Comedian Mittermeier "Populisten wie Roland Koch kann man nur als Populist begegnen"

Er hat Merkel im Visier, auch Stoiber und Huber werden eingeseift: Michael Mittermeier macht politische Comedy mit Biss. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er die Risiken kritischer Komik - und warum "DSDS" den Untergang bedeutet.


SPIEGEL ONLINE: Herr Mittermeier, Ihr Kollege Mario Barth füllt mit sinnbefreiter Comedy Hallen. Sie dagegen sparen das Thema Politik nicht aus. Haben Sie den Trend verpasst?

Mittermeier: Ich mache mir da gar nicht so große Gedanken. Die Themen, die meiner Meinung nach anstehen, kommen in mein Programm. Und da gehören Klimaschutz und Politik für mich eben dazu. Aber ich kann auch auf die Bühne gehen und eine Stunde lang nur lustige Sachen erzählen. Das muss jeder Künstler für sich selbst wissen. Außer Dieter Nuhr und mir gibt es wenige Stand-Up-Comedians, die soziale und politische Themen anpacken. Man muss es auch nicht, ich will Bastian Pastewka nicht sehen, wie er über Merkel spricht. Der ist auch ohne Politik großartig.



SPIEGEL ONLINE: Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass Sie das Thema Politik auch mal reißerisch anpacken …

Mittermeier: … so ist ja auch Politik. Populisten wie Roland Koch kann man auch nur als Populist begegnen. Und ich bin ein Populist, der sich auskennt. Ich habe Politik studiert, ich bin also keine Nullnummer.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie ein Linker sind und ziehen die Merkel-Schelte konsequent durch. Glauben Sie, damit etwas bewegen zu können?

Mittermeier: Die Hoffnung haben wir alle. Man kann es doch nicht unkommentiert lassen, wenn hier diskutiert wird, ob es mutig war, dass Merkel den Dalai Lama empfängt! Was für eine blöde, sinnlose Diskussion, das war nicht mutig, sondern Kalkül wie alles, was sie macht.

Keinen interessiert, dass China seine Olympia-Kritiker einfach verhaftet und wegsperrt. Und im August hocken alle vor der Glotze. Ich werde mir diese Spiele ganz sicher nicht anschauen. Ich habe auch Einladungen dorthin abgelehnt, ich unterstütze diese Propagandamaschinerie nicht.


SPIEGEL ONLINE: Ihr Protest wurde über die Jahre lauter. Haben Ihre Zuschauer Verständnis dafür?

Mittermeier: Ich wünsche mir, dass ich zumindest Diskussionen anrege. Aber es kommen auch Leute zu mir, die jahrelang sagten: "Der Mittermeier ist der Geilste!" Und die mich jetzt wüst bepöbeln: "Wie kannst Du nur?" Viele Leute mochten mich sehr, als ich nur Alltägliches machte – und plötzlich werde ich ungemütlich, mache einen Kreuzzug gegen Stoiber und die CSU, stelle mich auf die Bühne und sage: Ich wähle Grün. Das macht kein Kabarettist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie Parteimitglied?

Mittermeier: Nein, um Gotteswillen! Das würde ich nie machen. Aber ich sage, was ich wähle. Ich gehe auf die Bühne und mache das Maul auf, dann kann ich auch laut sagen, was ich wähle. Und für mich gibt es keine Alternative zu den Grünen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie als studierter Politologe die Lage: Bringt die derzeitige Große Koalition Deutschland voran?

Mittermeier: Ein Stück weit - um mit Gerhard Schröders Worten zu sprechen. Es gab keine andere Möglichkeit, und ich war froh, dass die Union nicht so rauschend gewonnen hat. Das hätte Rot-Grün nicht verdient gehabt. Aber noch einmal eine Große Koalition hat definitiv keinen Sinn.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie den Aufschwung der Linkspartei?

Mittermeier: Ich bin kein Freund der Linkspartei, weil ich Lafontaine für einen Dampfplauderer und einen Populisten von links halte. Er weiß einfach, wie er auf billige Tour Stimmen fangen kann. Aber die entscheidende Frage ist doch: Who the fuck is the FDP? Die findet nicht statt und hat kein Programm. Wer wählt die eigentlich?

SPIEGEL ONLINE: Als Bayer haben Sie mit Erwin Huber einen neuen CSU-Chef. Vermissen Sie Edmund Stoiber?

Mittermeier: Ich habe ihn nie gemocht. Wenn er Kanzler geworden wäre, hätte ich auswandern müssen. Aber wenn ich die Wahl zwischen ihm und Erwin Huber habe, nehme ich trotzdem Stoiber. Huber hat in seinem Leben noch nichts großes Politisches bewegt. Der ist nur CSU-Chef, weil niemand anderes da war. Selbst hartgesottene CSU-ler lehnen ihn ab. Seine Parole "Multikulti ist eine Brutstätte von Kriminalität" – das ist ein Satz, den erwarte ich von NPD-Chef Udo Voigt. Hätte er ihn gesagt, hätte es einen Skandal gegeben. Aber selbst das interessiert keinen, wenn es Huber sagt. Das ist unfassbar.

SPIEGEL ONLINE: Bietet die bayerische SPD denn geeignete Alternativen?

Mittermeier: Gute Frage. Offenbar nicht. Ich schäme mich zum Beispiel grundtief dafür, dass Ludwig Stiegler in der SPD ist. Ich könnte mich nicht entscheiden, ob ich lieber mit ihm oder mit Söder, dem Ex-Generalsekretär der CSU, einen Kaffee trinken gehe. Das wäre eine sehr harte Entscheidung – und sicher eine katastrophale Kaffeepause.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, wie geht es weiter mit Roland Koch?

Mittermeier: Er will es scheinbar wirklich aussitzen. An sein Gesicht muss man sich leider gewöhnen. Wer eine Spendenaffäre überlebt hat wie er, der überlebt noch ganz anderes.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten vor kurzem 20. Bühnenjubiläum und ließen sich im Rahmen einer TV-Show feiern. Freut man sich da aufrichtig oder erschreckt es einen?

Mittermeier: Ich habe das sehr genossen. In diesen zwei Jahrzehnten habe ich kaum innegehalten, immer nur gearbeitet. Ich musste jetzt einsehen: Man feiert sich zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Ochsentour hinter sich, spielten und sangen in Fußgängerzonen. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie heute in den Einkaufsstraßen junge Musiker sehen?

Mittermeier: Klar! In solchen Momenten ist man einfach dankbar. Auch, wenn ich mit weniger zufrieden gewesen wäre. Mein Ziel war nicht das, was ich heute mache. Auch wenn ich Säle mit nur 100 Menschen füllen würde, wäre ich der glücklichste Kabarettist der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie je zu "Deutschland sucht den Superstar" gegangen?

Mittermeier: Ich hätte mich nie verkauft. Und die Teilnehmer bei "DSDS" sind Leibeigene von RTL. Sie werden zu seelenlosen Geschöpfen, die die Musik anderer Leute präsentieren müssen. Die Sendung suggeriert, jeder kann ein Popstar sein. Aber letztendlich werden sie nur zu musikalischen Hartz-IV-Empfängern, die irgendwann im Dschungel landen.

SPIEGEL ONLINE: Gern machen Sie sich über junge Eltern lustig, deren Augenringe bis zu den Kniekehlen reichen, aber deren Schlafdefizit vom kleinsten Kinderlächeln weggefegt wird. Seit kurzem sind Sie Vater einer Tochter – und haben Sie nun mehr Verständnis?

Mittermeier: Das waren nie Nummern gegen Kinder oder junge Eltern, es war nur eine Antwort an all die, die mir dauernd reinreden wollten, wann ich eine Familie zu gründen habe. Dabei war ich immer kinderlieb. Und ich bin es immer noch, obwohl mich die Blähungen meiner Tochter heute Nacht echt Nerven gekostet haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr derzeitiges Programm "Safari" ist eine Reiseerzählung. Sie sind viel um die Welt gereist. Inwieweit verschiebt sich der Blick auf Deutschland und die Deutschen?

Mittermeier: Man sieht zuerst einmal, wie sich die deutschen Touristen benehmen. Natürlich sind nicht alle Deutschen im Ausland blöd – aber die Handtuchkriege finden wirklich in den abgelegensten Winkel der Welt statt nach dem Motto: "Wenn wir schon kein Land überfallen können, dann können wir wenigstens unsere Handtücher irgendwo hinlegen." Das brauchen die Deutschen.

Das Interview führte Julia Jüttner


Die CD "Safari" erscheint am 22. Februar bei Sony BMG



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