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Comedian Oliver Polak: Jud süß-sauer

Ein junger Mann aus dem Emsland mischt die deutsche Comedy-Szene auf: Oliver Polak ist Jude und kommt aus Papenburg - das sind schon zwei gute Voraussetzungen, um Leute zum Lachen zu bringen, meint Henryk M. Broder. Und jetzt hat Polak auch noch ein freches Buch geschrieben.

Es ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Millionen von Juden in aller Welt fasten, beten und bitten Gott und ihre Mitmenschen um die Vergebung ihrer Sünden. Nur Oliver Polak sitzt im Café "Blaues Band" in Berlin-Mitte und überlegt, was er zum Frühstück bestellen soll. Schließlich entscheidet er sich für Rührei mit Tomate und Putenstreifen, dazu einen Kamillentee. Wäre nicht gerade Jom Kippur, hätte er Rührei mit Tomate und Speck bestellt. Aber Speck ist nicht koscher, und so weit mag er an diesem Tag doch nicht gehen.

Oliver Polak, 1976 in Papenburg geboren, hat es nicht mit Gott. "Ich hänge auch nicht viel mit Juden ab." Seit er nach Berlin gekommen ist, hat er zweimal den Versuch unternommen, eine Synagoge zu besuchen. Beim ersten Mal wurde er an der Tür abgewiesen, weil er die Security-Frage "Wie heißt der Kantor von Osnabrück?" nicht beantworten konnte. "Ich kam mir vor wie bei Günter Jauch." Das zweite Mal hat es geklappt, aber nur, weil der Schriftsteller Maxim Biller für ihn bürgte.

"I love Jews"

Dabei ist Polaks Onkel Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Dortmund. "Der freut sich immer, wenn ich komme." Dann wird Oliver zum Thora-Lesen aufgerufen, "sogar wenn ich Jogging-Hosen anhabe". Und Oliver Polak trägt immer Jogging-Hosen. Dazu ein Sweatshirt mit Kapuze und eine Windjacke. Das ist sozusagen seine Uniform. Das Einzige, das ihn von den coolen Jungmännern in Berlin-Mitte unterscheidet, ist ein Button an seiner Windjacke: "I love Jews".

Und der ist natürlich ironisch gemeint. Oder auch nicht. Denn Polak ist nicht nur Jude, dazu noch aus dem Emsland. Juden sind auch sein Thema, und das hat er wiederum mit vielen anderen Juden gemeinsam, von Woody Allen bis zu dem Schweizer Autor Charles Lewinsky, der das Buch "Ein ganz gewöhnlicher Jude" geschrieben hat. Es ist eines der wenigen Bücher, die Oliver Polak gelesen hat. "Ich lese überhaupt sehr wenig. Ich lese keine Bücher. Das Buch war nie mein Metier."

Polaks Metier ist die Unterhaltung. "Ich war eine Zangengeburt, das erklärt vieles." Schon als Kind wollte Oliver am liebsten Clown werden. Auf Fußball hatte er "keinen Bock", auf Raufereien noch weniger. Die Schule besuchte er nur, weil seine Eltern darauf bestanden. Der Vater hatte einige deutsche Konzentrationslager überlebt, die Mutter, eine studierte Germanistin, war 1975 aus dem damaligen Leningrad auf Einladung von Freunden nach Bremen gekommen und dort geblieben.

Ein Jahr später wurde Oliver geboren, in Papenburg, wo vor dem Krieg 20 jüdische Familien lebten und nach dem Krieg keine mehr. Trotzdem beschloss Vater Polak, in seine Heimatstadt zurückzukehren. Er besorgte sich ein Fahrrad und fuhr übers Land, um den Bauern Stoffe zu verkaufen. Nachdem er genug gespart hatte, machte er einen Textilladen in der Stadt auf.

Oliver besuchte zuerst eine höhere Handelsschule in Leer, dann das Gymnasium in Papenburg, das Abitur aber machte er am Carmel College, einem jüdischen Internat in England, das "so viel kostete, dass sie keinen durchfallen ließen".

"Ich war krank und brauchte das Geld"

Nach Papenburg heimzukehren, kam nicht in Frage, also rief er eines Tages beim Kölner Musiksender Viva an und fragte, ob er ein Praktikum machen könnte. "Die konnten es nicht begreifen, dass einer aus London nach Köln will." Er wurde trotzdem angenommen und bald trat Oliver Polak als Co-Moderator bei der "Viva-Family" auf. Zusammen mit Enie van de Meiklokjes, die sich, sagt Polak, "wie eine Domina" benahm. Dann moderierte er ein Jahr lang den "Disneyclub" auf RTL und machte bei Sat.1 in der Comedy-Serie "Zack" mit. "Das war furchtbar. Aber ich war krank und brauchte das Geld für eine Therapie."

2003 zog er nach Berlin, nahm Schauspielunterricht und beschloss Anfang 2006, Stand-up-Comedy zu machen. In der "Scheinbar" in Schöneberg gab es viermal pro Woche einen "Open Stage"-Abend für Anfänger und Amateure. Ohne Honorar, dafür waren alkoholfreie Getränke umsonst. "Das war wie ein Geschenk Gottes, ich konnte üben und die Leute nerven". Zum Beispiel mit der Frage: "Warum weiß in Deutschland noch immer jeder, wann Adolf Hitler Geburtstag hat?"

Im Quatsch-Comedy-Club probierte er das "Judenspiel" aus. Das geht so: Polak nennt den Namen eines Prominenten, und dann sollen die Leute raten, ob es sich um einen Juden oder einen "normalen" Menschen handelt. "Bei Iris Berben rufen sie 'normal', bei Alfred Biolek 'Jude', bei Alf sind sie sich nicht sicher."

Das "Judenspiel" endet immer gleich. "Ich sage: Oliver Polak. Die Leute rufen: Jude. Darauf sage ich: Nein, ich bin normal, ich mache das nur wegen des Geldes."

Exhibitionist aus dem Emsland

Manchen ist die Pointe zu subtil, sie lachen aus Höflichkeit. Polak ist das auch recht: "Ich will überhaupt nicht provozieren, ich erzähle nur meine Geschichte", die eines jüdischen Exhibitionisten aus dem Emsland, wo die meisten Menschen Komiker sind, allerdings "ohne es zu wissen".

Polak schwört, dass er sich nie mit jüdischem Humor beschäftigt hat. Er hat keine Zeile von Salcia Landmann ("Der jüdische Witz") gelesen und den Namen Fritz Muliar noch nie gehört. Allerdings kennt er Sarah Silverman und Larry David. Evelyn Hamann, Helga Feddersen und Elisabeth Volkmann, die "viel zu früh gestorben sind". Sie verehrt er genauso wie Helge Schneider, Hape Kerkeling und Christian Ulmen ("Der hat Stil, Niels Ruf hat ihn nicht"). Über allem aber schwebt Udo Jürgens, "der größte Unterhalter aller Zeiten". Als Rudi Carrell, schon vom Tode gezeichnet, mit der Goldenen Kamera geehrt wurde, da hat Oliver Polak geweint.

Obwohl er "kein jüdischer Komiker sein" will, ist er es natürlich, denn "das Jüdische" ist sein Tummelplatz, seine Passion und seine Vorratskammer. Ebenso wie "das Türkische" für Kaya Yanar die Kulisse ist, vor der er seine Geschichten erzählt. Und es ist erstaunlich, wie sich die Geschichten ähneln, wie viel türkische und jüdische Eltern, Kinder und Aufsteiger gemeinsam haben. Sich über das Milieu, aus dem man kommt, lustig zu machen, ist eine therapeutische Maßnahme, mit der man sich zugleich befreien und bekennen kann. Es macht Spaß und es ist gesund. Man muss nur die Grenzen kennen. "Jud süß-sauer", sagt Polak, wäre ein prima Titel für ein Programm. "Ein Jude gibt Vollgas!" wäre völlig daneben.

Und jetzt hat Polak auch noch ein Buch geschrieben, sein erstes: "Ich darf das, ich bin Jude". Der Titel ist Programm und Parodie zugleich, eine Abrechnung mit Judenfreunden, die beim Klang einer Klezmerkapelle vor Rührung ohnmächtig werden, und Judenfeinden, die ihre Ressentiments hinter Sätzen wie "Einige meiner besten Freunde sind Juden..." verstecken.

Gleich am Anfang macht Polak seinen Lesern ein Angebot: "Lassen Sie uns ganz unverkrampft miteinander umgehen... Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust – und Sie verzeihen uns Michel Friedman."

Wie bei jedem jüdischen Komiker ist auch Polaks literarischer Steinbruch sein Elternhaus. Mit vier Jahren wurde er noch "im Kinderwagen spazieren gefahren", seine Mutter hat mit 42 versucht, "das Abitur zu machen, nur damit sie in der Schule neben mir sitzen konnte". Sein Vater, der nach dem Krieg nach Papenburg zurück kehrte, war "ein lebendiges Mahnmal", daheim gab es nur Hühnchen mit Reis, ersatzweise Reis mit Hühnchen. Heute isst er am liebsten Käsespätzle, Semmelknödel und Leberwurst - und hört dabei gerne Wagner-Musik.

Und obwohl Bücher nicht sein Ding sind, hat ihm das Schreiben so viel Spaß gemacht, dass er schon ans nächste Buch denkt. Es soll "Thora reloaded" heißen.

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