Eastwoods Stuhl-Rede Eher grantig als grandios

Wahlkampf mit Stuhlkrampf: Clint Eastwoods Rede auf dem Parteitag der US-Republikaner lässt die Zuschauer ratlos zurück. War das großartiges Schauspiel? Oder ein Filmstar von gestern, der sich lächerlich macht? Der seltsame Auftritt im Check.


Was genau war da los?

Der alte Hollywood-Star Clint Eastwood überraschte die republikanischen Delegierten mit einem Kurzauftritt auf deren Nominierungsparteitag in Tampa, Florida. Im Verlauf seiner offensichtlich nicht einstudierten Rede sprach er zu einem leeren Stuhl, auf dem ein imaginärer Präsident Obama saß. Eastwood forderte Obama auf, Platz zu machen für Mitt Romney.

War das lustig?

Die anwesenden Republikaner kriegten sich gar nicht mehr ein, klatschten und johlten. Aber dafür sind sie ja auch zum Parteitag gereist. Für politisch nicht ganz so festgelegte Zuschauer blieb allerdings ein Gefühl der Ratlosigkeit zurück: Was war das denn jetzt, bitte schön?

Und was war das jetzt, bitte schön?

Ein Privatauftritt eines alten Hollywood-Stars eben, nicht mehr und nicht weniger. Eastwood engagiert sich seit Jahrzehnten politisch für die Republikaner, ist Parteimitglied und war auch schon Bürgermeister seines Heimatortes Carmel in Kalifornien.

War Eastwoods Auftritt große Schauspielkunst?

Die Stuhl-Rede wirkte ein wenig wie die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule: So, jetzt stellen Sie sich mal vor, hier sitzt der US-Präsident, was würden Sie ihm sagen? Sie haben zehn Minuten Zeit! Fraglich, ob Clint Eastwood nach seiner doch etwas fahrigen Performance aufgenommen worden wäre. Die Rolle des "Grumpy Old Man", des alten Grantlers, spielt Eastwood so glaubwürdig, dass man meinen könnte, er sei tatsächlich einer.

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Republikaner-Parteitag: Die seltsame Rede des Clint Eastwood

Hat er sich also für alle Zeiten unmöglich gemacht?

Aber keineswegs. Clint Eastwood steht über den Dingen. Er hat vier Oscars, sechs Golden Globes, wurde zweimal in Cannes und Venedig ausgezeichnet und hat sogar eine Goldene Kamera - und das ist längst nicht alles. Sein Werk als Schauspieler und Regisseur bleibt von diesem Auftritt völlig unberührt.

Wird diese Art des Wahlkampfs auch in Deutschland Schule machen?

Analog müsste beim kommenden Krönungsparteitag der SPD demnächst Dieter Hildebrandt auftreten und zu einem leeren Sessel sprechen, auf dem eine phantasierte Angela Merkel sitzt.

Und was sollte das der SPD bringen?

Ungefähr genauso viel wie Eastwoods Auftritt den Republikanern: wohl wenig.

kuz

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
LeToubib 31.08.2012
1. Rowdy Yates
Muss man mehr schreiben?
DJ Doena 31.08.2012
2.
Zitat von LeToubibMuss man mehr schreiben?
Ja, ich bitte drum. Ich verstehe nämlich nicht, was eine Fernsehrolle in den späten 50ern mit dem Schauspieler, der die Rolle vor 50 Jahren verkörpert hat, zu tun haben soll. Oder Ist Bruno Ganz etwa ein Alt-Nazi) *insert godwin here*
My2Cents 31.08.2012
3. Zustimmung
Sehr guter Artikel. Ist mir auch schon mal auf der Bühne passiert, dass ich vorher dachte, ich hätte alles im Griff - aber Pustekuchen. Kann jedem 'mal passieren. Und auch aus meiner Sicht ist das einfach nur ein Fauxpas, der die Leistung und das Talent Clint Eastwoods nicht schmälert.
spiekr 31.08.2012
4. Dirty Harry
ist inzwschen ein guter Regisseur geworden und sein Umgang mit der 44er Magnum war unterhaltsam. Aber keiner sollte dem nacheifern. Das Problem mit den Waffen ist ihre Verführung, sie tatsächlich zur Problemlösung einzusetzen und dieses Konzept den US Jugendlichen vorzuleben.
mischamai 31.08.2012
5. Toll
Wirklich keine Glanzleistung von der ewigen"wir sind das Gesetz" Fratze.Genauso wenig wie ich seine selbstverherrlichten Filme nicht mag,so widert es mich an so primitive auf Stimmenfang zu gehn.Da fragt man sich warum der alte Opa nicht lieber mit seinen Enkeln in den Zoo geht?
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