Comedy und Obama Wenn Komiker schwarz sehen

Was gäbe es unter einem schwarzen Präsidenten noch zu lachen? Barack Obama ist der Wunschkandidat vieler afroamerikanischer Komiker - und ein Problemfall: Wer ihn verulkt, riskiert den Schulterschluss mit weißen Rassisten.

Von Jonathan Fischer


Warum es in Amerika niemals einen schwarzen Vizepräsidenten geben wird – zumindest nicht unter einem weißen Präsidenten? Der afroamerikanische Komiker Chris Rock weiß die Antwort: "Weil dann irgendein Schwarzer den Präsidenten umlegen würde. Ich selbst würde es tun. Warum nicht? Was sollte mir schon passieren? Ich werde mit einem Haufen anderer Schwarzer im Gefängnis sitzen und sie werden mich mein Leben lang wie einen Helden behandeln. Ich wäre der Größte in der amerikanischen Gefängnisgeschichte. Würde Autogramme geben. Und sie würden mir ehrfurchtsvoll ins Ohr flüstern: 'Chris, Chris, ich wollte Dich eigentlich vergewaltigen, bis ich merkte dass Du es bist.'"



Natürlich ist diese Pointe politisch unkorrekt, der Sketch stammt aus dem Jahr 1997 – und könnte heute kaum noch öffentlich präsentiert werden. Schwarze-Präsidenten-Witze waren so lange gut, als die Aussicht auf einen solchen ans Surreale grenzte. Nun aber mit Barack Obama als möglicherweise erstem Afroamerikaner im Weißen Haus scheinen sie mit einem Schlag tabu.

Schwarzweißdenken contra Humor

Schon ein satirisches Titelbild des "The New Yorker" mit Obama und seiner Frau Michelle als Fäuste ballende, Flaggen verbrennende Bin-Laden-Freunde im Weißen Haus reichte Mitte des Jahres aus, um die amerikanische Öffentlichkeit zu entrüsten. Anstatt das Cover als Parodie auf die Unterstellungen von Obamas Gegnern zu verstehen, wurde es als "Geschmacklosigkeit" von allen Seiten verurteilt.

Ist es also überhaupt möglich, sich über Obama lustig zu machen? Die "New York Times" kam unlängst zu einem ernüchternden Ergebnis: Weder Late-Night-Show Moderatoren wie Jay Leno und David Letterman noch die Berufskomödianten vom Fernsehkanal Comedy Central haben mehr auf Lager als ein paar flapsige Bemerkungen über Obamas Ohren.

Das mag einerseits an der relativ makellosen Fassade des schwarzen Präsidentschaftskandidaten liegen: Anders als seine Vorgänger Clinton (Frauenaffären), George Bush (verhaspelte Reden) oder Al Gore (roboterhafte Person) bietet er kaum Angriffspunkte für Comedy. Mehr noch aber hat es mit seinem auffallendsten Distinktionsmerkmal zu tun: seiner Hautfarbe.

Da sich Witze darüber von selbst verbieten, eine Stereotypisierung schwarzer Menschen schnell als Rassismus gebrandmarkt wird und – siehe die Aufregung um den "The New Yorker"-Titel – selbst satirische Überzeichnungen in Wahlkampfzeiten offensichtlich tabu sind, beklagte sich Starmoderator Jimmy Kimmel in einer Sendung: "Man kann nicht über ihn scherzen, weil er halb weiß ist."

Das eigentliche Problem aber dürfte vor allem die Hautfarbe der Moderatoren und ihres Publikums sein. Angesichts der fast blütenweißen Zusammensetzung der großen Late-Night-Shows, erscheint jede Stereotypisierung von Afroamerikanern als vermessen: "Ich glaube, dass unser Publikum in dieser Hinsicht sehr befangen ist", sagt Mike Sweeney, der Chefautor für Conan O’ Briens Late-Night-Show.

Eine Rasse für sich

Schwarze Komiker dagegen scheinen weniger Hemmungen zu haben; sie gehen das Thema Rassenbeziehungen deutlich ungezwungener an. Der vor kurzem verstorbene Starkomiker Bernie Mac, ein langjähriger Unterstützer Obamas, brüskierte den Präsidentschaftskandidaten, als er bei einer Spendenveranstaltung seine üblichen Scherze vom Stapel ließ: Gags über die Menopause, über Prostitution und die problematischen schwarzen Familienverhältnisse. Nicht nur gab es verärgerte Zwischenrufe, Obama sah sich auch genötigt, die Äußerungen des Comedians öffentlich als "unangemessen" zu schelten.

Dabei waren Bernie Macs Pointen noch vergleichsweise harmlos, zumindest wenn man den Mann in die Tradition afroamerikanischer Komik stellt. Und ihn etwa mit Dave Chappelle vergleicht. Der populärste schwarze Comedian unserer Tage ist auch hierzulande durch die Übertragung seiner Sketche auf MTV ein Begriff. Chappelle war innerhalb weniger Jahre aus dem Untergrund der Stand-up-Comedy-Clubs zum Fernseh-Superstar herangewachsen, der für seine Show die populärsten HipHop-Acts buchen konnte und dessen Pointen auf jedem amerikanischen Schulhof kursierten.

Letztlich aber scheiterte der Entertainer ausgerechnet in seiner Paradedisziplin: dem komischen Kommentar zur Rassenproblematik. 2005 hatte Chappelle mitten in der dritten Staffel seiner hochgelobten Comedy Show und trotz eines 50 Millionen-Vertrags mit Comedy Central das Handtuch geworfen. Er konnte seine Karriere nicht mehr mit den eigenen politischen Standards vereinen.

Das N-Wort

In der "Oprah Winfrey Show" erzählte er von einem weißen Zuschauer, der in seiner Show auf eine Art und Weise gelacht hätte, die ihn vor die Entscheidung stellte: Aufhören oder sich für viel Geld verraten. Schließlich kam es nicht nur darauf an, was man sagte. Sondern auch vor wem. Insider-Witze blieben nur solange problemlos, als sie vor einem eingeweihten Zuhörerkreis erzählt wurden. Was aber, wenn die ganze Welt zuhört? Der Witz von den falschen Leuten geschätzt wird?

Comedy-Superstar Chris Rock hat dieses Dilemma in einem Sketch auf den Punkt gebracht:

"Weiße Person: 'Chris, kann ich 'Nigger' sagen?'

Ich: 'Warum solltest du das überhaupt wollen?'

Weiße Person: 'Ich meine es doch nicht böse. Ich habe die ganze Welt bereist. Ich besitze eine Yacht. Ich habe Raquel Welch flachgelegt. Wenn ich jetzt noch 'Nigger' sagen könnte, würde sich meine Welt komplett anfühlen.'"

Das Wort "Nigger" hört man oft von schwarzen Komikern. Aber dann fallen Subjekt und Objekt des Gags zusammen. Der legendäre Richard Pryor konnten seinen "Bicentennial Nigger"-Sketch in den siebziger Jahren nur so lange bringen, als sein Publikum schwarz war: "Schwarzer Humor", heißt es da, "begann auf den Sklavenschiffen".

Wer lacht mit wem und warum?

Pryor dürfte damit kaum übertrieben haben. Afroamerikanische Witze hatten stets eine Überlebensfunktion, stärkten die Solidarität von Erzähler und Publikum. Auf diese Weise benutzten auch Pryor und Chappelle das Wort "Nigger". Kein weißer Komiker aber kann dieses Wort ironisch benutzen. "Es gibt da eine schmale Grenze, ob man mit jemandem oder über jemanden lacht", hat Pryor einmal erklärt.

Kein Wunder, dass sowohl Pryor als auch Chappelle es zu späteren Zeitpunkten ihrer Karriere – vor Mainstream-Publikum - ablehnten, das N-Wort weiter zu benutzen. Chappelle hatte zwar weiterhin seinen Spaß daran, afroamerikanische Stereotypen aufzuspießen: So machte er sich in der Serie "When keeping it real goes wrong" über die herrschende Straßenethik lustig, oder er ließ einen blinden schwarzen Ku-Klux-Klan-Führer die Absurditäten des Rassismus aufdecken.

Chappelles Clou: Er setzte sich über die Ansprüche der political correctness hinweg, indem er gleichmäßig nach allen Seiten austeilte. Berüchtigt sein Stück "Race Draft", in dem verschiedene ethnische Gruppen die Möglichkeit haben, andersrassige Menschen für sich zu adoptieren: Die Schwarzen nehmen Eminem im Austausch für Condoleezza Rice, die Asiaten kassieren den Wu Tang Clan - eine Mini-Burleske, die doch mehr über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft aussagt als jede akademische Konferenz zu "ethnischer Hybridisierung".

Wer aber würde Obama für sich beanspruchen?

Möglicherweise wäre Dave Chappelle – er tritt inzwischen nur noch im kleinen, halbprivaten Rahmen auf – der Einzige, der die passenden Pointen zur Verulkung eines schwarzen Präsidenten finden würde. An seiner Stelle wird David Alan Grier ab Oktober auf Comedy Central das Unmögliche versuchen: schwarzen Humor an ein Mainstream-Publikum zu verkaufen. "Chocolate News" soll das Satireformat heißen.

Ob wir dort aber auch Obama-Witze zu hören bekommen ist zweifelhaft. "Ich kenne eine Menge davon", sagt Grier, "und erzähle sie auch auf der Bühne".

In seiner Late-Night-Show aber wird er womöglich die wenigsten davon durchbringen: "Das hat mit dem Territorium zu tun. Viele Schwulenwitze funktionieren auch nur im Schwulenclub."



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