Comedy-Kult: Buhei ums sprechende Brot

Von David Frogier de Ponlevoy

"Bernd das Brot" ist eigentlich ein Maskottchen des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals. Seit einigen Monaten entwickelt sich das animierte Backwerk jedoch zum heimlichen Kultstar für erwachsene Zuschauer - obwohl Bernd dauerdepressiv und mürrisch ist. Oder gerade deswegen.

Cartoon-Charakter Bernd (als "Mr. Spock"): "Ich halte mich in der Nähe des Wahnsinns auf"
KIKA

Cartoon-Charakter Bernd (als "Mr. Spock"): "Ich halte mich in der Nähe des Wahnsinns auf"

Sherwood Forest. Zwischen Robin Hood und seinen Getreuen sitzen drei Stoffpuppen. Eine davon, ein quietschgelbes Schaf mit feuerroten Haaren quengelt: "Mensch Robin, wir wollen auch mit! Ich bin eine klasse Schwertkämpferin, Briegel der Busch ist ein genialer Stratege und Bernd hier ist..." (Bernd:) "Kurz vorm Herzinfarkt?"

Willkommen im Kinderfernsehen, in der Welt von "Bernd, dem Brot". Eine Figur, deren absurdem Charme man sich bereits beim ersten Blick nur schwer entziehen kann: Aus einem viereckigen Laib Brot mit zwei Kulleraugen wachsen zwei große Hände. Die Ringe unter den Augen und der verkniffene Mund signalisieren: Hier leidet jemand unter zu viel Stress. In der Tat sind Bernds Lieblingssätze: "Ich würde jetzt lieber allein sein", "Ich möchte jetzt gerne aus dieser Serie aussteigen" oder auch "Mein Leben ist die Hölle" und vor allem: "Mist!"

Bernds Problem: Seine beiden Film-Partner sind ebenso tatendurstig wie unbekümmert. Dem gelben "Stunt-Schaf" Chili fiele in derselben Situation höchstens ein Satz ein wie "Je knapper wir entkommen, desto spannender!", und der Tüftler Briegel konstruiert mit Vorliebe komplizierte Apparate, die sich anschließend selbst in die Luft sprengen.

Alle drei tauchen bereits seit 2001 im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal (KiKa) auf, ursprünglich als Protagonisten von "Tolle Sachen, der einzigen Werbesendung im KiKa" (täglich etwa 15.05 Uhr), wo Schaf und Busch Werbung für einen Gegenstand machen, mit dem anschließend ein zufällig ausgewählter Testkandidat Kopf und Kruste riskiert. Zufällig ausgewählt? Natürlich nicht. "Explodiert es gleich, oder muss ich vorher noch irgendwo draufdrücken?", könnte Bernd jedes Mal fragen, denn der running gag lautet nunmehr seit Jahren: "Unser Testkandidat heute ist... Bernd, das Brot!"

Bernd das Brot: Vom Kinderstar zum Kultobjekt
KIKA

Bernd das Brot: Vom Kinderstar zum Kultobjekt

Der Sprung vom Kinderstar zum Kultobjekt erfolgte praktisch über Nacht - im wahrsten Sinne des Wortes: Seit Anfang des Jahres 2003 teilt sich der Kinderkanal (zumindest für Satellitenempfänger) den Sendeplatz nicht mehr mit Arte. Das bedeutet eine um zwei Stunden verlängerte Sendezeit, aber auch Sendepause ab 21 Uhr. Anstatt KiKa-Logos durchs Bild flattern zu lassen, entschied man sich in der Redaktion dafür, nächtens eine Endlosschleife mit Episoden von Bernd, Chili und Briegel zu zeigen.

Spätestens jetzt wurde klar: Die misanthropische Verweigerungshaltung und der schwarze Humor von Bernd treffen nicht nur die Kika-Zielgruppe zwischen 8 und 13 Jahren, sondern begeistert auch jene Erwachsenen, die beim spätabendlichen Zappen zwischen 0190-Nummern und Spaghetti-Western im Kinderkanal landen und dort dann beispielsweise diesem Dialog zwischen einem Busch im Raumanzug und einem Kastenbrot mit Spock-Ohren lauschen können: (Busch) "Wenn Sie mich suchen, ich halte mich in der Nähe der Rettungskapsel auf." (Bernd) "Wenn Sie mich suchen, ich halte mich in der Nähe des Wahnsinns auf, genauer gesagt auf der schmalen Linie zwischen Wahnsinn und Panik, gleich um die Ecke von Todesangst, nicht weit weg von Irrwitz und Idiotie!"

Bernd-Kult in einem Freiburger Studentenwohnheim: "Sagt mal, kennt ihr eigentlich dieses Brot?"
David Frogier

Bernd-Kult in einem Freiburger Studentenwohnheim: "Sagt mal, kennt ihr eigentlich dieses Brot?"

Zunächst begann es in den Internet-Foren zu knistern: Egal ob das Hauptthema Computerspiele, Radsport oder Hanf-Anbau lautete, früher oder später stellte im Frühjahr 2003 jemand die Frage: "Sagt mal, kennt ihr eigentlich dieses Brot?" Ein paar Monate später feiern in Freiburg Studenten Partys unter dem Motto "Hier tanzt sogar das Brot", und beim KiKa-Wettbewerb um die schönste Brot-Choreographie präsentierten nicht nur Kinder, sondern auch Jazztanzgruppen und Feuerwehrkappellen ihre Ideen. Seit Mitte September steht Bernd als über vier Meter große Strohpuppe auf einem Feld vor dem thüringischen Stadtroda, nicht weit vom KiKa-Sendezentrum in Erfurt entfernt.

Kinderkanal-Redakteur Carsten Schulte ist immer noch verwundert über den Brot-Boom: "Zu all dem haben wir die Leute definitiv nicht aufgefordert." Unnötig zu erwähnen, dass der für Bernd produzierte Song ("Tanzt das Brot") sich seit Wochen in den Deutschen Singlecharts tummelt, und dass jene Spielzeugmanufaktur in Bad Kösen, die mittlerweile Bernd-Puppen am Fließband herstellt, zwischenzeitlich nicht mehr liefern konnte. Mehr als 15.000 Stück wurden bisher verkauft - ohne dass die Puppe irgendwo beworben wird.

Erklären können sich die Macher den Hype um das liebenswerte Kastenbrot nicht. "Wir haben zwar nie den Anspruch gehabt, dass es nur Kindern gefallen soll, aber mit einem derartigen Erfolg gerechnet haben wir nicht", sagt Regisseur Erik Haffner von der Produktionsfirma Bummfilm. Kika-Redakteur Schulte bemüht zunächst die Theorie, dass Bernd wohl den "Zeitgeist auf schlechte Laune" treffe. Aber "eigentlich ist das doch alles zu viel interpretiert", fügt er dann hinzu. Tatsache ist, dass der Altkirchener Produktionsfirma, die sonst Comedy-Formate unter anderem für Stefan Raab und Wigald Boning dreht, ein großer Wurf gelungen ist: eine Mischung aus Slapstick und Ironie, die Familien übergreifend für gute Laune sorgt. "Wir haben relativ früh gemerkt, dass wir bei Bernd zwei Ebenen von Gags drin haben", sagt Haffner.

Brot-Fan beim KiKa-Kinderfest: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt
David Frogier

Brot-Fan beim KiKa-Kinderfest: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt

Wie viele Zuschauer der Kinderkanal mit seinem Erwachsenen-Erfolg insgesamt gewonnen hat, wissen die Verantwortlichen indes nicht, denn die Nachtschleife gilt nicht als "offizielles Programm", fließt also nicht in Quotenberechnungen mit ein - ganz abgesehen davon, dass den KiKa ohnehin nur die Einschaltquoten der Kinder interessieren. "Wir nehmen den Rummel wohlwollend zur Kenntnis, aber unsere Zielgruppe bleibt das Kind", sagt Schulte. Wie viele Erwachsene den Sprung von der Nachtschleife zum Nachmittags-Programm des Kinderkanals bewältigen, um "Bernd" zu sehen, bleibt also eine unbeantwortete Frage.

Nimmt man jedoch die Zuschauerpost und die wuchernde Zahl von Fanpages im Internet als Maßstab, sind es nicht wenige, die mittlerweile Samstag mittags "Chili TV" einschalten, wo die drei Maskottchen wahlweise als Märchenerzähler ("Brotkäppchen"), Star-Trek-Besatzung ("Auch wenn ich die Funktionsweise dieser Konsole nicht kenne, glaube ich nicht, dass sie rauchen sollte"), oder Western-Persiflage zu bestaunen sind. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Auf dieser Schiene will der Kinderkanal auch weiterfahren, im November beispielsweise anlässlich einer gewissen Buch-Neuheit mit der Serie "Berndie Broter und der Kasten der Katastrophen" sowie einer besondere Silvester-Ausgabe. "Da gibt es ja einen traditionellen Schwarz-Weiß-Sketch", verrät Schulte, "und ich sage nur so viel: Das können wir auch!" Vor dem geistigen Auge steigt sofort ein Bild auf: Bernd im Butler-Anzug stolpert über einen ausgestopften Busch. "Mist!"

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