Clemens-J.-Setz-Uraufführung Struwwelpeter 2.0

Literaturwunderkind Clemens J. Setz legt in Mannheim sein erstes Theaterstück vor: Ein starker Text über eine Familie, der das Unterscheidungsvermögen zwischen Wirklichkeit und Scripted Reality abhanden gekommen ist.

Christian Kleiner

Von Christine Wahl


Anton, ein lässiger Jeans- und Turnschuhträger aus dem Bobo-Milieu, vollstreckt an seiner Tochter Martina ein befremdliches Erziehungsprogramm. "Wer mit Essen herumwirft, der muss lernen, dass er's, ähhm, nie mehr machen wird", doziert er mit strafendem Blick auf das ungefähr siebenjährige Kind, das sichtlich verschüchtert am Küchentisch sitzt. Immer angestrengter starrt Martina auf ihren vollen Teller, versucht ab und zu erfolglos, einen Bissen herunterzuwürgen, bringt ihn sofort wieder heraus und entscheidet sich ansonsten für eine eiserne Schweigestrategie.

Anton kommt unterdessen immer mehr in Fahrt: Ihre wortkarge Verhandlungstaktik könne sie vielleicht bei den Vereinten Nationen anschlagen, bei ihm hingegen zögen solche Mätzchen nicht: "Du nimmst jetzt noch einen Bissen!"

Ein paar quälende Minuten und eloquente Autoritätsdemonstrationen später schickt er das Kind endlich in sein Zimmer. Kaum ist er allein, probiert er selbst vom Essen, verzieht angeekelt das Gesicht, spuckt den Bissen ebenfalls wieder aus - und holt aus der Ecke hinter dem Küchenschrank eine Kamera hervor.

Kinderbestrafung als Geschäftsmodell

Ja: Anton und seine Frau Karin haben ein einträgliches Geschäftsmodell entdeckt in Clemens J. Setz' Theaterstück "Vereinte Nationen", dessen Uraufführung Tim Egloff im Studio des Deutschen Nationaltheaters Mannheim inszeniert hat. Sie lassen jedesmal, wenn sie ihre Tochter maßregeln, eine Kamera mitlaufen und stellen die Clips später als Erziehungsratgeber ins Netz.

Antons Kumpel Oskar kümmert sich um Marketing und Kundenakquise. Und weil Martina, "die kleine Maus", so derart "süß" und authentisch ist in ihrer berechtigten Irritation über die elterlichen Erziehungsmaßnahmen, läuft das Business prächtig. Nach jedem Clip potenzieren sich die Vorbestellungen.

Statt sich mit "natural Szenen" zu begnügen, äußern die Kunden allerdings zunehmend auch eigene Wünsche. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Verbrennungsaktion des kompletten Spielzeugbestandes als Strafmaßnahme - vor den Augen des Kindes? "Das gibt den Leuten sehr viel", mutmaßt Oskar. "Es bewegt sie." Und eine Marktlücke ist es - was Wunder - allemal: "Nur neun Filme im ganzen letzten Jahr in dieser Kategorie." Da ließe sich richtig was rausholen!

Albtraum für Helikopter-Eltern?

Anton und Karin - der personifizierte Albtraum aller Prenzlauer-Berg- und anderweitigen Helikoptereltern des Universums? So leicht macht es sich - und uns - der als "Wunderkind" der Literaturszene gefeierte Clemens J. Setz nicht. Im Gegenteil: Genau wie in seinen Romanen, die es mehrfach auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schafften, oder in seinem Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes", für den der Autor 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, sind die Dinge auch in diesem Theaterstück überdurchschnittlich komplex.

Anton und Karin lieben ihre Tochter über alles. Sie albern ausgelassen mit ihr herum, lesen ihr fast jeden (Spielzeug-)Wunsch von den großen blauen Augen ab und haben durchaus verantwortungsbewusste Vorstellungen davon, wie sie Martina erziehungstechnisch "vorbereiten auf die Welt". Ihnen ist - und welchem Kind des Internetzeitalters ginge es da grundsätzlich anders - nur ein bisschen das Differenzierungsvermögen abhanden gekommen zwischen analoger und virtueller Welt, Privatheit und Öffentlichkeit, Realität und Performance.

Sind die Kundenwünsche nicht einfach nur Erziehungsanregungen von außen, über die es durchaus nachzudenken lohnt? So, als würde man einem Ratgeberbuch folgen? Und entscheidet man nicht immer noch selbst, wie weit man am Ende tatsächlich geht?

Ausgleichende Gendergerechtigkeit

Immer tiefer spinnt sich das Elternpaar ein in dieser Selbstrechtfertigungsschleife, wobei Anton - ein seltener Fall von ausgleichender Gendergerechtigkeit im Theater - der sensiblere Part ist: Immer öfter wird ihm übel bei den Scripted-Reality-Drehs aus dem Geiste der RTL-" Super Nanny". Er würde Martina am liebsten einweihen. Karin ist da wesentlich härter: Wenn sie von der Optimierung des künstlerischen "Produkts" spricht, das sie mit ihrer Familie auf allerhöchstem Niveau herzustellen meint, leuchten ihre Augen derart entrückt, dass man wirklich befürchten muss, sie glaubt sich das alles hundertfünfzigprozentig.

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"Vereinte Nationen": Erziehung als Reality-Show

Regisseur Egloff hat Setz' Text weitgehend schnörkellos und ungekürzt vom Blatt inszeniert. Wegen des Virtual-Reality-Feelings steckt er das Kind (Holly Bratek / Nina Gamet) bei den Drehs demonstrativ in eine gläserne Box. Die wiederum ist Bestandteil eines drehbaren Bühnenbildes, das erst die gesamte kleine Miet- und später, nach der gefühlten Vertausendfachung des Kundenstamms, die große Eigentumswohnung der Familie enthält. Wechselweise werden Küche, Schlaf- oder Wohnzimmer an die Rampe geschoben, und auch sonst greift der Regisseur gern zum Naheliegenden.

Deutliche Bitch-Tendenzen

Leider neigt er auch dazu, Setz' vielschichtige Figuren etwas zu vereindeutigen. Während der von David Müller gespielte Anton eigentlich schon seit der ersten Szene gar nicht mehr herauskommt aus seinem schlechten Gewissen, betont Anne-Marie Lux deutlich die Bitch-Tendenzen der Mutter Karin. Wobei das Spannende am Text gerade darin besteht, dass er beide Charaktere, im besten Sinne, wackliger zeichnet; durchlässiger für jeweils gegenteilige Emotionen.

Ähnliches trifft auch auf Verkaufsprofi Oskar zu, den David Lau mehr oder weniger abendfüllend auf der Tonspur des gut geölten Marketing-Sprechs durchmarschieren lässt. Und warum die Schauspielerin Julia Duda Oskars Freundin Jessica als derart dümmliche Poserin und Dauergrinsekatze geben muss, bleibt - Social-Media-Inzenierungszwänge hin oder her - des Regisseurs Geheimnis.

Dennoch: Das sind Einwände auf hohem Niveau. Clemens J. Setz, dessen Roman "Die Frequenzen" zwar schon für die Bühne bearbeitet wurde, der mit "Vereinte Nationen" aber sein erstes genuines Theaterstück geschrieben hat, darf man mit Fug und Recht als dramatische Entdeckung feiern.


"Vereinte Nationen": Deutsches Nationaltheater Mannheim, Studio Werkhaus. Nächste Vorstellungen am 21. Januar und 12. Februar, Tel. 0621/168 01 50, nationaltheater-mannheim.de

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dt55929784 16.01.2017
1. Medienmündigkeit
Was hat das mit Struwwelpeter 2.0 zu tun? Ich kenne "Struwwelpeter 2.0" als Titel eine Info-Broschüre des Bundes der Freien Waldorfschulen zum Thema "Medienmündigkeit". http://www.waldorfschule-shop.de/product_info-1-192-medienmuendigkeit.html
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