Comeback von "Tempo" Zeitgeist reloaded

Zum 20-jährigen Jubiläum soll das Magazin "Tempo" mit einer einmaligen Sonderausgabe auf den Markt kommen. Die alten Recken von der Zeitgeist-Front der Achtziger sind wieder dabei.


Hamburg – "Tempo" - schon der Titel war Programm. Bei Deutschlands erstem Zeitgeistmagazin war Aktualität ebenso ein Muss wie der Wille zu Distinktion und Ironie. Jetzt haben sich die ehemaligen Macher des Magazins ihres einstigen Stilprinzips besonnen und wollen "Tempo" noch einmal zum Leben erwecken: Mitte November 2006 soll das Heft wieder erscheinen – mit einer einzigen Ausgabe, pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum.

Tempo"-Kolumnist Biller: Wille zur Distinktion
DPA

Tempo"-Kolumnist Biller: Wille zur Distinktion

"Tempo" wurde 1986 gegründet und erschien bis 1996. Wie kein anderes deutsches Magazin der letzten dreißig Jahre polarisierte das Blatt: Von den einen als Fibel für urbanen Lebensstil verehrt, lehnten traditionelle Journalisten das Blatt ab, die "Zeit" verdammte es gar als "Magazin der Infantilgesellschaft". Trotz solcher Schelte wurde das Magazin zum Sprachrohr der Generation der achtziger und neunziger Jahre. Es erreichte eine Auflage von über 200.000 Exemplaren und galt nicht nur in zeitgeistbewegten Kreisen als Pflichtlektüre. Mit spektakulären Geschichten und völlig neuer Optik wurde es zum Identifikationsmedium der Generation X.

Während "Tempo" in den letzten Jahren seines Erscheinens unter Auflagenschwund und Anzeigenmangel litt und schließlich eingestellt werden musste, lehnten zahlreiche Printmedien sich eng an Aufmachung und Stil des Heftes an. So trimmte die "Zeit" ihr Magazin auf "Tempo"-Look, und die "Süddeutsche Zeitung" brachte mit "Jetzt" ein Jugendmagazin im "Tempo"-Stil heraus.

Die selbst ernannte "Zeitschrift für Zeitgeist" brachte den amerikanischen "New Journalism" nach Deutschland. Vorbilder waren "Gonzo"-Journalisten wie Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson, aber auch Magazine wie "Vanity Fair" oder "Twen". Junge Autoren, Fotografen und Blattmacher fanden bei "Tempo" eine Heimat, die ihnen etablierte Blätter nicht bieten konnten. Für "Tempo" schrieben Autoren wie Christian Kracht, Thomas Hüetlin, Christoph Scheuring, Rainald Goetz, oder Andrian Kreye. Beliebt waren auch "KGB" - die Kolumnisten Uwe Kopf, Peter Glaser und Maxim Biller. Fotografen wie Wolfgang Tillmanns, Juergen Teller oder Nick Knight veröffentlichten in dem Magazin ihre ersten Fotos, für die Grafik sorgten Art-Direktoren wie Neville Brody, Lo Breier, Walter Schönauer oder Alexander Wiederin.

Die Idee, "Tempo" noch einmal zum Leben zu erwecken, hatte Markus Peichl, der das Blatt bis 1990 geleitet hatte. Der gebürtige Österreicher war Gründer des Blatts und gilt als geistiger Mentor einer ganzen Generation von Journalisten. "Wir wollen mit den typischen 'Tempo'-Mitteln ein Statement zum Hier und Heute abgeben", schreibt Peichl in einer Presseerklärung. "Zum einen werden alle Autoren, Fotografen und Art-Direktoren mitmachen, die bei 'Tempo' begonnen und das Heft geprägt haben. Zum anderen werden aber auch viele jüngere Kollegen dabei sein, die heute bei 'Tempo' arbeiten würden, wenn es so ein Blatt noch gäbe."

Das Sonderheft soll keine Rückbesinnungs-, Nostalgie- oder Reminiszenzveranstaltung werden, betont der ehemalige Blattmacher, der heute Redaktionsleiter bei "Beckmann" ist. "Es wird so aussehen, als wäre 'Tempo' nie eingestellt worden und gerade aktuell erschienen." Viele potentielle Käufer und Anzeigenkunden hätten bedauert, dass ein Magazin wie "Tempo" heute fehle, sagt der neue-alte Chefredakteur, das habe ihn bestärkt, die Sache anzupacken. "Wir sehen das jetzt aber nicht als Mission, sondern wollen als Macher Spaß haben und einfach mal gucken, ob uns die Magazin-Leidenschaft noch kitzelt."

Der Preis der "Tempo"-Comebacknummer beträgt 4,50 Euro. Als Startauflage werden 220.000 Exemplare gedruckt. Erscheinen soll das Heft am 21. November 2006. Peichl produziert die einmalige Ausgabe mit seinem Team in eigener Regie und bringt das Magazin gemeinsam mit dem Jahreszeiten Verlag heraus, wo es schon von 1986 bis 1996 erschienen ist.

hoc



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