Comedy-Marathon auf Sat.1 "Nur Grimassen, keine Pointen"

Mit "3 ein Viertel", "i Team" und "two funny" lässt Sat.1 gleich drei neue Comedy-Formate auf den Freitagabend-Zuschauer los. SPIEGEL ONLINE testete den Spaßfaktor. Fazit: besser als Mario Barth, erfolgreicher sicher nicht.

Von Jan Freitag


Man könnte es wohlwollend als Unterhaltung bezeichnen oder polemisch als Belastungstest – nüchtern betrachtet ist es vor allem ein Selbstversuch: am letzten Abend der Arbeitswoche Sat.1 schauen. Bis in die Puppen. Der Sender nennt das Fun-Freitag, oder besser: Er pflegte es so zu nennen, bis die Quoten sommers so tief sanken, dass sich Geschäftsführer Matthias Alberti, ein erklärter Freund leichten Fernsehamüsements, zu neuen Claims entschloss, wie man neudeutsch zu Slogan sagt, also altdeutsch Motto. Vom Fun-Freitag ist nun keine Rede mehr, wenn 60 Minuten nach der Tagesschau ein komödiantischer Dauerlauf bis weit nach Mitternacht beginnt. Leider ist der Verzicht aufs Schlagwort das einzige, was sich grundlegend ändert, im Januar 2008, der Zeit des Aufbruchs.

Denn schon im ersten Bild geschieht, was die Comedy-Kultur in diesem Land prägt: irgendein bekanntes Gesicht, nennen wir es Markus Maria Profitlichs, verzieht selbiges unter wechselnden Verkleidungen so vielgestaltig, dass jede verbale Pointe lässlich wirkt. "3 ein Viertel" heißt einer der vier gestrigen Serienstarts bei Sat.1, von denen mit "Die dreisten Drei" erst einer erprobt ist. Derart viele Premieren sind typisch für die Segregation im Fernsehen. Es gibt Mystery-Montage, Crime-Dienstage, Europacup-Mittwoche, Comedy-Freitage, Show-Samstage und wenn einer davon runderneuert wird, dann gern im Paket.

An diesem Freitag also bläst Profitlich, ein respektabler Verwandlungskünstler, zur Witz-Soap im fiktiven Essener Stadtteil "Schraubstock" und wechselt die Charaktere dort schneller als aus dem Off die Lacher nachkommen. Das ist selten komisch, hat aber den Charme einer fortlaufenden Geschichte, eines roten Fadens, der einem dramaturgischen Zufallsgenerator wie Mario Barth gut zu Gesichte stünde. Um zu sehen, wie sehr, schalten wir also um auf RTL, das den Freitagabend ebenfalls zur Lachperiode erklärt. Des Feuilletons liebster Prügelknabe präsentiert dort seit Herbst Kollegen, besonders aber sich selbst, den derzeit Erfolgreichsten seiner Zunft.

Ein Trommelfeuer der Selbstreferenzen

Eben also hat "3 ein Viertel" einem Ganovenpärchen dadurch Substanz verliehen, dass es durch einen Überbiss fistelt und eine Boxervisage grunzt, da sagt Barth, was bundesweit jede Mehrzweckhalle füllt: "Wer so laut schaltet", berlinert er und lacht vorsorglich selber, "braucht nicht hupen". Er meint seine Freundin im Auto, das tut er ständig und damit wäre sein Phänomen hinreichend erklärt. Zurück auf Sat.1 packt Profitlichs erfrischend unverbrauchtes Team die humoristische Sozialstudie in Polen-, Orthopäden-, Politiker- und Frauenwitze, während (wieder bei RTL) vier sendereigene Promis mit Motto-Shirts auf dem Sofa sitzen und sich gegenseitig promoten.

Ein Trommelfeuer der Selbstreferenzen – so funktioniert Comedy heute. Und nur so unterscheidet sie sich im Grunde von damals, den Hallervordens, Asmussens, Krebsens. Die haben wie Profitlich dicke Brillengläser oder Stotterei zur Pointe geadelt und wie Barth bärtige Zoten gerissen. Allein, sie haben sich schlechter vermarktet; letzterer jedenfalls erreicht dank unablässiger Crosspromotions spielend ein Drittel der werberelevanten Zielgruppe, sechs Millionen Zuseher insgesamt. Als er Atze Schröder zum Sportwagenrennen auf den Nürburgring lädt, startet bei Sat.1 das Plagiat einer britischen Sitcom über eine IT-Abteilung, die in ihrem Keller noch jedes Klischee über Nerds durchdekliniert. Erheiternd ist auch "i Team" nicht, aber die Charaktere verfügen über Identitäten und ihre Gesichter sind eher ungewohnt. Das ist schon was, im Staffellauf der Stars.

Humor ist, wo immer man lacht

Und weil die Personalisierung des Humors so voranschreitet, weil ein Michael Mittermeier für Topquoten nur im Abspann erscheinen muss oder der Maddin durch alle Sender grinst, überrascht auch das dritte Debüt des Abends. Als bei RTL Sketche mit versteckter Kamera ("Böse Mädchen") enden, scherzen zwei Rookies (Judith Richter und Alexander Schubert) nach Drehbuch und erreichen in "two funny" sogar ein gewisses "Sketchup"-Niveau. Für den Moment wenigstens. Denn das Problem: Es muss immer weitergehen. Seit Anke Engelke den Sendeplatz zur festen Comedy-Adresse machte, wird permanent Personal hindurchgejagt. Redaktionssitzungen des Fun-Freitag stellt sich das Medienblog "Spreeblick" wie einen "Bingoabend im Gulag vor: Man versucht, unter schwierigen Bedingungen mit unzureichenden Mitteln, Humor zu erzeugen". Im ungleichen Kampf mit Konkurrenten wie Barth und schwindender Akzeptanz in allen Altersgruppen. Es ist schon zum Verzweifeln: während der feine Spott eines Bastian Pastewka bis vorige Woche konstant gemieden wurde, erzielten die überschätzte "Schillerstraße" oder die erfolgreiche RTL-Show "7 Tage, 7 Köpfe" jahrelang Bestwerte.

Weil die Zeiten offenbar vorbei sind, lästert der Online-Dienst DWDL, "Fun-Freitag" sei nach Kaya Yanar und Engelke "vom Qualitätssiegel zum Schimpfwort degeneriert". Aber die wirklich witzige Comedy auf Sat.1 läuft ohnehin früher, in den Gerichtsshows oder jeder absurden Crimesoap à la "K11". Humor ist, wo immer man lacht.



insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MichaelSE, 05.01.2008
1.
Zitat von sysopMit "3 ein Viertel", "i Team" und "two funny" lässt Sat.1 gleich drei neue Comedy-Formate auf den Freitagabend-Zuschauer los. SPIEGEL ONLINE testete den Spaßfaktor. Fazit: besser als Mario Barth, erfolgreicher sicher nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,526786,00.html
...gibt es eigentlich wirklich jemanden, der die Comedy von Markus Maria Profitlich - auch wenn er wirklich sympathisch ist - komisch findet? Der Humor ist so platt, albern und eher nur für Kinder... da kann man nicht mal mehr lächeln.
Knighter 05.01.2008
2.
wir (mein bruder, 27) und ich (29) sind gestern versehentlich (während ner werbepause) für wenige sekunden auf rtl und sat1 hängen geblieben. also was sich da einem bot, was das blanke grauen. mir ist schon lange klar, dass seit "wochenschau" und "was guckst du?", (jeweils die ersten staffeln) aus sat1 nur müll-comedy gebracht wird. und auch was diese engelke auf dem schirm als comedy verkaufen wollte (oder noch will?)(ladykracher), war der allerletzte, unlustigste schwachsinn überhaupt, gleichauf mit dem unfug von profitlich, unerwähnt bleibt harald schmidt mit seinem immer schon lahmen us-latenight abklatsch. der käse nun, der im artikel genannt wurde, war absolut erbärmlich, auf sat1: gelächter vom band, das per zufallsgenerator eingspielt wurde und auf rtl der schon lange nicht mehr komische atze schröder vs. mario barth...schnarch...also ich meide diese comedy-nullnummern (samt stefan raab, der auch schon lange nichts mehr zu bieten hat) und sehe mir lieber matthias deutschmann, volker pispers und co. an, die wenigsten noch was auszusagen versuchen.
Hank vanHelvete 05.01.2008
3.
Das traurige ist, dass das englische Original zum "iTeam" eine wirklich großartige Serie ist (zumindest für jemanden, der in so ziemlich genau solch einem Unternehmen arbeitet ;-)). Da hier aber wirklich alles stumpfsinnig ins Deutsche übersetzt wurde, geht die Masse der Gags einfach in der Übersetzungsfalle unter und wirkt eher dämlich als witzig. Davon abgesehen mögen die Gesichter halbwegs unverbraucht sein, man nimmt ihnen ihre Rollen aber nicht wirklich ab. Eine legale Downloadmöglichkeit für das englische Original findet sich btw. hier: http://www.filecloud.com/files/category.php?category_id=3720 es kann also jeder mal selbst vergleichen.
L.,olli 05.01.2008
4.
Mir fällt bei dieser Diskussion auf, dass die meisten "Mario Barth"-Kritiker selbst scheinbar keinen guten Blick auf sich selbst oder ihre Umwelt haben. Oder vielleicht die eigenen Unzulänglichkeiten sehen, aber nicht wahrhaben wollen. M.B. macht sich über die Alltäglichkeiten lustig und das sogar recht gut. Nur sollte man diese Show nicht jede Woche sehen, sondern einmalig, dann ist es noch lustig. In der heutigen Medienlandschaft wird doch alles totgesendet. Würden die vorher genannten Kabarettisten auch so oft über den Äther kommen, würden wir diese auch nicht mehr witzig finden. Otto Waalkes hatte früher maximal 2 Sendungen im Jahr, Loriot wurde auch nicht viel häufiger gesendet. Oder sind die jetzt auch unwitzig und blöde? Es gibt einen Unterschied zwischen "lustig" und "politisch amüsant". Doch das muss hier in Deutschland in Foren diskutiert werden. Die Humorpolizei ist wieder unterwegs, uiuiui. Wenn es die Spiegel-Junkies nicht interessiert, dann brauchen sie auch keine Artikel zu diesem Thema schreiben lassen. Mir kommt es vor, als seien hier sehr viele Passiv-Humoristen unterwegs, die sich nur über Menschen amüsieren können, die ihnen die Unzulänglichkeiten von Politikern oder Promis auf die Nase binden. So dass sie schön aussen vor sind, bloß nicht in den Spiegel sehen (in diesem Falle mal nicht das Politmagazin). Mein Tipp: Lacht mal wieder über euch selbst. Das ist Humor…
Obiwan72, 05.01.2008
5.
Sat1 mausert sich zu Dem "Comedy"-Kanal im deutschen Raum. Mit teutonischer Gründlichkeit soll unser aller Lachgetriebe bis an den äussersten Rand der Leistungsfähigkeit gejagt werden. Allerdings wartet man dann meist auf Pointen die entweder nicht kommen oder so flach sind, dass die Sendungen keinesfalls in nüchternem Zustand zu ertragen sind. Ich kann nicht mehr...und zappe Sat1 einfach mit einem breiten Grinsen weg!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.