Comeback des Automaten Wehmut nach dem Wunderkasten

Ein bisschen waren sie in Vergessenheit geraten, die treuen Warenautomaten. Kreative entdecken das nostalgische Einkaufserlebnis jetzt wieder und verkaufen Tangas, Würmer und Märchen aus den Blechkisten. SPIEGEL ONLINE stellt die skurrilsten Automaten vor.

Von Christian Fuchs


Porzellanteller klappern im gläsernen Lift, der die Buletten mit Kartoffelsalat aus der Kellerküche in das Automatenrestaurant bringt. Eine Sahnetorte dreht sich im Automatenkarussell. Bier fließt aus automatischen Zapfhähnen. Mittlere Angestellte in Anzügen und Telefonistinnen sitzen an Marmortischen in einem Spiegelsaal. So ging es um die Jahrhundertwende in der Berliner Friedrichstraße 176 zu: Willkommen in einem der ersten Schnellrestaurants des Deutschen Kaiserreichs.

Automaten-Slip: Dehnbarer Begriff von Erotik
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Automaten-Slip: Dehnbarer Begriff von Erotik

Damals galt der Begriff "schnell" noch nicht für schnöde Imbissabfertigung, sondern war das Signalwort einer Technologie-begeisterten Moderne. Dementsprechend groß war die Begeisterung für Automaten: Es gab sie für Parfüm auf Theatertoiletten, für Zigarren, Schokolade und allerlei andere Kleinwaren. Die Metallkästen mit ihrer raffinierten Mechanik standen für Fortschritt und Innovation. Über 50 Automatencafés gab es um 1900 im Land. Und Berlin war die Hauptstadt der Automaten.

Jetzt gibt es eine Renaissance: Alteingesessene Einzelhändler und junge Kreative haben die stummen viereckigen Verkäufer wiederentdeckt. Außen an Geschäften angebracht, trotzen die Blechkisten jeder Ladenschluss-Diskussion – sie haben 24 Stunden geöffnet. Das war nicht immer so: Bis 1934 galten die Ladenschlusszeiten auch für Verkaufsautomaten. Nach dem Krieg waren sie ideales Lerngebiet für die frische Demokratie: Unbestechlich waren die Warenautomaten, effizient - und jeder war vor ihnen gleich. Bockwurst, Bier und Blumen warteten hinter den dicken Glasscheiben auf kurzentschlossene Käufer.

Doch langsam verblasste der Charme des einstigen technischen Wunderkastens. "In den Wohlstandszeiten des Wirtschaftswunders wurden die meisten Automaten wegrationalisiert", sagt Monika Kokoska, die Leiterin des Deutschen Automatenmuseums im ostwestfälischen Espelkamp. Der einstige Zweck - eine neue Absatzform neben Tante Emma-Läden - wurde überflüssig in Zeiten von Großsupermärkten. Der Abstieg war unaufhaltsam: Warenautomaten wurden mit Pellets zum Füttern von Zoo-Ziegen gefüllt - tiefer konnte ein Automat nicht hängen.

Unterdessen machten die Verkaufsmaschinen in anderen Ländern Karriere. In Japan gab es gebrauchte Mädchenunterwäsche in Automaten, aber auch lebende Riesenkäfer als Kinderspielzeug, Toilettenpapier und Mietkühlschränke. Im norwegischen Bergen werden Regenschirme über Automaten vertrieben, in Belgien Brote und in Holland Hamburger. Die USA sandten 1996 sogar einen Cola-Automaten mit der Space-Shuttle Mission "Endeavour" ins All, um zu untersuchen, ob er auch in der Schwerelosigkeit funktioniert.

Während wir uns an piepsende und blinkende digitale Geld- und Fotoautomaten gewöhnt haben, wächst unsere Sehnsucht nach den alten Ratterkisten. "Die technische Entwicklung schreitet so schnell voran, dass Menschen sich wehmütig an die alten mechanischen Automaten erinnern", sagt Monika Kokoska. Wer täglich bei der Arbeit vor dem Rechner sitzt, der freut sich in seiner Freizeit über "das manuelle und visuelle Schauspiel eines Automaten". Und an Abläufen, die man noch nachvollziehen kann in unserer schnelllebigen Zeit, sagt die Expertin.

Nur so ist es zu erklären, warum so viele Städte ihren eigenen Kunstautomaten haben. Für kleine Geldbeträge gibt es aus ihnen gebastelte Objekte, Zeichnungen, Gedichte und sogar Skulpturen. Die "Art-o-maten" stehen unter anderem in Potsdam, Stuttgart, Dresden, Hannover, Luzern, Groningen, Zürich und Mönchengladbach. Nur nicht in Berlin. Die Stadt hat noch kreativere Erfindungen hervorgebracht und ist heimlich wieder zur Hauptstadt der wirklich skurrilen Automaten geworden.

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