Club-Design Paläste der Nacht

Das dunkle Glitzern von Nachtclubs zieht Kreative und Paradiesvögel an. Eine Ausstellung zeigt nun, wie sich Designer und Architekten in dieser Welt austoben - und warum heute weniger gefeiert wird als früher.

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Eisenbrand, Sie zeigen eine Ausstellung über Design und Architektur im Nachtleben. Wie wichtig sind Tanzclubs für den Menschen?

Jochen Eisenbrand: Es ist ein tiefes Bedürfnis der Menschen, in der Nacht Dinge zu tun, die am Tag nicht möglich sind, und so den Zwängen des Alltags zu entkommen. Ausgehen ist Eskapismus, die gesellschaftlichen Barrieren fallen. So wie in der Technoszene in Berlin in den Jahren nach dem Fall der Mauer, als Menschen mit den verschiedensten sozioökonomischen Hintergründen zusammen gefeiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Braucht es dafür mehr als dunkle Höhlen und dicke Boxen?

Eisenbrand: Schon beim Betreten eines Clubs gibt es Spannungsaufbau durch einen wummernden Tunnel oder Gang, durch den man in diese andere Welt geführt wird. Ein funktionierender Club hat einen Dancefloor, auf dem man sich sehen lassen kann, mit guten Blickachsen und ein paar Ecken für Rückzug. Und natürlich ist das Licht sehr wichtig. Ohne diese "Diskotektur" gäbe es keine Atmosphäre im Raum.

SPIEGEL ONLINE: Und die ist entscheidend für Partygänger?

Eisenbrand: Ja, wobei sich die Clubs verändert haben über die Jahre. In den ersten Tanzlokalen in den Sechzigerjahren in Italien ging es noch darum, mit modularen Interieurs auch Theaterinszenierungen oder Auftritte von Bands zu ermöglichen. In den Siebzigern kam dann die Disko-Bewegung. Erste Musikvideos wurden bereits in den Sechzigerjahren produziert, um sie in Clubs an die Wände zu projizieren, das Stroboskop wurde erfunden. Das Licht wurde immer wichtiger.

SPIEGEL ONLINE: John Travolta auf dem beleuchteten Dancefloor in "Saturday Night Fever"!

Eisenbrand: Genau, wie im Film ging nun auch um Sehen und Gesehen-Werden. Mode und Selbstinszenierung spielte in den Clubs eine immer größere Rolle, bis hin zu Leuten, die aus dem Clubkontext heraus ihre Karriere begannen, wie Grace Jones. Das legendäre Studio 54 in New York etwa hatte eine strikte guest policy: Es galt, jede Nacht eine gute Mischung zu finden zwischen Stars, B-Prominenz und unbekannten Paradiesvögeln, die nur aufgrund ihrer schrillen Outfits reinkamen.

  • Vitra Design Museum/ Bettina Matthiessen
    Jochen Eisenbrand ist leitender Kurator am Vitra Design Museum. Eisenbrand studierte Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg und promovierte 2014 an der Bergischen Universität Wuppertal in Designgeschichte. Seine Dissertation George Nelson. Ein Designer im Kalten Krieg wurde von Park Books in Zürich veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Zeit zogen Club-Interieurs auch in Wohnzimmer ein. Wie sah das aus?

Eisenbrand: Das war vor allem ein Phänomen der schwulen Clubszene in New York - in besonders schicken Zirkeln wohnte man in schrillen Farben und mit Neoninstallationen. Aber auch in deutschen Eigenheimen fing man an, sich einen Partykeller einzurichten.

SPIEGEL ONLINE: Die nicht gerade der Inbegriff für Nachtleben-Design.

Eisenbrand: Das stimmt - doch zeitgleich boten Clubs den Kunstszenen die Möglichkeit für Raum-Experimente. Im New Yorker Cerebrum mussten Gäste ihre Kleidung ablegen, sich weiße Umhänge umlegen und waren Teil von 360-Grad-Projektionen. Räume wurden mit Laser theatralisch inszeniert, Locations wurden zweckentfremdet. Man denke etwa an den Tresor, einem der ersten Techno-Clubs in Berlin in den Neunzigerjahren, mit seinen Schließfächern und der Blitzkugel zum Anfassen. Techno war sicherlich ein Zenit der Clubkultur.

SPIEGEL ONLINE: Der Zenit des Feierns ist vorbei?

Eisenbrand: Die Clubkultur ist in einem schwierigen Zustand. In den großen Städten sind die Mieten so hoch, dass es schwierig ist, einen Club rentabel zu betreiben. Deshalb hat etwa Rem Koolhaas für das Ministry of Sound in London einen 24/7-Club mit beweglichen Wänden entworfen, der Tag und Nacht geöffnet hat, weil dort auch noch Fernsehstudios, Restaurants und Fitnesscenter untergebracht sind. Er wollte mit diesem Entwurf das Nachtleben wieder in Schwung bringen.

SPIEGEL ONLINE: Woran ist die Idee gescheitert?

Eisenbrand: Der Betreiber hat das Vorhaben aufgegeben. Die Generation Instagram geht nicht mehr so viel feiern, das Nachtleben ist nicht mehr wichtigster kreativer Motor. Durch die Digitalisierung haben Clubs auch die Vormachtstellung verloren, dort DJs mit ihrer Musik erstmalig erleben zu können. Mit Hilfe von Plattformen wie Boiler Room, die ganze Nächte aus Clubs streamen, kann man zuschauen, ohne selbst hinzugehen - dadurch verliert der Club etwas von seiner Exklusivität. Außerdem steht der Trend zur körperlichen Selbstoptimierung dem exzessiven Feiern entgegen. Dafür leben die Leute heute halt gesünder.


Ausstellung: "Night Fever. Design und Clubkultur 1960 bis heute", Vitra Design Museum Weil am Rhein, 17. März bis 9. September 2018

Mehr zum Thema


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Phil2302 17.03.2018
1. Der letzte Absatz
fasst es zusammen! Ich habe mir auch schon oft Gedanken darüber gemacht, wieso vor 15 Jahren, zu meiner Jugendzeit, noch exzessiv gefeiert wurde, und heutzutage so ziemlich ALLE Clubs, in denen ich damals unterwegs war, egal ob klein oder groß, dicht gemacht hat. Einzig das Bootshaus in Köln existiert noch, da gehe ich auch an den wenigen Tagen, wo ich es noch feiern gehe, hin. Ich weiß, dass es unglaublich altbacken klingt, aber ich finde, die neue Generation verpasst etwas. Klar, Tinder und so ermöglichen schnelles und einfaches Flirten, aber es ist doch etwas anderes von Angesicht zu Angesicht.
tobyrd72 17.03.2018
2. Braucht es dafür mehr als dunkle Höhlen und dicke Boxen?
Keineswegs. Die Paradise Garage (hier in der Foto-Serie als Vorbild für europäische Discotheken deklariert - tatsächlich war das meistkopierte Vorbild das Studio 54) war ein Laden in dem es sehr Dunkel zuging. Und das aus gutem Grund: Wenn der Sehsinn zurückgefahren wird, tritt der Hörsinn stärker in den Vordergrund. Und darauf kommt es für die echten Tänzer an, also Menschen die sich wirklich in der Musik verlieren wollen, im Gegensatz zu Posern bei denen es primär ums gesehen werden geht. Weil Herr Eisenbrand vom Design her kommt, steht für Ihn das Auge an 1. Stelle. Die Essenz einer guten Disco ist aber die Musik. Im Ministry of Sound wurde dieser Philosophie Rechnung getragen indem das meiste Geld für Musikanlage und Raumakustik ausgegeben wurde. Die meisten Discos basieren auf dem Studio 54 Model, sehen und gesehen werden. In solchen Läden wurde mehr ins Design als in die Anlage investiert. Weil Herr Eisenbrand das Auge präferiert, hat er auch den Hauptschuss nicht gehört, in Bezug darauf warum heute die Clubkultur nicht mehr an das heranreicht was in den 70er, 80er & 90er Jahren in den Discos passiert ist: es gibt keine nennenswerten neuen Musikrichtungen mehr. Nur noch leichte Variationen von bereits Bekanntem. Konzertveranstalter die den DJ zum Angaffen auf die Bühne packen, während sie das Publikum wie Sardinen vor die Bühne quetschten, wo es ohne Platz zum tanzen nur noch mit den Händen wedelt, haben ihr übriges dazu beigetragen das die Clubkultur immer mehr vor die Hunde gegangen ist.
Papazaca 17.03.2018
3. Wiedersehen mit der Vergangenheit
Unwillkürlich wird man als Älterer an seine wilden Zeiten erinnert: Die Berliner Techno Szene habe ich nicht erlebt, Techno war nicht so mein Fall. Aber im Palladium, im Studio 54 u.a. New Yorker Clubs war ich (wg. Studium in N.Y.C.) Spannende Zeit. Habe Lou Reed live im Studio 54 getapt ... Deshalb freue ich mich, das Vitra diese Ausstellung macht. Wobei es ihnen als Möbelhersteller mehr um die Ausstattung von Clubs geht bzw. um fast künstlerische Objekte. Mir ging es um Musik, Tanzen und das Sehen von verrückten Leuten, um Leben, nicht so sehr um Dekor .. Ich habe nie geglaubt, das es mal keine Telefonzellen mehr gibt, die Post fast wegfällt und Musik zur Musik für Staubsauger und Supermärkte mutiert. Und das wichtigste: Mittels Internet und Games kann man nicht nur seine Kinder ruhigstellen, auch das Weggehen wird oft durch Facebook & Co. ersetzt. Selbst der "gefürchtete GROßE BRUDER hätte nie so effizient eine ganze Generation quasi stillegen können. Eggers Roman "The Circle" über Google und Freunde zeigt, wo wir heute gelandet sind. Über das Verschwinden der Bonanza-Räder - eine nette kleine Episode - war nie besonders traurig. Das aber das Weggehen, Tanzen, und Flirten durch virtuelle Welten zum Teil abgelöst wird, ist für mich ein Verlust. Wieder ein Beweis, wie das Alter durch die Hintertür kommt. Ein Trost gibt es für mich trotzdem: In Afrika gibt es nach wie vor jede Menge guter Musik wie Dancehall, und es wird viel getanzt, es ist allerdings etwas weit ....
uksubs 17.03.2018
4. nicht palast
sondern kathedrale. die grundrisse von den besten clubs erinnert immer an den aufbau einer kathedrale, der dj ist der priester. am perfektesten ist dies im alten ewerk in berlin gewesen.
Papazaca 17.03.2018
5. Ich erinnere mich nur an Musik und Leute, nicht...
mehr an das Design. Selbst nicht bei den bekannten Clubs wie Palladium und Studio 54. Liegt entweder an meinem Gedächtnis oder das Design fiel nicht so auf. In einen Club oder Disko bin ich auch nur wegen der Musik und der Leute gegangen. Insofern wäre ein Besuch der Vitra-Ausstellung interessant. Habe ich damals was übersehen? Außerdem waren in meiner Erinnerung alles immer so voll, das das Interieur eher unterging. Und dann gab es damals zwei unterschiedliche Formate: Mehr intime Clubs mit kleinerer Tanzfläche wie Chez Castel und New Jimmy's in Paris und den Clubs in New York zu Grace Jones Zeiten. Bin gespannt, was alles in der Ausstellung zu sehen - und vielleicht zu hören - ist. Das wichtigste waren natürlich die Leute. Bin gespannt, ob die in Filmen aus einigen Discos wieder lebendig werden. Und wie das Thema Clubs vs. Internet und die Relevanz für die heutige Jugend thematisiert wird. In jedem Fall ein spannendes Thema für eine Ausstellung. Auch etwas nostalgisch ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.