenjobs in ihren Häusern an den künftigen Volksbühnenchef Chris Dercon und die künftige Staatsballett-Co-Chefin Sasha Waltz vergeben hat. Wie finden Sie den Vorschlag, dass wenigstens über die Berufung eines Intendanten nicht bloß Politiker entscheiden sollten, sondern auch die Mitarbeiter?

Peymann: Wenn Ensembles und Tänzer, die an einem Theater arbeiten, künftig ihre Chefs selbst wählen könnten, würde das künstlerisch in der Katastrophe enden. Die Berufung von Intendanten sollte die Sache kompetenter Menschen sein. In Berlin ist sie in den Händen von Leuten ohne jede Kenntnis. Sasha Waltz vertritt die Sparte des Tanztheaters, in der Nachfolge von Pina Bausch. Das Tanztheater halte ich für überschätzt, aber gut. Waltz ist auch eine Opernregisseurin. Dass sie eine klassische Ballett-Compagnie übernehmen soll, ist völliger Quatsch. Aber wenn demnächst das Publikum sogar auch noch bestimmen darf, wer der Chef eines Theaters ist: Dann bin ich sehr dafür! Dann könnte ich im BE noch bis zum Umfallen, wie Molière, viele Jahre Intendant bleiben, weil kein Theaterdirektor in Berlin so beliebt ist wie ich. (lacht) Natürlich nicht bei der Presse, die ist zu 95 Prozent gegen mich, anders als bei Castorf. Aber fürs Publikum bin ich der "Intendant der Herzen". (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Bisher darf jeder neue Theaterchef im deutschsprachigen Bühnenbetrieb sich vor Antritt seines Dienstes ein Team aus Schauspielern und Regisseuren zusammensuchen und die Darsteller des alten Ensembles fortschicken, indem er ihre Verträge auslaufen lässt. Interessenvertretungen wie das Ensemble Netzwerk verlangen, dass neue Intendanten weitgehend mit den vorhandenen Kräften arbeiten sollen - und Sie selbst fordern das neuerdings auch: Sie protestieren dagegen, dass Ihr Nachfolger Oliver Reese so gut wie niemanden aus ihrem Ensemble übernimmt, wenn er im Herbst 2017 im Berliner Ensemble neu beginnt. Warum?

Peymann: Weil Reese als neuer Intendant am BE von 35 Schauspielern offenbar 35 hinauswirft. Von 80 künstlerischen Verträgen will er 70 nicht verlängern. Das ist ein Zerstörungsschlag, den ich unerträglich und unzulässig finde. Im Vertrag des BE-Intendanten steht, dass er die Tradition dieses Hauses zu pflegen hat. Reese aber will es leer fegen, indem er sich über alle sozialen Standards hinwegsetzt und unsere tolle Truppe komplett aus dem Haus jagt. Natürlich darf ein Theaterdirektor, der ein neues Haus übernimmt, seine eigenen Schauspieler mitbringen und ein paar Leuten kündigen. Auch ich habe das einige Male getan. Im Wiener Burgtheater zum Beispiel, wo ich Klausjürgen Wussow in Pension geschickt habe, der nur noch in der "Schwarzwaldklinik" und nicht auf der Bühne gespielt hat. Aber ich habe im Burgtheater auch 80 von 120 Schauspielern behalten und eine ganze Reihe von Inszenierungen übernommen. Als ich das BE übernahm, war es zwar leer gefressen wie von Heuschrecken, aber ich habe große alte Schauspieler wie Carmen-Maja Antoni, Martin Seifert, Ruth Glöss, Stefan Lisewski… im Ensemble behalten und immer wieder Rentner wie George Tabori, Manfred Karge, Jürgen Holtz und Walter Schmidinger im Festengagement beschäftigt. Denn ich glaube daran, dass ältere Schauspieler ihr Wissen an die Jungen weitergeben müssen, im festen Verbund des Ensembles. Das ist die Tradition im BE und an allen ernstzunehmenden Theatern. Reese setzt in dem heute üblichen Jugendwahn, den ich als vollständige Perversität empfinde, nun alle vor die Tür. Er kann das, weil das Theater eine GmbH ist, und zwar seit Anfang der Neunzigerjahre, also schon lange vor Beginn meiner Direktion.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in bislang 17 Intendantenjahren an dieser GmbH-Konstruktion nie Anstoß genommen.

Peymann: Ja, weil sie viele Vorteile hat. Nur: Darf man deshalb zum Beispiel einen Schauspieler, der seit 18 Jahren hier ist, dessen Kinder schulpflichtig sind und dessen Frau arbeitslos ist, einfach ins Unglück schicken? Oder alle 65-Jährigen pauschal in den "wohlverdienten Ruhestand", um zu sparen? Natürlich nicht! Ich halte Reese für einen gescheiten, geschickten, klugen Dramaturgen und Manager. Aber es fehlt ihm das Menschliche, um das Familiäre des Theaters zu begreifen. Sein Schauspielerbild ist in Frankfurt zu besichtigen. Und ein Ensemble kann man sich nicht kunterbunt zusammenkaufen, sondern es braucht eine gemeinsame Idee. Die Vision des BE ist mehr als ein Stadttheater.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht komisch, dass Sie nun ausgerechnet die Berliner Kulturverantwortlichen, die sie sonst gern als Ahnungslose beschimpfen, etwa den Regierenden Bürgermeister Michael Müller und seinen Staatssekretär Tim Renner, um Beistand gegen Reeses Pläne bitten?

Peymann: Ich habe um einen Termin bei Müller gebeten, der wurde mir abgeschlagen, er hat offenbar Besseres zu tun. Ich habe immer gedacht, die Kulturpolitik in Wien sei der absolute Tiefpunkt. Jetzt sehe ich, dass es in Berlin noch schlimmer ist. In diese Stadt gehört ein Kultursenator. Einer, der sich für den Schutz der Künstler einsetzt, der Verantwortung übernimmt und die Kunst liebt. Vor Kurzem gab es ein Abendessen mit Müller, Renner und den ganzen Berliner Theaterdeppen, zu denen ich mich auch zähle. Ich war der einzige, der nicht Verständnis geheuchelt hat dafür, dass diese beiden in Berlin die Kulturpolitik bestimmen: Herr Müller, dieser Dilettant, und Herr Renner, dieser Ignorant. Der Müller ist nett, harmlos und immer fröhlich. Der Renner sein Smiley-Junge. Beide leider ahnungslos.

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Seite 1
maxxi12 27.09.2016
1. Die neuen Indentanten....
Herr Peymann hat recht. Es ist skandalös wie die "neuen" Indentanten mit großartigen, aber "leider" alten Schauspielern umgehen. Eine Carmen - Maja Antoni etwa ist nicht so leicht zu ersetzen... Und dazu die zu Recht als ahnungslos gescholtenen Politiker... es graust einem.
sonntag500 27.09.2016
2.
... und ein überschätzter und selbstherrlicher Dispot.
kingcole 27.09.2016
3. Wo der Mann recht, hat er recht.
Vor allem, ein neuer Intendant kann ja kaum alle Mitarbeiter ohne Rückendeckung des ihn einstellenden Politikers entlassen.
kingcole 27.09.2016
4. Wo der Mann recht, hat er recht.
Vor allem, ein neuer Intendant kann ja kaum alle Mitarbeiter ohne Rückendeckung des ihn einstellenden Politikers entlassen.
i.dietz 27.09.2016
5. die alten Männer
kann man doch nicht nach "Mitbestimmung" etc. befragen, die können dieses Wort doch noch nicht einmal buchstabieren !
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